Innovation, Digitalisierung und Zukunftsvisionen des Wirtschaftsstandorts Wien standen im Mittelpunkt des aktuellen "Peter & Paul"-Wirtschaftstalks mit Walter Ruck. Im Hotel The Companion auf der Mariahilfer Straße sprach der Präsident der Wirtschaftskammer Wien mit Opinion Leaders Network CEO Paul Leitenmüller über die aktuellen Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort, die Zukunftsvereinbarung mit der Stadt Wien und darüber, welche Weichen heute gestellt werden müssen, um den Wohlstand von morgen zu sichern.
LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Ruck, was macht die Vielfalt der Wirtschaftskammer Wien aus?
Walter Ruck: Die Wirtschaftskammer Wien vertritt rund 150.000 Unternehmen – von sehr kleinen Betrieben bis hin zu großen Unternehmen. Diese Vielfalt spiegelt die Heterogenität der Wiener Wirtschaft wider, die besonders ausgeprägt ist und den Wirtschaftsstandort maßgeblich prägt.
LEADERSNET: Sie sprechen bewusst von einer Interessenvertretung und nicht von einer Standesvertretung. Warum ist Ihnen diese Unterscheidung wichtig?
Ruck: Wenn wir über Zukunft sprechen, klingt der Begriff Standesvertretung ein wenig antiquiert. Interessenvertretung beschreibt unsere Aufgabe wesentlich besser. Wir sind da, um die Interessen der Wiener Unternehmer:innen zu vertreten.
LEADERSNET: Alle Funktionär:innen der Wirtschaftskammer sind selbst Unternehmer:innen. Warum ist das aus Ihrer Sicht so wichtig?
Ruck: Ich halte das für eine sehr gute Konstruktion. Wer Unternehmen vertritt, sollte selbst Unternehmer:in sein und die täglichen Herausforderungen aus eigener Erfahrung kennen. Dadurch entsteht Glaubwürdigkeit. Man weiß, womit Unternehmer:innen im Alltag konfrontiert sind und kann ihre Interessen authentisch vertreten.
LEADERSNET: Welchen Stellenwert hat Leistung für Sie persönlich?
Ruck: Leistung verbindet uns alle. Sie ist das Fundament des Wirtschaftswachstums, und Wirtschaftswachstum wiederum ist die Grundlage unseres Wohlstands. Letztlich profitieren davon nicht nur die Wiener Wirtschaft, sondern alle Wiener:innen.
LEADERSNET: Die vergangenen Jahre waren von zahlreichen Krisen geprägt. Wie geht es dem Wirtschaftsstandort Wien derzeit?
Ruck: Die Herausforderungen sind enorm und begleiten uns nicht erst seit gestern. Denken wir an die Finanzkrise oder an die vielen Entwicklungen der vergangenen Jahre – wir erleben eine Abfolge von Krisen und Veränderungen. Das Tröstliche daran ist, dass diese Herausforderungen nicht nur Wien oder Österreich betreffen, sondern Unternehmen weltweit.
Entscheidend ist daher die Frage, wie wir uns im internationalen Wettbewerb behaupten. Genau hier zeigt Wien seine Stärke. Das macht mich auch stolz auf diesen Wirtschaftsstandort und auf seine Unternehmer:innen. Sie sind außerordentlich resilient und kreativ. Gerade in schwierigen Zeiten entstehen innovative Lösungen. Man denke nur an die Gastronomie, die während der Pandemie viele neue Konzepte entwickelt hat. Diese Kreativität zeichnet den Wirtschaftsstandort Wien aus.
LEADERSNET: Wien liegt im Herzen Europas und profitiert von seiner zentralen Lage. Welche Bedeutung hat dieser Standortvorteil?
Ruck: Österreich war immer gezwungen, sich auf seine eigenen Stärken zu besinnen. Wir erwirtschaften einen großen Teil unseres Bruttoinlandsprodukts durch den Export – das gilt auch für Wien. Wir sind ein kleines Land, verfügen über wenige Bodenschätze, haben keinen Zugang zum Meer und zählen geopolitisch nicht zu den großen Akteuren. Unsere eigentliche Stärke sind die Menschen. Ihre Kreativität, ihre Leistungsbereitschaft und ihre Zielstrebigkeit machen den Erfolg dieses Wirtschaftsstandorts aus.
