"Ich konnte in allen bisherigen Funktionen viel bewegen"

ORF-Online-Chef Thomas Prantner im Interview über sein 30-jähriges Dienstjubiläum – und warum er den Begriff nicht mag – den Relaunch der TVthek, seine Vision für den ORF und warum ihm Titel nicht wichtig sind.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Prantner, Sie feiern heuer Ihr 30-jähriges Dienstjubiläum. Stolz auf 30 Jahre ORF?

Prantner: "Dienstjubiläum" klingt alt, bürokratisch und outgoing. Das Gegenteil empfinde ich im ORF. Klar bin ich stolz auf die bisherigen 30 abwechslungsreichen, herausfordernden und erfolgreichen Jahre im ORF und dieses Unternehmen ist und bleibt ein wichtiger Teil meines Lebens. Doch es geht nicht um die Vergangenheit, es geht um die Zukunft. Und dieser sehe ich sehr optimistisch entgegen.

LEADERSNET: Was haben Sie in den letzten 30 Jahren alles verantwortet?

Prantner: Da ist schon einiges zusammen gekommen – an Erfahrung und Erfahrungen: Pressereferent, Büroleiter von Generalintendant Gerhard Zeiler, Kommunikationschef, Pressesprecher, Marketingchef, Onlinedirektor und jetzt stellvertretender Direktor für Technik, Online und neue Medien. Highlights waren sicherlich die spannende Umbruchszeit unter Generalintendant Zeiler 1994 bis 1998, die ich hautnah miterleben durfte und die Gründung der ORF-TVthek im Jahr 2009, die eine Erfolgsstory ist.

LEADERSNET: Welche Generaldirektoren haben Sie alle erlebt und wann hat man über Digitalisierung zu sprechen begonnen?

Prantner: Alle außer Otto Oberhammer – also Thaddäus Podgorski, Gerd Bacher, Gerhard Zeiler, Gerhard Weis, Monika Lindner und Alexander Wrabetz. Die Digitalisierung im ORF begann mit der Gründung von ORF.at 1997. Ab 2007 haben wir dann ein umfassendes Konzept für eine offensive Digitalisierungsstrategie im ORF umgesetzt: von der Gründung einer eigenen Online–Mediathek, der ORF-TVthek, bis zur engeren Vernetzung und Verschränkung von TV, Radio und Online im ORF-Angebot. Generaldirektor Alexander Wrabetz hat meine Projekte immer offensiv unterstützt und das ist positiv.

LEADERSNET: Welche Akzente wurden unter Ihrer Zeit als Digitalchef realisiert und digitalisiert?

Prantner: Die großartige Teamarbeit und Teamleistung der ORF-Online- und Teletext-MitarbeiterInnen sind hauptverantwortlich dafür, dass es gelungen ist, die klare Marktführerschaft des ORF in Österreich im Online- und Neuen Medien-Bereich zu behaupten. Mehr als eine Millionen Userinnen und User nutzen täglich ORF.at, mit der im März 2019 frisch gelaunchten ORF-TVthek verfügt der ORF über die größte Videoplattform des Landes  – fast 1,5 Millionen User pro Monat, mehr als 2,6 Millionen App-Downloads – und liegt in Sachen App-Entwicklung, Smart-TV und Teletext im europäischen Spitzenfeld. Der ORF ist mit all diesen Angeboten innovativ und zukunftsfit.

LEADERSNET: Wie hat sich der Relaunch der TV-Thek und die Markteinführung der App entwickelt?

Prantner: Es war höchste Zeit für einen Relaunch, denn die ORF-TVthek war schon in die Jahre gekommen – sowohl was Design, Look & Feel betrifft als auch bei Usabality und technischer Performance. Ich glaube, dass wir durch den im März durchgeführten Relaunch in vielen Bereichen besser geworden sind, aber noch einiges vor uns liegt, wie etwa eine Optimierung der Suchfunktion. Nach rund drei Monaten kann ich sagen, dass die neue ORF-TVthek vom Publikum sehr positiv aufgenommen wurde. Mit durchschnittlich 8,8 Millionen Visits pro Monat im Jahr 2019 verzeichnen wir die besten Werte seit Gründung der ORF-TVthek. In jedem Fall ist die neue ORF-TVthek einer der zentralen Player in unserer Digitalisierungsoffensive. Das hat sich vor allem in den vergangenen Wochen während des spannenden Polit-Showdowns mit Regierungskrise, Angelobungen und Neuwahlbeschluss gezeigt. Hunderttausende Userinnen und User verfolgten die dramatischen Ereignisse von Ibiza bis Ballhausplatz live auf der ORF-TVthek-App am Smartphone beim Einkaufen im Supermarkt, am Arbeitsplatz oder unterwegs im Auto. Sowohl die Rekordzugriffe als auch das Naherlebnis, wie sehr die Menschen das von uns entwickelte Produkt nutzen, zeigen deutlich, dass die relaunchte ORF-TVthek gut genutzt wird.

LEADERSNET: Die ORF TV-Thek hat eine 7-Tagesbeschränkung den Content auszuspielen. Warum ist das so und was hat das für einen Sinn?

