Mit einem kurzen Überblick über die herausfordernde wirtschaftliche Lage eröffnete Thomas Gindele, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Handelskammer in Österreich (DHK), am Mittwoch die traditionelle Jahrespressekonferenz. Er stellte das Leitthema "Stärkung des Binnenmarktes für ein starkes Europa" vor und führte in die Beiträge der Vortragenden Hans Dieter Pötsch, Präsident der DHK sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG und Vorstandsvorsitzender der Porsche SE, Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), sowie Gabriel Felbermayr, Direktor des WIFO, ein. Dabei verwies er auch auf die jüngste Ernennung Felbermayrs zum deutschen Wirtschaftsweisen (LEADERSNET berichtete).
Im Zentrum der Pressekonferenz stand die Frage, wie Deutschland und Österreich ihre Standortattraktivität angesichts globaler Unsicherheiten stärken können. Einigkeit herrschte darüber, dass strukturelle Reformen beschleunigt werden müssen.
Leichte Erholung im bilateralen Handel
Zunächst zeigte Hans Dieter Pötsch die jüngsten Entwicklungen der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Österreich auf. Nach Rückgängen in den Jahren 2023 und 2024 zog der Handel zwischen beiden Ländern 2025 wieder an. Das bilaterale Handelsvolumen stieg um 4,1 Prozent auf rund 134,1 Milliarden Euro. Die deutschen Exporte nach Österreich beliefen sich auf knapp 80 Milliarden Euro, während Österreich Waren im Wert von 54,1 Milliarden Euro nach Deutschland exportierte.
Deutschland bleibt damit wichtigster Handelspartner Österreichs. Umgekehrt liegt Österreich unter den wichtigsten Absatzmärkten Deutschlands mittlerweile auf Rang sieben. Österreichische Importe aus Deutschland rangieren auf Platz neun.

Weitere Kennzahlen unterstreichen die enge Verflechtung der beiden Nachbarländer. Deutschland zählt rund 83,5 Millionen Einwohner:innen und ein Bruttoinlandsprodukt von etwa 4.469 Milliarden Euro. In Österreich leben rund 9,2 Millionen Menschen bei einer Wirtschaftsleistung von rund 512,8 Milliarden Euro. Zudem sind mehr als 2.500 österreichische Unternehmen in Deutschland aktiv, während rund 4.700 deutsche Unternehmen in Österreich tätig sind.
Pötsch: "Wir brauchen deutlich mehr Tempo"
Pötsch betonte die Bedeutung entschlossener Reformen: "Wir brauchen deutlich mehr Tempo – bei Genehmigungen, bei Investitionen und im Bildungssystem." Die jüngste Erholung sei zwar "ermutigend, aber keineswegs selbstverständlich".
Aus Sicht der Unternehmen stehe die Wettbewerbsfähigkeit zunehmend unter Druck. Pötsch verwies darauf, dass Deutschland und Österreich vor allem durch zu langsame Verfahren an Attraktivität verloren hätten. Innovation, so seine zentrale Botschaft, sei entscheidend: "Innovation ist die Währung der Zukunft."
Als zentrale Handlungsfelder nannte er bessere Standortbedingungen, eine beschleunigte Innovationspolitik sowie Investitionen in Fachkräfte und Bildung. Zudem müsse die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder weiter vertieft werden, um innerhalb Europas eine stärkere Rolle einzunehmen.
Geopolitische Spannungen und internationale Verwerfungen gefährdeten laut dem DHK-Präsidenten zufolge das "zarte Pflänzchen" der Erholung. Gerade deshalb dürften externe Krisen nicht als Vorwand für Reformstillstand dienen, sondern müssten den Reformdruck erhöhen.
Adrian: Hohe Kosten und Bürokratie bremsen
Peter Adrian zeichnete ein deutlich angespannteres Bild der aktuellen Lage der deutschen Wirtschaft. Diese sei weiterhin schwach, was auch auf geopolitische Risiken – etwa im Nahen Osten und rund um die Straße von Hormus – zurückzuführen sei. Steigende Energiepreise und fragile Lieferketten belasteten die Unternehmen zusätzlich.
Der DIHK-Präsident und Unternehmer betonte, dass insbesondere die Energiekosten im internationalen Vergleich ein massives Problem darstellten. Gas und Industriestrom seien in Europa um ein Vielfaches teurer als in den USA oder China – laut Felbermayr handelt es sich dabei um den Faktor 5. Dies führe dazu, dass Investitionen aufgeschoben würden.
Als größte Risiken identifizierte er hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten und den zunehmenden Fachkräftemangel. Reformen seien dringend notwendig, etwa durch steuerliche Entlastungen, eine Senkung der Stromsteuer sowie Anpassungen im Sozial- und Rentensystem.
Zudem kritisierte Adrian die Bürokratie als "lähmendes Problem". Die bisherigen Maßnahmen hätten kaum Wirkung gezeigt. Er forderte eine deutliche Reduktion von Berichtspflichten sowie ein Ende nationaler Überregulierungen von EU-Vorgaben (Stichwort "Gold Plating").
Mit Blick auf Europa unterstrich der DIHK-Präsident die Bedeutung eines funktionierenden Binnenmarktes. Viele bestehende Barrieren müssten abgebaut werden. Der Mittelstand sei bereit, "zu entlasten und zu beschleunigen", sofern die politischen Rahmenbedingungen entsprechend angepasst würden. Zudem verwies er auf die Notwendigkeit von Handelsabkommen zwischen der EU und weiteren Ländern. Jene wie Mercosur, die bereits ratifiziert sind, müssten rasch umgesetzt und neue auf den Weg gebracht werden. So könne man die Abhängigkeit von China und den USA verringern.
Felbermayr: "Probleme sind hausgemacht"
Gabriel Felbermayr stellte fest, dass die wirtschaftlichen Probleme in Deutschland und Österreich "fast identisch" seien. Beide Volkswirtschaften würden aktuell kaum wachsen – in Deutschland werde in den kommenden Jahren ein Wachstum von unter einem Prozent erwartet. Zudem befindet sich das Nachbarland nun im siebten Jahr in Folge in einer Rezession. Österreich entwickelte sich nur geringfügig besser.
Die Ursachen sieht Felbermayr vor allem in strukturellen Defiziten: Die schwache Entwicklung sei nicht primär auf externe Faktoren wie das erratische Verhalten von US-Präsident Donald Trump oder dem "bösen China" zurückzuführen, sondern auf "hausgemachte Standortprobleme". So zeige beispielsweise Italien vor, dass es in Europa sehr wohl Wachstum geben kann.

