"Wir haben das Sacher nur geborgt"

Matthias Winkler, Co-Geschäftsführer der Sacher Hotels, im Interview über den neuen Standort am Lande, das generationenübergreifende Erfolgsrezept, Herausforderungen in der Luxushotellerie und wie sich ein Traditionshaus digitalisiert.

Eine Marke mit ungebrochener Strahlkraft seit 1832, in der ganzen Welt engstens mit Österreich verbunden, Hotels, die mit ihrem unverwechselbaren Stil ihresgleichen suchen und ein beispielhaftes Familienunternehmen, das den Spagat zwischen Tradition und Moderne vorbildhaft meistert: Das Sacher. LEADERSNET hat Matthias Winkler, Co-Geschäftsführer der Sacher Hotels, zum Interview getroffen.

LEADERSNET: Worin liegen die besonderen Herausforderungen eines Familienunternehmens?

Matthias Winkler: Die wirtschaftlichen Herausforderungen der heutigen Zeit sind für jedes Unternehmen dieselben. Es geht vor allem um Innovation, Geschwindigkeit, Leistungskultur und Change-Management. Man darf nicht stehen bleiben, es ist essentiell, sich möglichst schnell weiterzuentwickeln und pro-aktiv auf dem Markt zu sein.

Bei den Familienbetrieben kommt noch eine völlig andere Dynamik hinzu, die auch wesentliche Vorteile mit sich bringt: Zum Beispiel können wir Entscheidungen viel schneller treffen, weil wir nicht an Konzernzentralen kommunizieren und rapportieren müssen. Auch ist es uns möglich, größere strategische Entscheidungen innerhalb von Tagen fällen zu können, und nicht Quartale oder Halbjahre auf das OK einer Firmenzentrale warten zu müssen. Geschwindigkeit ist ein entscheidender Vorteil, den wir auch nützen. Kurz gesagt: Geschwindigkeit und kurze Entscheidungswege auf der einen Seite, und die unmittelbare Betroffenheit, auch die wirtschaftliche, auf der anderen.

LEADERSNET: Nachhaltigkeit spielt in diesem Zusammenhang auch eine große Rolle?

Matthias Winkler: Klar. Ich glaube niemand ist davor gefeit, auch low-hanging-fruits pflücken zu wollen, aber das sind nicht die einzigen Früchte, um die es geht. Wir versuchen in jede Frucht, die wir gepflückt haben, gleichzeitig die Samen zu entnehmen und neu einzupflanzen.

Wir betrachten das Sacher als von unseren Kindern nur geborgt. Wie können wir es also so übergeben, wie wir es übernehmen durften? Nämlich als das beste Hotel, mit den tollsten Mitarbeitern am Puls der Zeit.

LEADERSNET: Wie beurteilen Sie den Stellenwert der Luxushotellerie in Österreich? Ist der Markt in Wien schon übersättigt?

Matthias Winkler: Ich bin davon überzeugt, dass es nie genug Druck auf einem Markt geben kann, weil er letztlich dem Konsumenten die beste Qualität ermöglicht und gibt. Auch wir sind mit den zusätzlichen anderen Hotels wieder ein Stück besser geworden. Mit jedem neuen Hotel, das in die Stadt Wien kommt, müssen wir uns wieder bemühen, noch besser zu sein.

LEADERSNET: Was unterscheidet Sie von anderen 5-Sterne-Hotels?

Matthias Winkler: Praktisch alle 5-Sterne-Häuser werden von einer internationalen Hotelkette betrieben, jeweils für einen Immobilienbesitzer. Das Sacher ist völlig anders strukturiert, es ist so etwas wie unser zu Hause, das gibt unseren Häusern eine Seele, die man als Gast spürt. Das heißt jeder, der ins Sacher kommt, sitzt auf Stühlen, die die Eigentümerfamilie selber ausgesucht hat, wahrscheinlich sogar selber an diesen Platz gestellt hat. Die Bilder, die in den Zimmern hängen, gehören quasi den Eigentümerinnen, viele sind selber aufgehängt worden. Jede Vase, jede Tapete wurde eigenhändig ausgesucht. Also dieses Gefühl, zu jemandem nach Hause zu kommen, das ist glaube ich der große Unterschied zwischen Sacher und anderen sehr guten Hotels. Natürlich sind wir auch selbst im Hotel, wir arbeiten hier, sind mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, genauso wie mit unseren Gästen "hier zu Hause".

