Als ehemaliges "Hofmobiliendepot" blickt das Möbelmuseum Wien auf eine jahrhundertelange Tradition der Verwaltung und Bewahrung von Wohnkultur zurück. Wo einst die Inventarstücke der kaiserlichen Residenzen verwaltet wurden, wird heute die Entwicklung des Wohnens als Spiegelbild gesellschaftlicher Umbrüche analysiert. Diesem Anspruch folgend, schlägt das Haus nun ein neues Kapitel auf.
Mit der Sonderausstellung "Made in Austria Möbeldesign 1948-1960" richtet sich der Blick weg vom imperialen Glanz hin zum pragmatischen Optimismus der Nachkriegszeit, in der das Design zwischen 1948 und 1960 die Identität der jungen Zweiten Republik maßgeblich prägte. "Diese Ausstellung erzählt nicht nur von Möbeln
und Design. Sie erzählt von Österreich auf dem Weg zurück in die Moderne und von einem Land, das sich nach Krieg und Zerstörung neu eingerichtet hat, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Solche historischen Linien sichtbar zu machen, sehe ich als einen wichtigen Auftrag der Schönbrunn Group", so Klaus Panholzer, Geschäftsführer der Schönbrunn Group.
Archiv des Vergangenen
Eröffnet wurde die Sonderausstellung am 14. April 2026 gemeinsam mit zahlreichen Gästen. Die von Eva B. Ottlinger (stellvertretende Leiterin Historische Sammlung, Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus) kuratierte Themenschau "Made in Austria Möbeldesign 1948-1960" bringt die Besucher:innen direkt in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Gezeigt werden mehr als 130 Objekte aus den Bereichen "Repräsentation der Zweiten Republik", Mobiliar der damals aktuellen "Espresso-Kultur" und modernen Wohneinrichtungen für alle.
"Als Eigentümervertreter freut es mich besonders, dass das Möbelmuseum Wien 2025 – als Teil der Schönbrunn Group – mit über 62.000 Besucher:innen einen neuen Rekord verzeichnen konnte – ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieses große Interesse unterstreicht die herausragende Bedeutung von Sonderausstellungen wie 'Made in Austria' für die vielfältige Kulturlandschaft Österreichs und macht deutlich, wie wichtig es ist, unser kulturelles Erbe zu bewahren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen", meint Alexander Palma, Leiter Sektion IV kulturelles Erbe, Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus.
Möbel aus Architektenhand
Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg blühte in Österreich eine dynamische Möbelkultur auf. Das Design bestach durch handwerkliche Präzision, eine enorme Formenvielfalt und den Anspruch, auch erschwingliche Stücke hochwertig zu gestalten. Federführend waren zu dieser Zeit vor allem Architekt:innen, die das moderne Erscheinungsbild der Möbel prägten.
"Der heurige Jahresschwerpunkt "Upcycling" bildet die perfekte Klammer zur Sonderausstellung "Made in Austria". Die verheerenden Kriegsschäden in Wien und ganz Österreich zwangen die Menschen in Österreich dazu, "out of the box" und Arbeitsmaterialien, Architektur und auch Inneneinrichtung neu zu denken. Der Grundsatz "Arbeiten mit dem, was man hat – Smartening-Up" galt damals und ist heute relevanter denn je", erläutert Petra Reiner, Leiterin Möbelmuseum Wien.
In der Ausstellung sind Entwürfe von den Architekt:innen Anna-Lülja Praun, Margarete Schütte-Lihotzky, Carl Appel, Carl Auböck (lll.), Erich Boltenstern, Max Fellerer, Oswald Haerdtl, Julius Jirasek, László Mazák, Otto Niedermoser, Oskar Payer, Roland Rainer, Oskar Riedel, Franz Schuster, Karl Schwanzer, Emil Stejnar, Hans Wölfl und Eugen Wörle zu sehen.
Historische Einordnung
Der Startschuss für das moderne Möbeldesign fiel schließlich in der jungen Zweiten Republik. Durch die enge Zusammenarbeit von Designer:innen mit renommierten Betrieben wie Carl Auböck, Karl Hagenauer oder J. & L. Lobmeyr entstanden neue Impulse. Ein Meilenstein dieser Vernetzung war die Gründung der "Österreichischen Werkstätten" im Jahr 1948, bei der erfahrene Architekt:innen und traditionsreiche Handwerksbetriebe gemeinsam die Weichen stellten.
Nach den Kriegs- und Nachkriegsjahren sehnte sich das gebeutelte Volk nach Unterhaltung, Unbeschwertheit und Lebensfreude. 1951 eröffnete das Café "Arabia Espresso" am Kohlmarkt 5 in der Wiener Innenstadt. Es übersetzte die italienische Espresso-Kultur für die traditionelle Kaffeehaus-Metropole Wien, was zu heftigen Diskussionen führte. Für die Gestaltung des Espresso-Cafés beauftragte der Besitzer den Architekten Oswald Haerdtl, der dieses als modernes Gesamtkunstwerk realisierte. Im Eingangsbereich befand sich die Theke für den schnellen Espresso, es folgten Sitz-Logen für die gemütliche Jause, dahinter lag der "Grill-Raum" mit gedeckten Tischen für das kultivierte Essen.
