LEADERSNET-AEHRE-KOOPERATION
"Mehr Platz für Frauenfußball"

Die neue aehre – das nachhaltige Businessmagazin – ist da. Im Rahmen der Kooperation zwischen LEADERSNET und aehre dürfen sich die Leser:innen dieses Mal auf ein Interview mit Anna Ressmann, Mitbegründerin des Wiener Frauenfußballvereins FC Junitas, freuen – zum Thema Fußball im Allgemeinen und Frauenfußball im Speziellen.

LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.

Nachdem letzte Woche die beiden aehre-Herausgeberinnen Annabel Köle-Loebell und Grazia Nordberg Constantini im LEADERSNET-Interview u. a. über die siebente Ausgabe, Fußball als Cover-Thema und die Weiterentwicklung des Magazins sprachen, lesen Sie hier – passend zur Fussball-WM – ein Interview mit Anna Ressmann, die in Wien den Frauenfußballverein FC Junitas mitgegründet hat, mit ihrer sehr persönlichen Sicht auf das Thema Fußball.

 

Interview: Karin Pollack

Anna Ressmann liebt Fußball. Deshalb hat sie in Wien den Frauenfußballverein FC Junitas mitgegründet. Ein Gespräch über Fairness, die WM und die spannende Frage, warum Breitensport den Spitzensport befördert.

aehre: Fußball ist der beliebteste Sport Österreichs, laut Schätzungen gibt es zwischen drei und fünf Millionen Fans. Sie alle freuen sich auf die Weltmeisterschaft. Sie auch?

Anna Ressmann: Klar, jedes Großereignis ist aufregend und vor allem die Weltmeisterschaft. Da zeigt sich die Verbundenheit der Leute zu ihren Nationalteams und zum Sport. Das ist einfach schön zu sehen. Mal schauen, welche Matches ich wegen der Zeitverschiebung schaffe.

aehre: Schauen Sie sich eher Frauenfußballmatches an?

Ressmann: Ja, klar, das ist immer meine Präferenz. Noch toller ist es, live dabei zu sein. So wie bei der UEFA-Fußball-Europameisterschaft der Frauen. Großereignisse im Fußball sind auch für den Frauenfußball immer ein besonderes Highlight, weil sie Sichtbarkeit bringen.

aehre: Wie würden Sie diesbezüglich das Verhältnis von Frauen- und Männerfußball beschreiben?

Ressmann: Da gibt es eine klare Zahl. Rund 79 Prozent der Sportberichterstattung sind männlichen Sportlern vorbehalten. Das heißt: Rein rechnerisch ist der Frauensport ab 18. März für den Rest des Jahres unsichtbar. Es ist also der Equal-Play-Day.

»Wenn du als Frau in den höchsten Ligen spielst, musst du oft daneben arbeiten. Topfußballer verdienen Unsummen.« Anna Ressmann

aehre: In Anlehnung an den Equal-Pay-Day, der den Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen sichtbar macht?

Ressmann: Genau, aber der Equal-Play-Day zeigt die Unausgewogenheit am Beispiel der Berichterstattung. Und ja, von den Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen im Fußball will ich gar nicht reden. Sie sind enorm. Auch wenn du als Frau in den höchsten Ligen spielst, musst du oft daneben arbeiten, die Topfußballer aber verdienen Unsummen.

aehre: Also voll ungerecht. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?

Ressmann: Frauenfußball ist ein junger Sport, die erste Frauenliga in Österreich wurde erst 1982 gegründet.

aehre: Sie sind 1986 geboren. Sind Sie also eine Fußballpionierin?

Ressmann: Nein, ich würde mich nicht so bezeichnen. Aber als ich zu spielen begonnen habe, waren Mädchen, die Fußball gespielt haben, selten. Das ist inzwischen nicht mehr so.

aehre: Warum wollten Sie eigentlich Fußball spielen?

Ressmann: Weil es mir und meiner Zwillingsschwester einfach richtig Spaß gemacht hat. Wir haben im Hort nach der Schule mit den Buben begonnen. Und bis heute nicht mehr aufgehört.

aehre: Und dann seid ihr in einen Verein eingestiegen?

Ressmann: Genau. Zuerst wurden wir von unserem Taufpaten sehr gefördert. Er hat uns zum Training mitgenommen, 2006 sind wir beim FC Mariahilf eingestiegen. Das meiste, was ich über Fußball weiß, habe ich dort gelernt.

aehre: Was ist das Tollste am Fußball?

Ressmann: Das Gefühl, Teil eines Teams zu sein, zusammenzuspielen, sich aufeinander verlassen zu können.

aehre: Und die Siege im Wettkampf?

