LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Heller, Ihr neuer Kunsterlebnispark an der Alten Donau erstreckt sich über 28.000 Quadratmeter. Wo, glauben Sie, werden die Besucher:innen hier das "Wunderbare" am stärksten spüren – und was war Ihr eigener erster Moment des Staunens auf diesem Gelände?
André Heller: Das Wunderbarste und Erstaunlichste ist, dass solche anspruchsvollen Projekte überhaupt wahr werden können. Es wird ja für gewöhnlich viel zu viel geredet und viel zu wenig tatsächlich verwirklicht.
LEADERSNET: Wie wichtig ist es Ihnen, in unserer beschleunigten Welt Räume zu schaffen, die zum bewussten Verweilen und Flanieren einladen – und welche Rolle spielt dabei die Tatsache, dass Wien laut Mercer-Studie regelmäßig zu den lebenswertesten Städten der Welt zählt?
Heller: Gärten und Parks sind sinnliche Orte zum Durchatmen, Auszittern, Reflektieren, Heilen, Inspirieren und vielem mehr. Sie sind auch Glückselixiere. Die Regierenden in Wien haben ein erstaunlich großes ökologisches Verantwortungsgefühl und wissen, was sie in dieser Beziehung den Bürger:innen schulden.
LEADERSNET: Sie haben in Marrakesch, den Emiraten, in Italien und Wien Landschaften in poetische Bühnen verwandelt. Wie unterscheidet sich die Gestaltung eines Parks für eine Weltstadt wie Wien – die immerhin auf 53 Prozent ihrer Fläche aus Grün- und Wasserflächen besteht – von Projekten in anderen Kulturen und Klimazonen?
Heller: Ein entscheidender Faktor ist das Klima und die Absicherung von Wasser. Diese Voraussetzungen bestimmen die Wirkungsmacht des Territoriums und die Auswahl der Pflanzen. Das Gold der Zukunft wird Wasser und Kühle sein. Schon jetzt bezahlen die Besucher:innen von Anima, meinem Park in Marokko, für den Eintritt, nur um Schatten zu genießen.
LEADERSNET: In Ihren Projekten verbinden sich oft intime Details mit monumentalen Gesten. Gibt es im neuen Park ein verstecktes Detail, das nur aufmerksame Besucher:innen entdecken – so wie bei Luna Luna in den 1980ern, wo hinter den großen Attraktionen leise poetische Momente verborgen waren?
Heller: Das ändert sich jeden Tag, die wahren Regierenden eines Parks sind der Wind, die Sonne, die Qualität der Erden, das Musizieren der Vögel, die Düfte, die Farben, die Jahreszeiten. Das Inventar, also die Pflanzen, garantiert immerwährende Verwandlung und darin warten die Nuancen auf ihren Auftritt.
LEADERSNET: Sie haben einmal gesagt, Sie möchten Menschen "Momente des Glücks schenken". Wie messen Sie persönlich den Erfolg eines Projekts? An Besucherzahlen, an Kritikerstimmen – oder an stillen Beobachtungen, wie jemand im Park innehält?
Heller: An der Energie, die im allerbesten Fall eine positive Erschütterung auslösen kann. Alte und junge Menschen aller Ausbildungsgrade und Nationalitäten suchen Gärten und Parks als eine Art von Schutzzone für Besinnung, und das ist auch der höchste Zweck all meiner Bemühungen.
LEADERSNET: In Wien wird oft über den Wert öffentlicher Kunst gestritten – zwischen Budgetdebatten, Denkmalschutz und Bürgerinitiativen. Wie navigieren Sie zwischen künstlerischer Freiheit und städtischen Rahmenbedingungen, ohne Kompromisse zu machen, die das Herz des Projekts verändern?
Heller: Ich arbeite prinzipiell nicht mit Steuergeld, auf diese Weise vermeide ich auch öffentliche Querelen. Bei dem Wiener Projekt kam die großzügige Finanzierung meiner Arbeit und der angeschafften Kunstwerke von der Bank Austria.
LEADERSNET: Ihr Werk hat Menschen über Jahrzehnte in Staunen versetzt. Wenn Sie in 30 Jahren durch diesen Park gehen könnten – als Besucher, nicht als Schöpfer – was würden Sie dort gerne erleben, hören oder riechen?
Heller: Ich würde wünschen, dass die Statik meiner verwirklichten Träume stabil geblieben ist. Ein Park wird übrigens von Jahr zu Jahr schöner. Die Botanik ist die Sprache der Natur, und die Kunstwerke könnte man in diesem Zusammenhang als zusätzliche neue Wörter bezeichnen.
LEADERSNET: Mit 78 Jahren blicken Sie auf ein Lebenswerk zurück, das von Gedichten über Zirkusshows bis zu monumentalen Gartenlandschaften reicht. Wenn der Kunsterlebnispark an der Alten Donau in 100 Jahren noch existiert – wie die berühmten Wiener Ringstraßenbauten –, welche Botschaft über unsere heutige Zeit soll er dann transportieren?
Heller: Dass es in unserer Epoche, die leider im Wesentlichen von Zynismus, Mangel an Empathie und Lieblosigkeit geprägt ist, dort, wo Menschen ihre Begabungen und Chancen nicht geschwänzt haben, es auch tatkräftige Ausnahmen gegeben hat.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.andreheller.com
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