"Medien-Castingshow" in Seefeld
Debatte um neue ORF-Spitze dominierte Europäischen Mediengipfel

| Tobias Seifried 
| 21.05.2026

Beim großen Branchentreff in Seefeld blickte man gebannt auf den Kampf um die Position der Generaldirektion. Top-Manager brachten sich für den Chefsessel am Küngiglberg in Stellung.

Unabhängige Medien gelten als fundamentale Säule liberaler Demokratien. Doch der heimische Markt steht vor tektonischen Verschiebungen: Die erdrückende Übermacht globaler Tech-Plattformen, ein rasanter technologischer Wandel, der dramatische Abfluss nationaler Werbeetats ins Ausland und die grassierende Konkurrenz durch synthetische Info-Kanäle setzen klassische Medienhäuser massiv unter Druck. Vor diesem Hintergrund widmete der Europäische Mediengipfel (EMG) in Seefeld/Tirol am Donnerstag der österreichischen Medienentwicklung eine hochkarätig besetzte Sonderedition. Moderiert wurde der Branchengipfel von Barbara Haid von ProMedia.

Was offiziell als medienpolitische Strukturdiskussion deklariert war, entwickelte sich hinter den Kulissen im Sport- und Kongresszentrum rasch zu einer hochspannenden Bühne für das unmittelbar bevorstehende Rennen um die ORF-Generaldirektion.

Clemens Pig präsentiert fünf "Leitideen" für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Den inhaltlichen Taktgeber lieferte Clemens Pig, CEO der Austria Presse Agentur (APA), anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Nachrichtenagentur. In seiner Keynote unter dem Titel "Neue Welt- und Kommunikationsordnung – Impacts für Medien und Informationsgesellschaft" skizzierte er nicht nur Wege aus den ökonomischen Krisen klassischer journalistischer Marken, sondern präsentierte vor versammeltem Branchen-Publikum auch seine fünf "Leitideen" zur Zukunft des ORF.

Dabei plädierte Pig dafür, den ORF als zentrale demokratische Infrastruktur und "Schweizermesser des österreichischen Medienstandortes" zu begreifen. Unter den Schlagworten "Information und Demokratie" sowie "Programm und Identität" betonte er, dass der ORF nicht zwingend der Schnellste oder Lauteste sein müsse, sondern jener Anbieter, dem das Land vertraut. Zudem forderte er mehr Mut zu Kooperationen mit privaten Medien, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft statt eines reinen "Gebarungsdenkens".

In Branchenkreisen wurde dieser programmatische Auftritt auf der von Freunden aus der Tiroler Heimat maßgeschneiderten Bühne als deutliches Signal gewertet: Dem Vernehmen nach soll der APA-Chef breite Unterstützung von Teilen der ÖVP- und SPÖ-nahen Stiftungsräte genießen, die im obersten ORF-Gremium die Mehrheit stellen. Zudem soll er bei Bundeskanzler Christian Stocker am höchsten im Kurs stehen. Pig ließ am Donnerstag offen, ob er kandidieren wird. Falls ja, dann als parteipolitisch unabhängiger Kandidat, so der APA-CEO.

Der gesamte Sonder-Mediengipfel zum Nachsehen:

Das verdeckte Pokerspiel auf dem Podium

Eine offizielle Bewerbung sprach in den Bergen zwar noch niemand offen aus, doch das rhetorische Visier wurde merklich hochgezogen. Die amtierende ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher ließ das Publikum im Dunkeln, bestätigte aber kryptisch, dass sie eine Entscheidung getroffen habe, ob sie die Aufgabe längerfristig ausüben wolle. Branchenprofis gehen davon aus, dass sie sich nicht bewerben wird. Für eine faustdicke Überraschung sorgte indes Medienmanager und Ex-ProSiebenSat.1-Puls4-Chef Markus Breitenecker. Direkt auf eine mögliche Kandidatur angesprochen, revidierte er frühere Aussagen und gestand gegenüber der ZIB2: "Ich schließe eine Bewerbung nicht mehr aus. Ich denke intensiv darüber nach."

Während mit ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer eine fixe Kandidatin (LEADERSNET berichtete) in Seefeld fehlte – sie erhielt zeitgleich durch eine ungewöhnliche Wahlempfehlung der ORF-Korrespondent:innen Schützenhilfe –, flammte auf dem Podium eine intensive Debatte über die künftige Marktordnung auf. Thurnher schlug eine Wiederbelebung des Video-Austauschs zwischen dem ORF und den Zeitungsverlagen über die Austria Video Plattform vor, während Breitenecker einen strategischen Protektionismus forderte, um den heimischen Standort vor der Übermacht aus den USA und China zu schützen.

Kritik an der Politik und Vorstoß für höhere Digitalsteuer

Die anwesenden Interessenvertreter zeigten sich indes ungeduldig angesichts des politischen Tempos. Christian Stögmüller, Präsident des Verbandes Österreichischer Privatsender (VÖP), und Maximilian Dasch, Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), pochten auf rasche Entscheidungen bei der Medienförderung. Man blicke besorgt auf die Strategie im zuständigen Ministerium, so der Tenor.

Einen konkreten politischen Impuls setzte Tirols Landeshauptmann Anton Mattle, der aktuelle Vorsitzende der Landeshauptleutekonferenz. Er kündigte an, am 19. Juni einen Antrag in die LH-Konferenz einzubringen, der Medienminister und Vizekanzler Andreas Babler zu raschen Maßnahmen zur Stärkung des regionalen Journalismus auffordert. Mattle schlug vor, Verlage gezielt dabei zu unterstützen, qualitätsvolle Inhalte auf soziale Medien zu bringen, und brachte als Finanzierungsmodell ein "Anziehen der Digitalsteuer" ins Spiel.

Abendempfang zum Ausklang

Nach den intensiven Diskussionen bot der anschließende Abendempfang im exklusiven Alpin Resort Sacher Seefeld den perfekten Rahmen für die Branchen-Entscheider:innen, um den medienpolitischen Poker bei einem Flying Buffet informell fortzusetzen.

Fotos von der Sonderausgabe des Europäischen Mediengipfels sehen Sie in Kürze in unserer Galerie.

www.mediengipfel.at

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