"Wir befinden uns in einer sehr komplexen energiewirtschaftlichen Situation"

APG-Sprecher Christoph Schuh im Interview über die Folgen des Beinahe-Blackouts.

Seit Jahren warnen Experten vor einem sogenannten Blackout, einem totalen Stromausfall. Am am 8. Januar, hätte es nun beinahe europaweit so einen Blackout gegeben. Wie es dazu gekommen ist und wie so ein Vorfall auch in Zukunft verhindert werden kann, erklärt Christoph Schuh, Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG) im LEADERSNET-Interview.

LEADERSNET: Herr Schuh, was ist am 8. Jänner genau passiert, das beinahe zu diesem Blackout geführt hätte?

Schuh: Am Nachmittag des 8. Jänner – es war so um 14.05 Uhr – ist es zu einem Ausfall einer Sammelschiene aufgrund von Überlastung in einem Umspannwerk in Ernestinovo in Kroatien gekommen. Diese Überlastung hat dazu geführt, dass es in Folge – da dieses Umspannwerk eine Art Knotenpunkt in Kroatien ist, wo diverseste Leitungen in den Norden bzw. auch in den Süden gehen – zu weiteren Überlastung in Leitungen in diesem ganzen Gebiet von Kroatien bis hin zu Rumänien gekommen ist. Das hat dazu geführt, dass das europäische Stromnetz in zwei Frequenzbereiche getrennt wurde: eines mit unter Frequenz und eines mit über Frequenz. Das heißt, es kam zu einem sogenannten Split, einer Trennung von diesem Netzbereichen und Österreich war beim nördlichen Split dabei. Da herrschte Unterfrequenz. Dies hat zu sogenannten Schutzmechanismen geführt, wo dann Kraftreserven automatisch beginnen, diesen Frequenzabfall zu korrigieren.

Sie müssen sich das so vorstellen, dass hier innerhalb von Millisekunden Kraftwerke anspringen, die dann eben entweder diese Überfrequenz oder diese Unterfrequenz beginnen zu korrigieren. Dieser Frequenzabfall wurde auch innerhalb von wenigen Minuten gestoppt. In einer weiteren Phase – das hat dann eine Stunde gedauert – wurde dann die Frequenz wieder nach und nach auf diese 50 Hertz zurückgeführt und in weiterer Folge, um 15.05 Uhr, fand dann die Synchronisierung dieser beiden Netze wieder statt. Der Normalzustand wurde wiederhergestellt.

LEADERSNET: Welche Folgen hätte ein tatsächlicher Blackout gehabt?

Schuh: Ein tatsächlicher Blackout hätte zur Folge gehabt, dass der Strom ausfällt. Es ist so, dass wenn die Frequenz ein gewisses Maß überschreitet, dann schalten sich diverseste Trafostationen und in weiterer Folge Sicherheitseinrichtungen ab. Das führt dann zu einer weiteren Kaskade. Das hat es aber in Europa in den letzten Jahrzehnten eigentlich nicht gegeben. Der letzte große Fall, wo in etwa 20 Millionen Haushalte betroffen war, war im Jahr 2006. Das war auch so, dass wir da sehr viele Learnings gezogen haben.

Dieser 8. Jänner war für die gesamte Netzbetreibergesellschaft so etwas wie ein Testfall und diesen "Elchtest" hat die Übertragungsnetzvereinigungen in Europa sehr gut bestanden. Wir als Übertragungsnetzbetreiber sind gewohnt, mit kritischen Situationen umzugehen. Dass dieser Freitag eine sehr kritische Situation war, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Aber gleichzeitig muss man auch sagen, dass alle Instrumente, die wir seit 2006 entwickelt haben, gegriffen haben. Und so konnte innerhalb von einer Stunde dieses nachhaltige, schwierige Problem gelöst werden.

LEADERSNET: Besteht auch die Möglichkeit, dass der Strom für längere Zeit ausfällt?

Schuh: Es gibt auf europäischer Ebene die Vereinigung der Übertragungsnetzbetreiber (European Network of Transmission System Operators for Electricity/ENTSO-E), die im Übrigen auch den Zwischenbericht zu diesem Vorfall publiziert hat und die auch die "Ermittlungen" führt. Wir trainieren solche Situationen natürlich und bei diesen Trainings ist es so, dass auf der einen Seite simuliert wird, welche Netzinfrastruktur in den jeweiligen Szenarien zur Verfügung stehen. Und was aber noch viel wichtiger ist: Wie schaut die Verbrauchssituation und wie schaut die Produktionssituation aus? Wir überprüfen, welche Regelkraftwerke verfügbar sind. Die Regelkraftwerke, das sind jene Kraftwerke, die uns auch am 8. Jänner geholfen haben. Das sind sozusagen Kraftwerke, die kurzfristig bei solchen Situationen einspringen. Wenn man diesen Simulationen folgt, dann ist es in etwa so, dass wenn es zu einem totalen Blackout käme, dann würden wir in Österreich in etwa einen Tag brauchen, um das System wieder hochzufahren.

LEADERSNET: Welche Maßnahmen sind mittelfristig notwendig, um das auch in Zukunft zu verhindern?

