Bei der 80. Generalversammlung des Bankenverbandes, die in der Wiener Urania stattfand, standen die aktuellen wirtschaftlichen, geopolitischen und regulatorischen Herausforderungen im Mittelpunkt. Generalsekretär Gerald Resch eröffnete die Veranstaltung mit der Frage, wie trotz der gegenwärtigen Hürden der Blick nach vorn gerichtet werden könne. Als Schlüssel dazu nannte er einen starken Fokus auf den Austausch mit allen Stakeholder:innen in der Branche, mit der Politik und der Wissenschaft. Resch betonte zudem: "80 Jahre Bankenverband sind natürlich ein Meilenstein. Aber viel wichtiger als der Blick zurück ist heute der Blick nach vorn." Die Brüsseler Regulatorik fordere die Institute enorm. Daher sehe der Verband seine Aufgabe darin, als Brücke zwischen der Bankenpraxis und den gesetzlichen Vorgaben zu fungieren. Trotz des Gegenwinds zeige sich die Branche extrem resilient und bereit, die digitale Transformation aktiv zu gestalten.
Bankensektor im europäischen Vergleich gut aufgestellt
Der Präsident des Bankenverbandes, Enver Siručić, hob die stabile Position der heimischen Institute hervor: "Es gibt viele wirtschaftliche und geopolitische Spannungen sowie eine große Zahl von hochrelevanten Themen wie etwa den digitalen Euro. Trotz der vielen Herausforderungen stehen die österreichischen Banken, insbesondere im europäischen Vergleich sehr gut da". Österreich habe "Banking" sowohl in die CEE-Region als auch Richtung Westen exportiert und stelle somit eine Erfolgsgeschichte dar.
Bezüglich der zukünftigen Ausrichtung plädierte Siručić für mehr Mut zur Innovation. Österreich neige dazu, an alten Systemen, Prozessen und Produkten festzuhalten. Angesichts von Entwicklungen wie dem digitalen Euro und künstlicher Intelligenz reiche es nicht aus, alte Prozesse lediglich zu digitalisieren. Wenn er von "abreißen und neu bauen" spreche, dann meine er dies als Plädoyer für echten Mut zur Innovation. Services müssten völlig neu gedacht werden. Die Banken seien bereit, die nötigen Investitionen zu tätigen, benötigten jedoch auch die entsprechende regulatorische Freiheit.
Podiumsdiskussion zur Exzellenz als Zukunftsprogramm
In einer anschließenden Diskussionsrunde unter der Leitung von trend-Chefredakteur Bernhard Ecker sprachen Bundeskanzler Christian Stocker, der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank Martin Kocher sowie die Wissenschaftlerin des Jahres Francesca Ferlaino und Enver Siručić über das Thema "Exzellenz als Zukunftsprogramm für Österreich".
Stocker erklärte in seiner Keynote, dass es in geopolitisch volatilen Zeiten eines klaren Kurses bedürfe, um das Land durch die aktuellen Herausforderungen zu navigieren. Sein Anspruch sei es, für ein möglichst verlässliches und stabiles Umfeld am Standort Österreich zu sorgen. Da internationale Entwicklungen nur begrenzt beeinflussbar seien, müsse dort entschlossen gehandelt werden, wo direkte Verantwortung getragen werde. In diesem Zusammenhang hob der Bundeskanzler die Rolle der Bildung als entscheidenden Schlüssel hervor. Schulen müssten junge Menschen nicht nur auf das Berufsleben vorbereiten, sondern auch die Fähigkeit vermitteln, Chancen selbstbewusst zu nutzen und Verantwortung zu übernehmen.
Ferlaino plädierte in der Diskussion dafür, groß zu denken und umfassend zu investieren. Man müsse selbst definieren, was zu schaffen sei. Kocher betonte die Notwendigkeit einer verstärkten Kooperation innerhalb Europas, um die Fragmentierung zu verringern, da die Skalierung in Europa schwieriger sei als auf anderen Kontinenten. Siručić untermauerte: "Wir haben in Österreich das Phänomen des 'Festhaltens' – bei Systemen, Prozessen und Produkten. Wir sollten uns öfter fragen: Ist das der Zukunftsweg, oder nicht? Sollen wir renovieren oder abreißen und neu bauen?"
Hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sagte der OeNB-Gouverneur zu LEADERSNET.tv, dass Österreich ein Land mit hohen Löhnen sei. Dies sei erfreulich, bedeute jedoch im Gegenzug, dass man produktiver und innovativer als andere Teile der Welt sein müsse. Hierfür bedürfe es aller notwendigen Voraussetzungen: ein gutes Bildungssystem, intensive Forschung, investitionsbereite Unternehmen sowie Planungssicherheit. Darüber hinaus sei auch Wagniskapital vonnöten, um Innovationen in marktreife Lösungen umzusetzen.
Personelle Veränderungen im Vorstand
Im Rahmen der Generalversammlung wurden auch personelle Neuigkeiten bekannt gegeben. Mit 1. Juni 2026 wurden Louis Kahane, Vorsitzender des Vorstandes der Bank Gutmann, für die laufende Amtsperiode sowie Gregor Hofstätter-Pobst, Vorstandsmitglied und designierter Vorstandsvorsitzender der Bausparkasse Wüstenrot, in den Vorstand gewählt. Gregor Hofstätter-Pobst folgt in dieser Funktion auf Susanne Riess-Hahn (ihr Abschiedsinterview können Sie hier nachlesen).
Darüber hinaus wurde Angelika Sommer-Hemetsberger, Vorstandsmitglied der österreichischen Kontrollbank und Mitglied des Vorstandes des Bankenverbandes, zur neuen Vizepräsidentin des Bankenverbandes gewählt. Sie zog gegenüber LEADERSNET.tv eine positive Bilanz über die vergangenen Jahre und hielt fest, dass es dem österreichischen Bankensektor sehr gut gehe. Es habe eine hervorragende Entwicklung mit einer deutlichen Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit sowie der Resilienz stattgefunden. Um den Sektor weiter zu stärken, äußerte Sommer-Hemetsberger den Wunsch nach etwas weniger Regulierung beziehungsweise danach, die bestehende Deregulierung pragmatischer zu leben.
Interview-Partner:innen
Neben Gerald Resch, Christian Stocker, Francesca Ferlaino, Martin Kocher, Enver Siručić und Angelika Sommer-Hemetsberger holte LEADERSNET.tv noch Bernhard Ecker, Chefredakteur trend, Helmut Ettl, Executive Director Financial Market Authority Austria, Markus Böhme, Managing Partner Lead Financial, Karin Grün, Chief Country Officer Deutsche Bank, und Helene Buffin, CFO Unicredit Bank Austria, vor die Kamera.
Fotos von der 80. Generalversammlung sehen Sie in unserer Galerie.
www.bankenverband.at
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