Fotos der Premiere
Ein Klassiker neu inszeniert brachte Till Eulenspiegel nach Perchtoldsdorf

Die feierliche Uraufführung der Produktion bildete den Mittelpunkt der diesjährigen Festspiele. Das Publikum erlebte eine packende Umsetzung des berühmten Romans, die sich mit drängenden Fragen der europäischen Kulturgeschichte befasste.

Am 2. Juli 2026 feierte die Jubiläumsproduktion "Till Eulenspiegel, wenn das Herz brennt" ihre feierliche Uraufführung vor der Burg Perchtoldsdorf. Im Mittelpunkt des Geschehens stand mit Till Eulenspiegel eine der bekanntesten, widerständigsten und zugleich rätselhaftesten Figuren der europäischen Kulturgeschichte. Das Stück stützte sich auf den berühmten Roman von Charles De Coster – ein Werk, das schon Stefan Zweig einst als unvergesslich, unvergänglich sowie einsam und überragend in seiner Zeit beschrieb. Der belgische Autor hatte seinen "Ulenspiegel" bereits Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem mittelalterlichen Volksbuch gelöst und in einen für ihn zentralen neuen historischen Kontext gesetzt. Für die Bühne entwickelte Alexander Paul Kubelka das Drama schließlich in Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Angela Heide.

Hochkarätiges Ensemble

Auch im vierten Jahr seiner Intendanz bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf bewies Regisseur und Bühnenbildner Alexander Paul Kubelka ein feines Gespür für die Besetzung. Die Titelrolle des freiheitsliebenden Till übernahm der Schweizer Schauspieler Fabian Krüger, ein ehemaliges Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und des Theaters Basel. Ihm stand mit Jakob Seeböck als Philipp II. ein ebenbürtiger Gegenspieler gegenüber. Seeböck feierte bereits 2024 in Perchtoldsdorf in Kleists "Amphitryon" große Publikumserfolge.

In weiteren Rollen glänzten Michael Masula (Burgtheater, Salzburger Festspiele) als Tills unnachgiebiger Vater Klas sowie Wiltrud Schreiner als seine Mutter Soetkin. Susanne Kubelka verkörperte die Nachbarin Katheline, deren Tochter Nele – Tills große Liebe – von Larissa Fuchs gespielt wurde. Fuchs war, ebenso wie Seeböck, schon im Vorjahr als Alkmene in Perchtoldsdorf zu sehen. Tills treuen Gefährten Lamme Goedzak spielte Pascal Lalo, während die wandelbare Alexandra Maria Nutz unter anderem als Don Carlos überzeugte. Das achtköpfige Ensemble meisterte die Herausforderung, in der dichten Inszenierung über 20 verschiedene Rollen mit großer Leidenschaft und Spielfreude auszufüllen.

Multifunktionale Bühnenlandschaft mit starken Bildern

Die Aufführung fand in einer Kulisse statt, die Intendant Kubelka – wie bereits in den Vorjahren – eigenhändig entworfen hatte. Dieser Schauplatz spannte den Bogen vom einfachen Dorfleben bis zur unbarmherzigen Weltpolitik der Gegenreformation. Er bot Raum für Geburt, Träume und Hoffnung, aber auch für Raub und Zerstörung – geprägt von tiefem Hass und leidenschaftlicher Liebe. 

Durch die Regie entstanden tiefgründige, atmosphärische Szenerien, welche Musik und bildende Kunst zu einer surrealen Märchenwelt verwoben. Das Zusammenspiel aus Kubelkas Choreografien, den kunstvollen Kostümen von Andrea Hölzl, den dichten Klangteppichen von Michael Pogo Kreiner und dem Lichtdesign von Johanna Ritter erweckte die kraftvollen Figuren des Epos zum Leben. So wurden sie zu unsterblichen Charakteren, die universelle, ewig gültige Fragen aufwarfen.

Ambivalente Figur im Kampf um Freiheit zur Zeit der Gegenreformation

Das Fundament bildete das 1515 anonym erschienene Volksbuch, in dem der Schelm "Ulenspiegel" den Menschen ihre alltäglichen Lügen – und bisweilen auch seinen Hintern – vor Augen führte. Aus diesem schalkhaft-boshaften Antihelden des mittelniederdeutschen Schwankromans formte De Coster eine vielschichtige und moderne Gestalt. In der Interpretation des belgischen Dichters bewegte sich Tills Lebensweg fortan im Spannungsfeld zwischen jugendlichem Schalk und altersweiser Trauer. Es war die Resignation angesichts einer vom Dauerkrieg gezeichneten Welt, die der Figur jedoch nie ihren unsterblichen Zauber in der Weltliteratur nahm.