LEADERSNET: Zwischen Tradition und Moderne. Viele schätzen und lieben den typisch schicken Sacher-Style. Wie bringen Sie Innovationskultur ins Unternehmen?

Matthias Winkler: Für uns ist wichtig, dass man, wenn man im Sacher aufwacht und die Augen aufmacht, sofort weiß, wo man ist. Dieses Unverwechselbare ist sicher auch eine Stilfrage bei gleichzeitig notwendiger Modernität. Aktuell arbeiten wir gerade daran, unsere Zimmer mit Smartphones aufsperrbar zu machen, in weiterer Folge sollen sie auch mit dem Smartphone steuerbar sein - parallel zum klassischen Lichtschalter und zum klassischen Schlüssel. Beides muss möglich sein. Einerseits arbeiten wir am Erhalt dessen, was gut ist, auf der anderen Seite sind wir aber auch der festen Überzeugung, dass wir uns weiterbewegen müssen.

Das Sacher gibt es seit 1832, das einzig Konstante war immer die Veränderung und Stil zwischen Tradition und Moderne. Sich nicht zu verändern, hätte wahrscheinlich 1854 oder kurze Zeit danach das Ende des Unternehmens bedeutet. Dass es uns heute noch gibt, verdanken wir der Innovationskraft und der Veränderung von entscheidenden Führungspersönlichkeiten am Weg hierher, zuletzt meiner Schwiegermutter Elisabeth Gürtler. Diesen Weg versuchen wir konsequent weiter zu gehen.

LEADERSNET: Welche Chancen eröffnen Sich Ihnen durch die Digitalisierung?

Matthias Winkler: Alles was standardisierbar ist, ist auch digitalisierbar. Das Ankommen im Hotel nach einem mehrstündigen Flug und dann das Ausfüllen von Adresse, Geburtsdatum, Name und so weiter, auf einem Formular, auf das freut sich wirklich niemand. Wenn wir das standardisieren können und weiter noch digitalisieren können, würde das der Bequemlichkeit schon sehr dienen. Die damit gewonne Zeit können wir noch mehr als bisher der persönlichen Begrüßung und Betreuung unserer Gäste widmen, das ist natürlich nicht digitalisierbar.

Wir sehen die Digitalisierung auch als Chance, Mitarbeiter und Gast noch intensiver zueinander zu bringen, weil sie die Zeit, die sie dann miteinander haben nicht mehr mit Formalitäten verbringen müssen.

LEADERSNET: Der Mythos Sacher kann auch als Hemmschwelle wirken. Sie wollen nicht nur weltreisende Jetsetter, sondern auch Einheimische und Firmen ansprechen. Wie gelingt das?

Matthias Winkler: Mit dem Sacher Eck zum Beispiel, das wir im letzten November aufgesperrt haben, konnten wir diese Hemmschwelle abbauen. Andere Kommunikation und moderne Konzepte sowie moderne Speisen waren auf dem Weg dahin unumgänglich. Wir arbeiten daran, dass jetzt für die anderen Bereiche zu adaptieren.

LEADERSNET: Birgt dies nicht die Gefahr, dass die Exklusivität verloren geht?

Matthias Winkler: Ich glaube diese Exklusivität bleibt, aber sie sollte für jeden möglich sein. Das ist unser Anspruch. Dass man hier nicht mit Flip-Flops und nacktem Oberkörper sitzen kann, wird jedem klar sein, aber dass ich nicht für jedes Mittagessen eine Krawatte tragen muss, ist vielleicht noch nicht bei allen bekannt.

LEADERSNET: Wie steht es eigentlich um Expansionspläne?

Matthias Winkler: Also wir haben gesagt „jede Generation ein Hotel“. Unsere Generation hat das Hotel Bristol gekauft, seither sind wird dort gemeinsam mit dem Betreiber Marriott am Werken, dass dieses Hotel auch seinen Platz in Wien und in der Hotellerie wiederbekommt. Ein weiteres Hotel in unserer Generation steht aktuell nicht auf der Agenda. Wir hegen allerdings Expansionsgedanken in Richtung Kaffeehaus und Original Sacher Torte und wollen durchaus über die Grenzen schauen. Es gibt ein Projekt in Österreich, das in Parndorf starten wird.

