"Jede zehnte Bank wird in den nächsten fünf Jahren schließen"

A.T. Kearney-Studie zeigt Trends, die in Zukunft über Sein oder Nichtsein der Geldinstitute bestimmen werden.

Seit zehn Jahren analysiert die internationale Managementberatung A.T. Kearney in ihrem "Retail Banking Radar" die Performance europäischer Filialbanken und ermöglicht so tiefe Einblicke in die Stärken und Schwächen der Bankenszene Europas.

Stagnation bei Profitabilität und Kosteneffizienz

Für die aktuelle Studie wurden die Daten von fast 92 Privatkundenbanken und Bankengruppen in 22 europäischen Ländern hinsichtlich der Kriterien Ertrag pro Kunde und Mitarbeiter, Gewinn pro Kunde, Cost-Income-Ratio und Kreditrisikovorsorgequote untersucht. Die Studie zeigt, dass die Gewinne der Banken auf Grund des positiven wirtschaftlichen Umfelds und der geringeren Risikokosten, die mit fünf Prozent auf dem niedrigsten Niveau gegenüber zwölf Prozent im Jahr 2008 liegen, auf einem Allzeithoch sind.

Die Erträge stagnieren aber mit ein Prozent Wachstum in Westeuropa. Daniela Chikova, Partner Financial Services bei A.T. Kearney Österreich und Autorin der Studie, fasst zusammen: "Unsere Daten zeigen, dass der Bankensektor heute stärker als vor zehn Jahren ist, aber stagniert, was Profitabilität und Kosteneffizienz betrifft. Viele Banken stehen vor einer strategischen Transformation, um die Ergebnisse zu verbessern."

Marktkonsolidierung nimmt Fahrt auf

Seit der Krise haben europaweit 24,6 Prozent der Banken geschlossen. Die Zahl der Bankangestellten verringerte sich um rund zwölf Prozent bzw. 1,3 Prozent pro Jahr. In den nordischen Ländern wurden in den letzten zehn Jahren sogar mehr als 50 Prozent aller Filialen geschlossen und auch in Österreich schmilzt das Netz jedes Jahr um zwei bis drei Prozent.

Die Marktkonsolidierung werde aber noch fünf bis zehn Jahre andauern, prophezeit Chikova: "In den nächsten fünf Jahren wird jede zehnte Bank entweder durch Verkauf oder Zusammenschluss nicht mehr am Markt sein, darunter auch bekannte Namen. Jene Institute, die sich besonders deutlich bei Kosten, Ertrag und Digitalisierung vom Wettbewerb absetzen, werden überleben."

Im Branchenschnitt konnte zwar von 2008 bis 2018 insgesamt das Volumen gesteigert werden, im gleichen Zeitraum ging aber aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsmarge der Ertrag pro Kunde um ganze elf Prozent zurück. Erzielte man 2008 noch Einnahmen von 700 Euro, liegt man 2018 nur mehr bei 623 Euro pro Kunde. Bis 2020/21 sollen diese Einnahmen dann nochmals auf 595 Euro sinken. Die Folge laut A.T. Kearney: "Die Banken leiden unter einem enormen Kostendruck sowie neuen Regulierungen, die für viele Institute das Aus bedeuten könnten."

Österreich als "Bankeninsel der Seligen"

Für österreichische Banken stellt sich das Szenario – noch – nicht so dramatisch dar. Insgesamt verbuchten sie in den letzten vier Jahren sogar ein Ertragsplus pro Kunde von 7,2 Prozent, während Deutschland ein Minus von 1,3 Prozent und die Schweiz ein mageres Plus von 0,4 Prozent aufweisen. Als echter Europa-Champion unter den Geldinstituten erwies sich die BAWAG. Sie reihte sich unter die 14 Institute, die ihre Kostenstruktur verbessern und gleichzeitig ihr Aufwands-Ertrags-Verhältnis (CIR) unter 55 Prozent drücken konnte.

Der Erfolg von Revolut, Monzo und der österreichischen N26 zeige vor, dass sogenannte Neobanken auch in Europa nicht mehr aufzuhalten seien. Diese, zu 100 Prozent digital, ohne Filialen und auf Mobilgeräte ausgerichteten Institute, jagen den klassischen Banken die "Digital Natives" ab. Vor allem sehr junge Kunden setzen auf diese Angebote, allerdings werden Neobanken vor allem als Zweitkonto genützt. Das erste Konto liegt nach wie vor bei der Hausbank.

Der "Retail Banking Radar" zeigt, dass die Kundenbasis der Neobanken seit 2011 um mehr als 15 Millionen gewachsen ist. Im Gegensatz dazu haben die klassischen Banken zwei Millionen Kunden verloren. "In den nächsten fünf Jahren werden 50 bis 85 Millionen Kunden zu Neobanken wechseln. Um im Privatkundengeschäft über 2019 hinaus bestehen zu können, müssen sich traditionelle Banken den vielfältigen, neuen Bankangeboten auf dem Markt stellen", erklärt Chikova. Viele traditionsreiche Geldhäuser würden ihre eigene Neobank gründen.

Open Banking als Fluch und Segen

Open Banking, also die Öffnung von Finanzdaten für Drittanbieter, sei Fluch und Segen zugleich. Einerseits werden so innovative und lukrative Serviceleistungen erst möglich, anderseits entstehen neue Mitbewerber wie die Neobanken am Markt. Überraschend zeigt der "Retail Banking Radar", dass 50 Prozent der Europäer bereit sind, personenbezogene Daten auf breiteren, offenen Bankplattformen zu teilen

Auch große Geldhäuser öffnen sich neuen Plattformen, wie das Beispiel der Erste Bank zeigt. Sie kooperiert mit dem Bezahlservice "Apple Pay" und will damit auch auf der Erfolgswelle der Neobanken mitsurfen. Ein neuer technischer Regulierungsstandard (RTS), der am 14. September in Kraft tritt, beschleunigt diese Entwicklung zusehends. Die Auswirkungen: Die beliebten Papier-Tans sind spätestens dann Geschichte. (as)

www.atkearney.at

Über den "Retail Banking Radar"

Seit 2007 misst die Studie die Performance europäischer Retail Banken. Für die aktuelle Auswertung wurden die Daten von 92 Privatkundenbanken – 50 Banken in Westeuropa und 42 Banken in Osteuropa – in 22 Ländern untersucht.

Die Daten stammen aus offiziellen Bankunterlagen von Januar 2007 bis Dezember 2018, einschließlich Jahreszahlen, Prognosen und Ergebnissen des dritten Quartals 2018 sowie öffentlich verfügbaren Branchendaten. Konkret untersucht wurden der Ertrag pro Kunde und Mitarbeiter, der Gewinn pro Kunde, die Cost-Income-Ratio und Kreditrisikovorsorgequote.

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