LEADERSNET: Sie haben gemeinsam mit Bürgermeister Michael Ludwig die neue Zukunftsvereinbarung für den Wirtschaftsstandort Wien präsentiert. Was steckt dahinter?
Ruck: Nach den Wirtschaftskammerwahlen und den darauffolgenden Gemeinderatswahlen setzen wir uns traditionell mit der Wiener Stadtregierung zusammen und entwickeln eine gemeinsame Zukunftsvision für den Wirtschaftsstandort Wien. Diese Zusammenarbeit gibt es mittlerweile zum dritten Mal.
Neu ist diesmal, dass wir unsere Vorstellungen nicht nur abstrakt beschreiben, sondern sie anhand konkreter Leuchtturmprojekte greifbar machen. Dadurch wird sichtbar, wie wir uns die wirtschaftliche Zukunft Wiens vorstellen und welche Projekte diese Entwicklung konkret vorantreiben sollen.
LEADERSNET: Die Zukunftsvereinbarung umfasst elf Leuchtturmprojekte. Können Sie ein Beispiel nennen?
Ruck: Ein besonders wichtiges Projekt ist die Vienna Digital School. Vereinfacht gesagt handelt es sich um eine HTL mit Schwerpunkt Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Robotik. Die Schule soll Platz für rund 600 Schüler:innen bieten, jährlich etwa 100 Absolvent:innen hervorbringen und mit dem Schuljahr 2029/30 ihren Betrieb aufnehmen.
Warum ist dieses Projekt so wichtig? Wien ist in Bereichen wie Life Sciences und Biotechnologie hervorragend aufgestellt. Gleichzeitig haben wir bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz noch Aufholbedarf. Deshalb brauchen wir diese Schule dringend.
LEADERSNET: Welches weitere Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen?
Ruck: Mein persönliches Lieblingsprojekt geht zeitlich noch deutlich weiter. Wenn man sich Wien gemeinsam mit Bratislava, Budapest und Prag sowie den umliegenden Städten ansieht, entsteht eine Metropolregion mit rund zehn Millionen Menschen.
Internationale Beispiele zeigen, dass solche Metropolregionen mit der Zeit zusammenwachsen – durch eine bessere Verkehrsinfrastruktur, den Austausch zwischen Universitäten, junge Menschen und wirtschaftliche Kooperationen. Gelingt uns diese Entwicklung, dann würde Wien künftig nicht mehr nur mit Städten wie München oder Mailand konkurrieren, sondern mit Metropolregionen wie Paris oder London.
Das Potenzial ist enorm. Allein das Bruttoregionalprodukt dieser Region entspricht ungefähr dem österreichischen Bruttoinlandsprodukt. Gleichzeitig entwickeln sich Wien und sein Umland seit Jahren dynamischer als viele andere Regionen. Darin liegt eine große Chance für die nächste Generation.
LEADERSNET: Das ist eine sehr langfristige Vision.
Ruck: Ja, aber wie heißt es so schön: Wir haben Bäume zu pflanzen, unter deren Schatten wir selbst vielleicht nicht mehr sitzen werden.
LEADERSNET: Wie soll sich die Wirtschaftskammer Wien in den kommenden Jahren weiterentwickeln? Immer wieder ist in diesem Zusammenhang auch von Entbürokratisierung die Rede.
Ruck: Ich glaube, es ist wichtig, sich zunächst vor Augen zu führen, woher wir kommen. Die Wirtschaftskammer ist aus dem Gedanken der Selbstverwaltung entstanden. Schon 1852 wurde den Kaufleuten das Recht eingeräumt, sich selbst zu verwalten. Dieser Grundgedanke ist bis heute erhalten geblieben.
Gleichzeitig müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, ob unsere Strukturen noch den heutigen Lebens- und Arbeitsrealitäten entsprechen. Die Berufsbilder haben sich verändert, viele Menschen arbeiten heute in hybriden Beschäftigungsformen. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir die Interessenvertretung weiterentwickeln und an die Gegenwart anpassen können.