Prantner: Das 7-Days-Catch-Up ist eine vom Gesetzgeber vorgegebene Regelung für die ORF-TVthek, aber sie ist in Wahrheit eine völlig überholte und nutzerfeindliche Online-Steinzeit-Bestimmung. Niemand kann nachvollziehen, warum wir unseren Premium-Content nach einer Woche offline stellen müssen. Es gab in den vergangenen Monaten seitens der Politik – wie vom ehemaligen Medienminister Gernot Blümel und von FPÖ-Mediensprecher Hans-Jörg Jenewein – klare Stellungnahmen, dies im Rahmen des neuen ORF-Gesetzes ändern zu wollen – wann immer dieses angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen kommen mag. In Deutschland ist diese Änderung bei ARD und ZDF bereits erfolgt.

LEADERSNET: Bei ORF.at sind 90 Personen beschäftigt, wobei Sie die höchste Frauenquote aller ORF Abteilungen zu verzeichnen haben. Worauf führen Sie das zurück?

Prantner: Ich bin seit 2007 hauptverantwortlich für den Bereich Online und neue Medien im ORF. Heute beträgt das Männer-Frauen-Verhältnis bei den ORF-Online-MitarbeiterInnen rund 50:50, bei den Führungsfunktionen gibt es sogar mehr Frauen als Männer. Sie leisten einen ganz entscheidenden Beitrag zum Erfolg von ORF-Online. Ein weiteres positives Signal ist, dass vor einigen Wochen mit Kathrin Zierhut erstmals eine Frau zur Leiterin der wichtigen ORF-Personalabteilung bestellt wurde. Und das ist gut so.

LEADERSNET: Ihre Vision für den ORF in den nächsten drei Jahren ist …

Prantner: … dass wir unsere Digitalisierungsoffensive massiv vorantreiben können und der ORF als modernes, öffentlich-rechtliches, Multimedia-Unternehmen positioniert ist; dass die strikten Online-Regulative gesetzlich gelockert oder gar beseitigt werden; dass wir mit all unseren New Media-Produkten weiterhin Marktführer sind und im Sinne der angekündigten Allianzen mit den österreichischen Zeitungen und Privat-TV-Unternehmen einen gemeinsamen Schulterschluss gegen die US-Internet-Giganten schaffen werden.

LEADERSNET: Wird sich der ORF als öffentlich rechtlicher Monopolist im Umfeld der privaten Medien und des Druckes der Digitalisierung mit den heutigen Restriktionen am freien Markt auch in Zukunft finanzieren lassen?

Prantner: Die Zeiten des Monopols sind längst vorbei. "Vom Monopol zum Marktführer" lautete die Unternehmens-Policy unter Generalintendant Gerd Bacher Anfang der 90er-Jahre und spätestens ab 1994 seit der Übernahme der Geschäftsführung durch Gerhard Zeiler befindet sich der ORF in voller Konkurrenzsituation in einem extrem umkämpften Publikums- und Werbemarkt. Der ORF hat es bisher hervorragend geschafft, sein umfangreiches nationales und regionales Programm- und Produktangebot in TV, Radio, Online durch ein kluges Mischfinanzierungssystem aus Gebühren und Werbeeinnahmen zu finanzieren. Dies ist akut gefährdet durch die Übermacht der Global Player und durch die massive Abschöpfung von Werbeumsätzen, aber natürlich auch durch die Gebührendiskussion. Bezüglich der Werbefinanzierung kann nur eine intensive Kooperation der österreichischen Medienhäuser dieser Entwicklung erfolgreich gegensteuern. Im geplanten "Marketplace Austria" werden der öffentlich-rechtliche ORF und die privaten Medienhäuser gemeinsam an einem Strang ziehen.

LEADERSNET: Sie gelten als bürgerlich-unabhängiger Medienmanager mit guter Gesprächsbasis und Akzeptanz in allen politischen Lagern und hätten gute Chancen gehabt auf einem FPÖ-Ticket in einen neuen ORF-Vorstand einzuziehen. Wie gehts jetzt weiter mit Ihnen im ORF?

Prantner: Mir ging und geht es bei meinen ORF-Jobs nicht um Titel. Ich habe das Glück gehabt, in allen bisherigen Funktionen viel bewegen zu können. Als stellvertretender Direktor für Technik, Online und neue Medien habe ich einen Vertrag bis Ende 2021 und möchte in dieser Zeit gemeinsam mit meinem Team noch einige Digitalprojekte realisieren – von der ORF-Radiothek bis zur Neuaufstellung des Filmportals Flimmit. Was danach ist, werden wir sehen. Es versteht sich von selbst, dass man als Mitglied einer Geschäftsführung noch mehr umsetzen kann.

www.orf.at

Über Thomas Prantner

Thomas Prantner startete sein berufliche Laufbahn als Volontär des ORF in der TV-Auslandsredaktion des Aktuellen Dienstes und als redaktioneller Mitarbeiter der Sendung "Auslandsreport". Ab 1994 arbeitete er als persönlicher Referent und Büroleiter von Generalintendant Gerhard Zeiler.

Von Juni 1995 bis April 2002 war Thomas Prantner Pressesprecher des ORF und Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, 1999 erhielt er die Prokura. 2002 wurde der gebürtige Wiener zum ORF-Marketingchef und Leiter der Hauptabteilung Zentrales Marketing bestellt. Seit 1. Jänner 2007 ist Prantner als Direktor für Online und Neue Medien beim Staatsfunk tätig. Seit April 2012 ist er der Leiter der Hauptabteilung Online und neue Medien und stellvertretender Direktor für Technik, Online und neue Medien. Er zeichnet als solcher unter anderem verantwortlich für die ORF TVThek.

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