LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Arnitz, Ligaportal hat mit mehr als 100 Millionen Seitenaufrufen in einem Monat erstmals diese magische Marke überschritten. Welche Bedeutung hat dieser ÖWA-Rekord für Sie – und was sagt er über die Entwicklung des digitalen Sportjournalismus in Österreich aus?
Thomas Arnitz: Dieser ÖWA-Rekord ist für uns eine große Auszeichnung und zugleich eine starke Bestätigung unseres Weges. Mehr als 100 Millionen Seitenaufrufe in einem Monat zeigen, welche enorme digitale Kraft der Fußball in Österreich hat – nicht nur im Profibereich, sondern bis tief in den Amateurfußball. Für den digitalen Sportjournalismus bedeutet das: Regionalität, Geschwindigkeit und Relevanz entscheiden. Besonders bemerkenswert ist für mich, dass wir mit einem klar fokussierten Fußballangebot im App-Bereich bei den Page Impressions vor großen General-Interest-Angeboten wie ORF und Kronen Zeitung liegen (ÖWA App-Only). Das zeigt: Wer eine starke Community hat und Unique Content liefert, kann auch als Special-Interest-Medium enorme Reichweiten erzielen.
LEADERSNET: Welche strategischen Entscheidungen der vergangenen Jahre waren ausschlaggebend für dieses Wachstum?
Arnitz: Entscheidend war, dass wir Ligaportal nie nur als Website gesehen haben, sondern als technologische Plattform. Wir haben früh in App, Live-Ticker, Datenstrukturen, Community und redaktionelle Workflows investiert. Dazu kommt ein sehr konsequenter Fokus: Wir machen Fußball – und zwar mit maximaler Tiefe. Keine Ablenkung, sondern voller Fokus auf ein Thema. Dieses Zusammenspiel aus Technologie, Redaktion, Community und Nähe zu den Vereinen war aus meiner Sicht der zentrale Wachstumstreiber. Und natürlich die App: Sie ist für uns seit Jahren ein enorm wichtiger Reichweiten- und Bindungsfaktor.
LEADERSNET: Mit Ihrem KI-Assistenten "Valentina" haben Sie Neuland betreten. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?
Arnitz: Das Zwischenfazit ist sehr positiv. Valentina hat sich im täglichen Einsatz bewährt, weil sie ein konkretes Problem löst: Wie bringen wir noch mehr Stimmen, Emotionen und Einschätzungen aus den unteren Ligen in journalistische Form? Die KI ersetzt dabei keine Redaktion, sondern schafft einen neuen Zugang zu Inhalten. Pro Woche führt Valentina mittlerweile rund 700 bis 800 Interviews und erstellt daraus Spielberichte mit Original-Statements. Dadurch gelingt es uns, mehr als 80 Prozent aller Spiele mit Berichten abzudecken.
LEADERSNET: Wie wird das KI-System von Trainer:innen und Vereinen mittlerweile angenommen?
Arnitz: Am Anfang gab es natürlich Neugier, aber auch Skepsis. Das ist völlig nachvollziehbar. Mittlerweile merken viele Trainer:innen und Funktionär:innen, dass die KI zuverlässig arbeitet und gute Qualität liefert. Wenn Aussagen korrekt wiedergegeben werden und daraus ein sauberer Bericht entsteht, wächst das Vertrauen sehr schnell. Ganz ohne Erklärung geht es nicht, aber die Akzeptanz ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Entscheidend ist, dass die Vereine den unmittelbaren Mehrwert erkennen: mehr Sichtbarkeit, mehr Berichte und mehr Aufmerksamkeit für ihre Spieler:innen, Trainer:innen und Funktionär:innen.
LEADERSNET: Kein KI-System ist perfekt. Wo stoßen Sie aktuell noch an Grenzen?
Arnitz: Die Grenzen liegen dort, wo Sprache unsauber, mehrdeutig oder stark kontextabhängig wird. Schlechte Tonqualität, schwache Verbindung, Eigennamen, Ironie oder sehr spezielle Spielsituationen können für die KI herausfordernd sein. Auch bei heiklen Aussagen braucht es weiterhin journalistisches Fingerspitzengefühl. Das Human-in-the-loop-Prinzip ist für uns wichtig und notwendig. Ein technisches Thema ist etwa die sogenannte "Turn Detection": Wenn Gesprächspartner:innen längere Denkpausen machen, kann die KI zu früh annehmen, dass die Antwort beendet ist. Wir haben das inzwischen so angepasst, dass die KI etwas länger wartet, bevor sie die nächste Frage stellt.
LEADERSNET: Müssen sich Redakteur:innen Gedanken machen, dass KI sie langfristig ersetzt?
Arnitz: Nein. Bei uns geht es nicht darum, Redakteur:innen im großen Stil zu ersetzen, sondern ihre Arbeit wirksamer zu machen. KI übernimmt hauptsächlich repetitive Aufgaben und schafft zusätzliche Inhalte, die manuell in dieser Breite nicht annähernd darstellbar wären. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben: Kontrolle, Veredelung, Themensteuerung und Qualitätssicherung. Die Rolle der Redaktion verändert sich also, sie verschwindet aber nicht. Außerdem bleiben in der österreichischen Bundesliga, in der 2. Liga, in den Regionalligen und in vielen 1. Landesligen weiterhin unsere eigenen Redakteur:innen im Einsatz und verfassen Spielberichte.
LEADERSNET: Wie stellen Sie sicher, dass Geschwindigkeit und Automatisierung nicht zulasten journalistischer Qualität gehen?
Arnitz: Geschwindigkeit ist nur dann wertvoll, wenn die Qualität stimmt. Deshalb setzen wir auf klare Prozesse, Plausibilitätsprüfungen und redaktionelle Kontrolle. Wir kommunizieren offen, dass bei Valentina KI zum Einsatz kommt, und wir lassen die Technologie nicht unkontrolliert laufen. Der entscheidende Grundsatz lautet: Die KI liefert Unterstützung, aber sie trägt nicht die journalistische Verantwortung. Diese Verantwortung bleibt beim Menschen und bei Ligaportal. Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: Fehler können immer passieren – beim Menschen ebenso wie bei der Maschine.
LEADERSNET: Abschließend eine Frage abseits des Tagesgeschäfts: Die FIFA-Weltmeisterschaft läuft auf Hochtouren. Wer ist Ihr Favorit für den Titel?
Arnitz: Mein Titelfavorit ist Frankreich. Die Mannschaft hat enorme individuelle Qualität, Tempo und Physis.
LEADERSNET: Vielen Dank.
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