Zwischen Dorfleben und Weltpolitik

Der Schöpfer des literarischen Welterfolgs, Charles Théodore Henri De Coster (1827–1879), starb verarmt in Belgien, noch bevor sein Lebenswerk weltweiten Ruhm erlangte. Mehr als zehn Jahre lang schrieb der Mitbegründer der Zeitschrift "Uylenspiegel" an seinem Roman.

De Coster lässt seinen Helden Till 1527 am selben Tag wie dessen späteren Erzfeind, König Philipp II., zur Welt kommen. Vor dem Hintergrund der brutalen europäischen Gegenreformation – die auch in Österreich zu massiver Hexenverfolgung und Inquisition führte – erlebt Eulenspiegel als Vagabund und Söldner im 80-jährigen Krieg die Schrecken seiner Zeit. Er reift vom Schelm zum erbitterten flämischen Freiheitskämpfer. Sein Leben ist bestimmt von Gewalt, Armut und staatlicher Willkür, während sein Umfeld Folter und Mord zum Opfer fällt. Mit diesem historischen Entwurf hielt der große belgische Autor seiner eigenen Gegenwart den Spiegel vor und schuf ein zeitloses Epos voller Leidenschaft.

Im Visier der Krone

Während des 16. Jahrhunderts wandte sich die überwiegende Mehrheit der niederösterreichischen Bevölkerung – Schätzungen sprechen von bis zu 90 Prozent – dem Protestantismus zu. Diese religiösen und politischen Umwälzungen hatten existenzielle Folgen. Mit der Reformation und der kurz darauf brutal einsetzenden Gegenreformation etwa wurde der persönliche Glaube zur puren Machtfrage. Auch De Costers flandrischer Held Till verliert seine Eltern durch die Grausamkeit der Inquisition.

In der Politik des Habsburgers Karl V., der als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und spanischer König regierte, verschmolz dynastischer Machtanspruch mit dem Ziel, die religiöse Einheit des Reiches radikal zu verteidigen. Der katholische Glaube galt als unerschütterliches Fundament der bestehenden Ordnung. Dessen Sohn Philipp II. führte diese unerbittliche Linie fort und wurde für Till zu einem gnadenlosen Gegenspieler, der dessen Leben von Jugend an auf tragische Weise zeichnete.

Wunsch nach Freiheit als beklemmende Aktualität

"Der Wunsch nach Frieden und Freiheit ist allgegenwärtig, erscheint zugleich aber unerreichbar. Darin liegt eine beklemmende Aktualität, die uns im Laufe der Arbeit an diesem Stoff und unserer Jubiläumsinszenierung in das Bewusstsein gerückt ist. Die Sehnsucht nach Menschlichkeit in Zeiten von Spaltung und Gewalt ist heute nicht weniger drängend als zur Zeit Tills. Leichtfüßig und zugleich zutiefst tragisch erinnert dieser leidenschaftliche Theaterabend daran, dass Freiheit, Würde und Humanität nicht selbstverständlich sind und es wichtig ist, sich immer wieder neu vor Augen zu führen, wie grundlegend diese Werte für unser Menschsein sind", so Alexander Paul Kubelka.

Einen Eindruck von der Aufführung können Sie sich mittels Galerie verschaffen.

www.burg-perchtoldsdorf.at

Anmeldung zum LEADERSNET-ART Newsletter

In den "Daily Business News" von Opinion Leaders Network berichten wir ab sofort täglich auch über die Themen Kunst, Design und Kultur.
Alle 14 Tage erscheint LEADERSNET-ART und bringt die Highlights der Branche.

Herausgeber von LEADERSNET-ART ist Gerhard Krispl.

 

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

Anmeldung zum LEADERSNET-ART Newsletter

In den "Daily Business News" von Opinion Leaders Network berichten wir ab sofort täglich auch über die Themen Kunst, Design und Kultur.
Alle 14 Tage erscheint LEADERSNET-ART und bringt die Highlights der Branche.

Herausgeber von LEADERSNET-ART ist Gerhard Krispl.

 

leadersnet.TV