Ressmann: Sind schon auch wichtig, aber es kommt halt drauf an, was du selbst willst. Wir haben lange in der Landesliga gespielt, waren einmal dritte, einmal standen wir im Cup-Finale. Aber wichtiger war immer das Gemeinsame, auf dem Platz und auch außerhalb. Da gibt es so viele schöne Momente.

Im Tor stehen. Als Spielerin hält Anna Ressmann die Bälle ab, als Funktionärin ist sie in Sachen Frauenfußball als Stürmerin unterwegs. © Tommy Wildner

aehre: Ist das beim Männerfußball anders?

Ressmann: Im Profifußball und in der Bundesliga sicherlich schon. Je professioneller der Fußball wird, umso mehr ist es ja auch ein Business. Und umso wichtiger werden die Siege. Der Fokus liegt dann auf den Punkten und Prämien. Im Vereinsfußball müssen wir darauf schauen, dass wir Job und Familie mit dem Fußball in Einklang bringen. Das sind unterschiedliche Welten.

aehre: Apropos: Finden Sie es eigentlich gut, dass Fußball so ein Big Business ist?

Ressmann: Aus meiner Sicht sollte klarerweise der Sport im Vordergrund stehen und nicht das Geld. Aber es ist einfach Fakt, dass Wertschöpfung im Fußball von zentraler Bedeutung ist. Wenn ich sehe, was einzelne Topspieler verdienen, und das vergleiche, mit welchen finanziellen Hürden Fußball als Breitensport konfrontiert ist, dann ist das einfach unverhältnismäßig. Ein Bruchteil von deren Gehältern würde uns beim Frauenfußball in neue Dimensionen katapultieren. Das Geld ist ungerecht verteilt.

»Frauen bleiben nach Fouls nicht so lange am Boden liegen wie Männer.« Anna Ressmann über die Unterschiede zwischen Frauen und Männern beim Match

aehre: Ist Fußball brutal?

Ressmann: Das kann ich selbst auch nur von außen betrachten, aber sagen wir mal so: Der Druck im Männerfußball an der Spitze ist, glaube ich, extrem. Die Konkurrenz ist groß, wenn du Fehler machst, sind die Shitstorms auf Social Media vorprogrammiert. Das ist ein irrer Druck. Wir haben im Breitensport im Frauenfußball andere Hürden.

aehre: Welche?

Ressmann: Die Voraussetzungen, um dreimal die Woche Training zu haben. Und damit meine ich zum Beispiel den Fußballplatz. Und die zeitlichen Bedingungen: Denn alle müssen Ausbildung, Job, Familie und das Fußballspielen aufeinander abstimmen.

aehre: Wie ist das bei Ihnen?

Ressmann: Ich trainiere, wenn ich nicht gerade verletzt bin, maximal ein Mal in der Woche. Der Großteil meines Engagements für den Frauenfußball ist aber meine Arbeit als Funktionärin. Das ist richtig wichtig, um etwas voranzubringen.

aehre: Was genau bedeutet Vereinsarbeit?

Ressmann: Sitzungen, Finanzen, Schriftführen. Jemand muss die Mitgliedsbeiträge kassieren und sich um die Sponsor:innen kümmern sowie Förderungen aufstellen. Und auf einer sehr konkreten Ebene muss es Leute geben, die Trainings organisieren, Fußballplätze buchen, Plätze in Ordnung halten, Turniere managen, aber auch alle Ausflüge, Reisen, Transporte und nicht zuletzt auch das Handling der Fußballdressen übernehmen. Und ohne Social Media geht es auch nicht mehr. Wir haben richtig viel zu tun.

aehre: Das geht sich nebenbei aus?

Ressmann: Ja, schon, ich mache nicht alles davon selbst, sondern im Team. Das ist wichtig, weil sich der Frauenfußball sonst nicht weiterentwickelt. Und genau das ist mir ein Anliegen. Da investiere ich gerne Zeit, ehrenamtlich beim Verein und im Verband. Aber im Hauptberuf bin ich Chemikerin in einer Firma am Vienna BioCenter und habe zwei kleine Kinder.

aehre: Die auch schon Fußball spielen?

Ressmann: Ja, aber nur mit der Familie, weil sie noch zu klein für den Verein sind. Sie wissen aber, dass ich Fußball sehr mag.

aehre: Blöde Zwischenfrage: Spielen Frauen anders Fußball als Männer?