Schuh: Wir glauben, dass ganz entscheidend sein wird, dass wir zuerst einmal – so wie bereits 2006 – Learnings aus dem Vorfall ziehen werden. Was das für Learnings sein werden, kann ich Ihnen jetzt nicht sagen, weil die Ermittlungen und die Erhebungen in dem Bereich noch nicht abgeschlossen sind. Was aber klar ist, dass wir allgemein derzeit in einer sehr komplexen energiewirtschaftlichen Situation sind. Wir befinden uns in der größten Transformation des Energiesystems seit Jahrzehnten. Da kommen verschiedene Wege zu einer Gabelung zusammen. Das ist auf der einen Seite die Dekarbonisierung, also sprich das Ziel der Gesellschaft, alle Produktionsprozesse bzw. den ganzen Energieverbrauch auf nachhaltigen Strom umzustellen. Dann gibt es die Digitalisierung, also einen ganz wesentlichen Treiber, der uns auch helfen wird, diese Situation auch zu bewältigen. Und dann gibt es einen weiteren Aspekt: Das ist die Demokratisierung des gesamten Energiesystems. Die klassische Rolle, dass der Konsument von Strom einfach Konsument ist, wird sich verändern. Wenn Sie beispielsweise ein Haus besitzen und eine Photovoltaikanlage drauf haben, werden Sie selber in das System einspeisen. Sie werden, wie es in Neudeutsch heißt, "Prosumer" werden.

All diese Prozesse führen dazu, dass die Infrastruktur – Netzinfrastruktur, Speicherinfstraktur und Kraftwerke – mehr Kapazitäten braucht. Wir müssen einen Systemansatz finden, wo wir all diese Themen – nämlich auf der einen Seite die Kapazitäten im Bereich der Netze, im Bereich der Speicher usw. – systemisch gleich entwickeln. Ganz wesentlich wird auch sein, dass die Prosumer durch digitale Plattformtechnologien – und da sehen wir uns das Übertragungsnetze gefordert – überschüssige Energie, die sie haben, für Systemdienstleistungen zur Verfügung stellen. Das nennen wir dann Flexibilisierung. Das Ziel ist, dass letztendlich alle Potenziale im gesamten System durch digitale Vernetzung und die Nutzung von Daten genutzt werden können – auch für die Systemstabilität. Für uns wiederum gesprochen gibt es zwei Bereiche: Das ist eine ist der Netzaus- und -umbau. Sie wissen wie langsam der Netzausbau in Österreich, aber auch in Europa, voranschreitet. Wir haben im letzten September final von den Höchstgerichten die Salzburg-Leitung genehmigt bekommen. Aber sie kommt eigentlich zehn Jahre zu spät. Das heißt, wenn wir in diesen Bereichen nicht einen Zahn zulegen, dann werden wir die Kapazitäten nicht haben, die wir brauchen, um das System zu managen. Das Gleiche gilt für die Speicher und das Gleiche gilt auch für die anderen Bereiche.

 

LEADERSNET: Trägt die Politik hier eine Verantwortung, weil sie die Problematik nicht früh genug erkannt hat?

Schuh: Ich glaube, es ist jetzt gar nicht so sehr die Zeit, dass man mit dem Finger auf jemanden zeigt. Es hat sehr lange gedauert, bis das Thema Energiewende in den gesellschaftlichen Diskurs aufgenommen wurde. Ich glaube aber, dass das Thema jetzt dort angekommen ist. Sie brauchen sich hier nur die letzten beiden Regierungsprogramme in Österreich anschauen oder auch, was auf europäischer Ebene – "Stichwort Green Deal" – beschlossen wurde. Ich glaube, es geht einfach darum, dass alle Akteure des Energiesystems sich die Frage stellen, was sie tun können. Egal, ob es ich bin, der sich jeden Tag die Frage stellt, ob ich mit dem Auto irgendwo hinfahre oder die Öffis benutze oder ein Unternehmen ist, dass sich die Frage stellt, ob es seine Produktionsprozesse verstromen kann.

Das, worauf wir als Übertragungsnetzbetreiber hinweisen müssen, ist – weil wir ja auch für die sichere Stromversorgung Österreichs verantwortlich sind – dass das keine akademische Diskussion sein darf, sondern – auch um jetzt Arnold Schwarzenegger zu zitieren – "It's time to act." Wir müssen letztendlich ins Tun kommen. Wir werden im nächsten Jahr 357 Millionen Euro in unser österreichisches Stromnetz investieren. Wir haben einen sogenannten Netz-Entwicklungsplan und wir werden in den nächsten zehn Jahren 3,9 Milliarden Euro investieren. Das heißt, wir sind in den Startlöchern. Aber das, was wir brauchen, ist die gesellschaftliche Akzeptanz in allen Bereichen und wir brauchen so etwas wie einen gesamt systemischen nationalen Schulterschluss. Dass das gelingt und dass die Politik es will, glaube ich, zeigt sich ja einerseits durch das Regierungsprogramm und andererseits erwarten wir in den nächsten Wochen und Monaten das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz, dass ein weiterer wesentlicher Schritt sein wird, um die Rahmenbedingungen für die Energiewende zu definieren.

LEADERSNET: Wie kann man sich als Privatperson oder Unternehmer auf einen Blackout vorbereiten?

Schuh: Als Übertragungsnetzbetreiber sind wir dafür zuständig, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Unsere Expertinnen und Experten und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten 24 Stunden am Tag daran, dass das funktioniert. In Österreich haben wir – nämlich die gesamte Energiewirtschaft – einen Record von 99,99 Prozent sicherer Stromversorgung in den letzten Jahrzehnten. Ich gehe davon aus, dass wenn wir die richtigen Learnings ziehen, es auch in Zukunft so bleibt. Es gibt immer wieder den Fall, beispielsweise durch sehr schwierige Wettersituationen im alpinen Bereich, wo Personen mehrere Tage ohne Strom auskommen müssen – so wie es letztes Jahr in Osttirol und Kärnten der Fall war – kann ein kleines Dieselaggregat natürlich hilfreich sein. (as)

www.apg.at

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