Ganze 48 Jahre blieb das "Arabia Espresso" in Betrieb. 1999 schloss das Lokal seine Pforten und die Ausstattung wurde abgerissen, um für ein Modegeschäft Platz zu machen. Auf Initiative des damaligen Sammlungsleiters der Bundesimmobilienverwaltung, Peter Parenzan, wurden die noch erhaltenen Möbel Haerdtl vom Gebäudeeigentümer als Schenkung der Sammlung übergeben.
"Einige originale Möbel des Designers und Architekten Oswald Haerdtl (1899-
1959) aus seinem legendären Espresso 'Arabia' werden in der Sammlung der
Bundesmobilienverwaltung aufbewahrt und können in der Ausstellung bewundert werden. Diese Möbel sind wegweisende Design-Objekte des Espresso 'Arabia', das im Jahr 1951 am Kohlmarkt eröffnet wurde und mit seinem künstlerischen Gesamtkonzept eine Ikone der Nachkriegszeit und ein Maßstab für den 'Espresso-Stil' in Wien würde. Ausgestattet wurde das 'Arabia' von österreichischen Unternehmen wie der Firma Lobmeyr. Das Espresso 'Arabia' stand gestalterisch für Fortschritt und war ein Ort, wo man in Wien der Nachkriegszeit Urbanität und weltoffenes Flair erleben konnte", erklärt Anja Hasenlechner (Leiterin Abteilung Historische Sammlungen, Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus).
Von kaiserlichem Erbe zu modernem Design
Die Kriegsschäden trafen neben Fabriken und Wohnhäusern auch die Regierungsgebäude. Während die Präsidentschaftskanzlei 1946 in den historischen Räumen Maria Theresias in der Hofburg einzog und diese mit kaiserlichem Mobiliar ausstattete, ging das Bundeskanzleramt einen anderen Weg. Nachdem die Bombenschäden am Ballhausplatz behoben waren, gestaltete der Architekt Oswald Haerdtl die Büros 1948/49 bewusst modern, mit zeitgemäßen Möbeln und Leuchten um. Das Parlament hingegen, ursprünglich von Theophil Hansen entworfen, kehrte erst 1956 in den Betrieb zurück.
Allein in Wien waren 187.000 Wohnungen durch den Krieg beschädigt und 87.000 gänzlich zerstört. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Stadt Wien ein soziales Wohnbauprogramm ins Leben gerufen. Diese kommunale Wohnbautätigkeit wurde nun mit dem "sozialen Schnellbauprogramm" wieder aufgenommen. Jedoch fehlte es nicht nur an Wohnraum, sondern auch an Einrichtung. Ein wichtiger Impuls für die Neuproduktion war die Ausstellung "Die Frau und Ihre Wohnung" im Jahr 1950, bei der der Hauptteil aus Mustereinrichtungen von den Architekt:innen Erika Hotzky, Herma Kotal-Mikolasek, Otto Niedermoser, Oskar Payer, Roland Rainer, Franz Schuster
und Maria Tölzer bestand.
Design für alle
Einen maßgeblichen Beitrag zur Verbreitung modernen Wohnens leistete die Initiative "Soziale Wohnkultur". Mit dem Ziel, hochwertiges Design massentauglich zu machen, ließ man Entwürfe von Oskar Payer und Franz Schuster – basierend auf Kundenbefragungen – in Serie fertigen. 1956 erschien schließlich der erste umfassende SW-Verkaufskatalog. Darüber hinaus boten die Küchenhocker der Marke "Connexi", die "Austro Sessel" von Wiesner-Hager und die "Vienna Sessel" der Firma E. & A. Pollak, zu denen auch der "Stadthallen-Sessel" von Roland Rainer gehörte, sowie die Metallstühle der Marke "Sonett" komfortable Sitzmöbel für alle Gelegenheiten. Was damals den Alltag modernisierte, ist heute ein Highlight auf jedem Vintage-Markt.
"Bereits wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Österreich Möbel für alle Lebensbereiche neugestaltet. Das österreichische Möbeldesign zeichnete sich dabei durch handwerkliche Qualität, große Vielfalt der Möbelformen und gute Gestaltung auch von preisgünstigen Erzeugnissen aus. Neue Markennamen wie 'Austro Sessel', 'Vienna Sessel' und 'Serie Austria' zeigen die Aufbruchsstimmung in der Branche", so Eva B. Ottlinger.
Einen Eindruck von der Sonderausstellung können Sie sich mittels Galerie hier und hier verschaffen.
www.moebelmuseumwien.at
www.schoenbrunn-group.com
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