Ressmann: Definitiv, das ist statistisch erfassbar. Frauen bleiben nach Fouls nicht so lange am Boden liegen, wie Männer (lacht). Es gibt auch viel weniger Spielunterbrechungen, es gibt keine "Rudelbildung" mit Protesten vor den Schiedsrichter:innen. Aber an sich bin ich kein Fan solcher Vergleiche …

aehre: Naja, aber ganz vermeiden lässt sich das eben nicht…

Ressmann: Klar. Und im Grunde genommen geht es ja um Fairness. In unterschiedlichen Facetten, auch rein körperlich. Frauen sind durchschnittlich kleiner und leichter, müssen aber unter "Männerbedingungen" spielen. Um diesbezüglich ein faires Verhältnis zu schaffen, müssten zum Beispiel die Tore im Männerfußball viel größer sein, riesig eigentlich, hat eine Studie ergeben.

aehre: Aber trotz allem hat der Frauenfußball in den letzten zehn Jahren doch einen riesigen Sprung in puncto Qualität gemacht. Woran liegt das?

Ressmann: Es gibt viele Gründe. Einer davon: Je mehr Menschen in einem Land einen Sport betreiben, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, Talente zu finden und sie dann fördern zu können. Das ist in jedem Sport so. Von allen Fußballspielenden in Wien sind nur acht Prozent Frauen. Je mehr Frauen spielen, umso toller, denn wenn sich der Breitensport verbessert, wirkt sich das im Spitzensport aus.

Multitasking. Anna Ressmann ist Torfrau, Chemikerin, Mutter und Fußballfunktionärin und – neu – auch Vereinsgründerin. © Tommy Wildner

aehre: Was sollte im Breitensport in Wien besser werden?

Ressmann: Bessere Strukturen und mehr Fußballplätze, das wäre das Wichtigste. Denn oft ist es so, dass die Plätze geteilt werden müssen, weil zu viele Teams dort spielen wollen. Auf einem Viertelplatz, so wie es in den Wiener Frauenligen teilweise üblich ist, wird keine Profimannschaft entstehen. Und auch sonst sind Flexibilität und Strukturen in den Vereinen wichtig, damit man Männer- und Frauenmannschaften unter einen Hut bringt.

»Generell ist der Frauenfußball viel offener und inklusiver. Fußball, so wie ich ihn verstehe, hat viel mit Werten zu tun.« Anna Ressmann

aehre: Wie wichtig ist, dass es im Frauenfußball Trainerinnen gibt?

Ressmann: Wichtig. Zum einen für die Sichtbarkeit, zum anderen aber auch, weil Trainerinnen eine Vorbildwirkung haben. Oft sind es ja ehemalige (Profi-)Fußballerinnen, die wissen, worum es geht, und so ideale Bezugs- und Identifikationsfiguren sind. Auch vielen Eltern ist wichtig, dass ihre Töchter von Frauen trainiert werden. In der Realität gibt es aber einfach mehr Männer, die diesen Job machen. Und die Awareness, dass modernes Training zyklusbasiert sein sollte, steigt auch, und zwar überall im Sport. Das ist sehr gut.

aehre: In Österreich gibt es mehr als 2.200 Fußballvereine. Gibt es genug Angebote für Frauen?

Ressmann: Im Breitensport in Wien gibt es zu wenig Angebote für Frauen. Im Mädchennachwuchs hat sich einiges getan. Im Spitzensport hat zumindest jeder Verein der Männerbundesliga mittlerweile ein Frauenteam, auch deshalb, weil das für die Lizenzerteilung notwendig war. Aber Frauenvereine, die international spielen wollen, brauchen Mädchennachwuchsteams, auch für die Frauenbundesliga nächste Saison, da gibt es erstmals Lizenzvorgaben. Da hat sich in den letzten Jahren so manches bewegt.

aehre: Gibt es ein Land, in dem es mit dem Frauenfußball besonders läuft?

Ressmann: Ja, Deutschland. Viele gute Österreicherinnen gehen dorthin, wenn sie sich für den Profifußball entscheiden. Aber auch in Spanien und England ist die Situation gut.

aehre: Aber die Karten für ein Frauenmatch im Stadion sind immer noch unvergleichlich viel billiger als für Männerfußballspiele…

Ressmann: Das wiederum ist ein Vorteil, weil das niederschwellig ist. Da geht es um die Nachfrage, und die ist im Frauenfußball eben noch nicht so groß.

aehre: 600 Euro oder mehr kostet die Karte für ein WM-Match…

Ressmann: … in Basel haben wir keine 30 Euro für das Viertelfinalticket bezahlt. Aber klar, ich finde nicht, dass der Besuch eines Fußballmatches ein Luxus sein sollte. Dass Tickets so teuer sind, ist wild.

aehre: Fußball ist aber doch auch Projektionsfläche, oder?