LEADERSNET: Wo sehen Sie dabei konkreten Handlungsbedarf?
Ruck: Ein gutes Beispiel ist die Mehrfachmitgliedschaft in unterschiedlichen Interessenvertretungen. Wer etwa tagsüber unselbstständig beschäftigt ist und daneben ein eigenes Gewerbe betreibt, ist automatisch in mehreren Organisationen Mitglied. Da stellt sich schon die Frage, ob sich solche Strukturen nicht einfacher und zeitgemäßer gestalten lassen.
Wir haben dieses Thema auch bereits im Wirtschaftsparlament diskutiert. Dort wurde einstimmig beschlossen, dass wir uns mit einer Weiterentwicklung des Kerns der Wirtschaftskammer beschäftigen wollen. Es geht darum, bestehende Strukturen zu hinterfragen und dort zu vereinfachen, wo es sinnvoll ist.
LEADERSNET: Sie haben die Entbürokratisierung angesprochen. Wo braucht es aus Ihrer Sicht mehr Augenmaß?
Ruck: Wir sollten genau überlegen, welche Regelungen tatsächlich notwendig sind. Nicht jede noch so kleine wirtschaftliche Tätigkeit muss mit umfangreichen bürokratischen Anforderungen verbunden sein.
Wenn jemand beispielsweise an zwei Wochenenden im Jahr auf einem Weihnachtsmarkt Kekse verkauft, dann interessiert mich in erster Linie, ob diese gut sind und hygienisch hergestellt wurden. Ich glaube nicht, dass wir jede kleinste Tätigkeit mit immer neuen Vorschriften überziehen sollten. Genau dort braucht es Augenmaß.
LEADERSNET: Die Wirtschaftskammer Wien hat außerdem eine Senkung der Kammerumlage II beschlossen. Was bedeutet das für die Unternehmen?
Ruck: Die Kammerumlage II wird von Unternehmen abhängig von ihrer Lohnsumme entrichtet. Wir haben beschlossen, den von uns festlegbaren Landeshebesatz in mehreren Schritten um insgesamt 25 Prozent zu senken (LEADERSNET berichtete). Der erste Schritt erfolgt mit 1. Jänner 2027, der letzte mit 1. Jänner 2029.
Ich halte das für eine erhebliche Entlastung der Unternehmen. Gerade wenn häufig gefordert wird, Gebühren oder Abgaben zu senken, sollte man auch bereit sein, solche Schritte selbst konsequent umzusetzen.
LEADERSNET: Wirtschaft lebt auch von Zuversicht. Wie wichtig ist es gerade in herausfordernden Zeiten, positive Perspektiven zu vermitteln?
Ruck: Wirtschaft entsteht im Bauch. Jede:r Unternehmer:in trifft täglich Entscheidungen und stellt sich die Frage: Investiere ich jetzt oder ist die Situation zu unsicher?
Diese Entscheidungen hängen natürlich auch von der allgemeinen Stimmung ab. Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass die veröffentlichte Meinung deutlich negativer ist als die tatsächliche Stimmung in den Unternehmen. Und diese wiederum ist oft negativer als die wirtschaftliche Realität.
Gerade deshalb versuchen wir in Wien einen anderen Weg zu gehen. Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und sachlich miteinander zu arbeiten. Das gilt für die Zusammenarbeit mit der Stadt Wien genauso wie innerhalb der Wirtschaftskammer.
LEADERSNET: Sie sprechen häufig von einem respektvollen Miteinander. Was verstehen Sie darunter?
Ruck: Im Wirtschaftsparlament vertreten unterschiedliche Fraktionen ganz verschiedene weltanschauliche Positionen. Trotzdem haben sie ein gemeinsames Ziel: das Beste für die Wiener Wirtschaft zu erreichen.
Deshalb applaudieren wir jedem:r Redner:in – unabhängig von seiner Position. Das ist Ausdruck des Respekts vor einer anderen Meinung. Man muss nicht immer einer Meinung sein. Aber wenn Diskussionen sachlich geführt werden, entstehen auch tragfähige Lösungen.