Zudem arbeiten wir an zwei Projekten im Ausland, die frühestens 2019 realisiert werden können. Das prüfen wir sehr genau, weil wir ja doch mit unserer Marke sehr vorsichtig umgehen wollen und wir - Gott sei Dank - keinen Aktionär haben, der Expansion und Wachstum um jeden Preis verlangt.

LEADERSNET: Warum haben Sie sich gerade für Parndorf entschieden?

Matthias Winkler: Parndorf ist ein sehr spannendes Thema, weil dort 50 Prozent aller Besucher nicht aus Österreich kommen und die Verweildauer der über fünf Millionen Besucher pro Jahr eine sehr lange ist. Diese zwei Faktoren sollten eigentlich einen guten Geschäftserfolg garantieren. Zudem gibt es in unserem Segment kaum Speisenangebot. Wir siedeln das Konzept „Sacher Eck“ an: Soup, Salad, Sandwich, Kaffee und natürlich und vor allem: die Original Sacher-Torte.

LEADERSNET: Gibt es auch internationale Pläne?

Matthias Winkler: Wir haben mehrere Tests gemacht, so sind wir zum Beispiel am Flughafen Frankfurt vertreten und waren mit einem Pop-Up zwei Mal in Mailand. Die Erfahrungen fließen alle in unsere Expansionspläne ein.

LEADERSNET: Sind Bankett-Räumlichkeiten noch gefragt oder völlig out? Was wünscht sich der Business-Gast von heute?

Matthias Winkler: Events sind ein spannendes, heiß umkämpftes Feld, weil natürlich jede neue Location da genauso Mitbewerber ist wie andere Hotels. Umso wichtiger ist es, eine ganz klare Position und Qualität zu haben. Wir haben dankenswerter Weise viele Stammgäste und auch immer wieder völlig neue Gäste, die bewusst - nach vielen ganz modernen Glaskuben - gerne wieder in einem Marmor-Saal sitzen wollen.
Der Business-Gast von heute will alles möglichst schnell, möglichst unkompliziert und möglichst digital.

LEADERSNET: Wer ist eigentlich der typische Sacher-Gast, woher kommt er, wie binden Sie ihn an ihr Haus?

Matthias Winkler: Wir segmentieren nicht mehr nach Generationen, nicht mehr nach Herkunftsland und auch nicht mehr nach Alter. Es dreht sich alles nur mehr nach Interessensgruppen, sogenannten „Personas“. Das ist extrem spannend und auch sehr fordernd. Die Quintessenz: unsere Mitarbeiter werden immer wichtiger. Denn das alles lässt sich ohne gute Mitarbeiter nicht zum Wohle der Gäste bewerkstelligen.

LEADERSNET: Das Sacher Salzburg wird gerade umgebaut. Welche Pläne haben Sie in der Mozartstadt?

Matthias Winkler: Wir wollen, dass das Hotel Sacher Salzburg bis Ende 2019 außen und innen in ganz neuem Glanz erstrahlt. Die Zimmer werden state of the art - am neuesten Stand der Optik und Technik. In der nächsten Bauphase werden der Sacher-Grill und das Café Sacher auf Vordermann gebracht.

LEADERSNET: Salzburger Stil oder Wiener Glanz? Unterscheidet sich das Erscheinungsbild der Hotels in den beiden Kulturhauptstädten?

Matthias Winkler: Ja, das unterscheidet sich massiv. Wir versuchen in Wien das Wiener Flair und in Salzburg Salzburger Flair einzubringen. So verwenden wir in Salzburg Salzburger Stoffe, Salzburger Handwerker und Salzburger Design. Das geht bis hin zur Kulinarik, wo wir auch versuchen, regional zu kochen.

LEADERSNET: Ganz Salzburg speist also den „Salz-Burger“ im Salzachgrill?

Matthias Winkler: Ganz genau, der berühmte „Salz-Burger“, von dem wir viele tausend Stück im Jahr servieren, spielt seit jeher eine große Rolle bei uns im Grill.

Generationen von Familien sind damit durch diverse Erlebnisse verbunden. Das ist gut so, das soll auch so bleiben. Auch die Bar ist definitiv ein Hotspot für Elterngeneration und die Jungen. „Generationenübergreifend“ ist wohl der beste Beweis für ein gelungenes Konzept.

www.sacher.com

 

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