Ressmann: Ja, vor allem bei den Fans im Stadion. Da gibt es viele, die dorthin gehen, um ihre Aggressionen loszuwerden. In einer idealen Welt feuern die Fans ihre Mannschaft an – und beschimpfen niemanden im Stadion.

aehre: Sind die Fans im Männerfußball, flapsig gesagt, tendenziell Prolos, die im Frauenfußball Bobos?

Ressmann: Würde ich nicht sagen, die Spielerinnen kommen aus allen sozialen Schichten. Generell ist der Frauenfußball aber viel offener und inklusiver.

aehre: Wie meinen Sie das?

Ressmann: Homophobie ist im Männerfußball ein riesiges Thema. Rein statistisch betrachtet ist es sicher so, dass viele Fußballer homosexuell sind, sich aber nicht outen. Es ist schlimm, finde ich, wenn du deine Sexualität verstecken musst, nur weil du Fußball spielen willst. Fußball, so wie ich ihn verstehe, hat viel mit Werten zu tun. Und da passt Diskriminierung nicht dazu.

aehre: Und genau diese Werte sind in Ihrem neuen Verein auch extrem wichtig. Nach 20 Jahren im Verein FC Mariahilf haben Sie den FC Junitas gegründet. Warum?

Ressmann: Weil ich nach 20 Jahren einfach etwas Neues machen wollte. Wir sind jetzt nur Frauen im Vorstand. Das verändert sehr viel. Wir wollen in unserem Verein Fairness, Gleichberechtigung, Zusammenhalt und Respekt leben. Ein gutes Team haben, das auf Augenhöhe miteinander kommuniziert, ist mir wichtiger als supergute Leistungen von einer Spielerin, die dann vielleicht wenig kollegial ist.

aehre: Was sind eure Hürden mit dem FC Junitas?

Ressmann: Wir haben keinen eigenen Platz mehr und müssen uns einmieten. Das kostet Geld und insgesamt sind die Finanzen eine große Herausforderung. Wir wünschen uns viele neue Spielerinnen, in der ersten Phase zwar noch keine Anfängerinnen, aber später durchaus.

ZUR PERSON: Anna Ressmann, Jahrgang 1986, ist Fußballerin und Torfrau sowie seit 2008 Funktionärin. Sie hat im Januar 2026 den Verein FC Junitas mitgegründet und ist dessen Obfrau. Zuvor war sie 18 Jahre beim FC Mariahilf als Schriftführerin, seit 2024 als Obmann-Stellvertreterin und seit 2011 als administrative Frauenfußballverantwortliche tätig. Darüber hinaus engagiert sie sich seit 2015 im Frauenausschuss des Wiener Fußballverbands, seit 2019 als Obmann-Stellvertreterin und im Vorstand des Verbands. © Tommy Wildner

aehre: Was würden Sie sich wünschen?

Ressmann: Für den FC Junitas wünsche ich mir, dass wir uns in der Vereinslandschaft gut etablieren. Dass wir dieses tolle Gemeinschaftsgefühl leben, um das es im Fußball geht. Und schön wäre auch eine Fanbase, die uns und unsere Idee mitträgt.

aehre: Und was wünschen Sie sich für den Frauenfußball generell?

Ressmann: Mehr Sichtbarkeit, mehr Frauen, die spielen, damit das Niveau immer und immer besser wird und natürlich auch ein Umfeld, das Profifußballerinnen erlaubt, von ihrem Sport leben zu können. Weil Fußball einfach so ein toller Sport ist. Und was mich betrifft, ein großer Teil meines Lebens. –

Anna Ressmann im aehre-Podcast finden Sie unter: aehre.media.

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.

aehre – das Nachhaltigkeits-Businessmagazin

Themen: Environmental-, Social- und Governance

Geschäftsführerinnen: Maria-Grazia Nordberg und Annabel Köle-Loebell

Gründung: März 2023

Praterstrasse 66/5

1020 Wien

Tel.: +43 1 890 44 06

Kontakt: hello@aehre.media

Homepage: www.aehre.media

Equal-Play-Day

Das Ziel ist Fairness.

Rund 79 Prozent der Sportberichterstattung ist männlichen Sportlern vorbehalten – rechnerisch ist der Frauensport also ab 18. März in den Medien für den Rest des Jahres unsichtbar. Die Equal-Play-Initiative setzt sich dafür ein, dass alle Sportlerinnen und Sportler dieselbe Bühne bekommen.

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