Ich habe einmal mit Bürgermeister Michael Ludwig darüber gesprochen, wie viele unserer gemeinsamen Themen tatsächlich ideologisch geprägt sind. Ehrlich gesagt sind das vielleicht 0,2 Prozent. Der überwiegende Teil sind Sachfragen. Und genau auf diese sollten wir uns konzentrieren.
LEADERSNET: Vor Kurzem waren Sie gemeinsam mit Bürgermeister Michael Ludwig beim Papst. Dabei ging es unter anderem um das Thema Künstliche Intelligenz. Wie kam es dazu?
Ruck: Der Heilige Vater hat sich in einer Enzyklika intensiv mit dem Thema Künstliche Intelligenz und dem verantwortungsvollen Umgang damit beschäftigt. Deshalb war es sehr spannend, darüber sprechen zu können.
Für uns ist klar, dass Künstliche Intelligenz ein Zukunftsthema ist, mit dem wir uns intensiv auseinandersetzen müssen. Gleichzeitig geht es darum, mögliche Risiken zu erkennen und dort zu regulieren, wo es wirklich notwendig ist. Unser Zugang ist jedoch kein möglichst restriktiver, sondern einer, der Innovation ermöglicht.
Wir neigen manchmal dazu, auf neue Entwicklungen sofort mit zusätzlichen Regulierungen zu reagieren. Ich halte das nicht immer für den richtigen Weg. Regulierung dort, wo sie aus ethischen Gründen notwendig ist – darüber hinaus aber möglichst viel Freiheit für Innovation.
LEADERSNET: Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz künftig für den Wirtschaftsstandort spielen?
Ruck: Ich sehe Künstliche Intelligenz nicht als Thema eines einzelnen Wirtschaftszweiges. Sie wird praktisch alle Branchen verändern.
Ich erlebe das auch in meinem eigenen Unternehmen. Wir sind ein klassisches Bauunternehmen und keine Hightech-Branche. Trotzdem begleitet uns dieses Thema bereits heute im Arbeitsalltag.
Vor allem müssen wir jungen Menschen die Angst davor nehmen. Künstliche Intelligenz ist letztlich hochentwickelte Wahrscheinlichkeitsrechnung. Entscheidend ist, dass wir lernen, sinnvoll mit ihr umzugehen. Wir sollten sie dort einsetzen, wo sie einen echten Mehrwert schafft, und gleichzeitig junge Menschen dabei begleiten, Berührungsängste abzubauen, anstatt neue Tabus oder Schranken aufzubauen.
LEADERSNET: Jetzt eine persönliche Frage: Welche Vision verbindet Sie mit Ihrer Arbeit als Präsident der Wirtschaftskammer Wien?
Ruck: Ich wünsche mir, dass Unternehmertum und Gesellschaft noch stärker als Einheit wahrgenommen werden. Wirtschaft ist kein Selbstzweck. Sie dient dazu, den Wohlstand eines Standortes zu sichern und damit allen Menschen zugutezukommen.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir wieder stärker gemeinsam an Lösungen arbeiten. Die Sozialpartnerschaft verfolgt genau diesen Gedanken. Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen und auch Diskussionen über deren Ausgleich. Entscheidend ist aber, diese sachlich zu führen.
Gerade in einer Zeit, in der politische Kommunikation häufig sehr zugespitzt und polarisierend ist, wünsche ich mir mehr Besinnung auf das Wesentliche. Es geht nicht um die Schlagzeile von morgen – die ist übermorgen ohnehin Altpapier. Es geht darum, gemeinsam diesen Standort weiterzuentwickeln und Verantwortung für seine Zukunft zu übernehmen.
LEADERSNET: Zum Abschluss: Dürfen wir uns auf die Zukunft freuen oder sollten wir ihr mit Respekt begegnen?
Ruck: Das Glas ist halb voll.
LEADERSNET: Vielen Dank!
Den gesamten Wirtschaftstalk mit Walter Ruck sehen Sie im LEADERSNET.tv-Video.
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Fotos vom Dreh sehen Sie in der Galerie.
www.wko.at/wien
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