Besonders kritisch bewertete er die Energiepreise in Europa, die stark gestiegen seien und direkt auf die Produktionskosten durchschlügen. Auch die enge Kopplung von Strom- und Gaspreisen, vor allem in Deutschland und Österreich, sowie bestehende Marktmechanismen wie das Merit-Order-System seien bislang nicht ausreichend reformiert worden. Letzteres sei zwar nicht in Frage zu stellen, gehöre aber so angepasst, dass der Ausbau Erneuerbarer Energien belohnt wird.
Der Iran-Krieg gab den Energiepreisen zuletzt einen deutlichen Schock. Beim Öl ist die Entwicklung in den USA und Europa identisch, doch Gas wurde nur in Europa teurer. Laut dem Wifo-Direktor liege das vor allem am Frackinggas, durch das sich die USA von äußeren Einflüssen unabhängig machen. Deshalb sollte auch Europa über derartige Methoden nachdenken, obwohl er natürlich wisse, dass das aufgrund der Umweltschäden gesellschaftlich nicht gerade erwünscht ist.

Zudem plädierte der WIFO-Chef für mehr Marktmechanismen und Eigenverantwortung der Unternehmen. Man müsse die "Vollkaskomentalität" überwinden und den politischen Mut aufbringen, grundlegende Reformen umzusetzen. Gleichzeitig betonte er die Notwendigkeit, die wirtschaftliche Souveränität Europas zu stärken.
Bei der Beantwortung einer LEADERSNET-Frage in Bezug auf die US-Zölle verwies Felbermayr darauf, dass österreichische Industrieunternehmen wie die voestalpine zwar von ihrer Präsenz in den USA profitieren würden – etwa durch niedrigere Energiepreise –, jedoch kein vollständiger Schutz vor Zolleffekten bestehe. Einen echten "Zoll-Hedge" gebe es nicht. Denn im texanischen Werk des heimischen Stahlkonzerns werden nur Vorprodukte gefertigt, die dann zur Weiterverarbeitung nach Europa kommen.
Gemeinsamer Reformappell
Zum Abschluss zeigte sich Thomas Gindele angesichts der geschilderten Herausforderungen nachdenklich, betonte jedoch auch vorsichtigen Optimismus. So hat Peter Adrian betont, dass er als Industrieunternehmer trotz der wenig erfreulichen aktuellen Situation weiterhin in Deutschland und/oder Österreich investieren würde. Dies deutet darauf hin, dass die wirtschaftlichen Potenziale nach wie vor vorhanden sind.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass der einhellige Tenor der Veranstaltung wie folgt lautet: Die notwendigen Maßnahmen seien bekannt und die Politik wisse genau was zu tun ist, um Österreich, Deutschland und Europa als Wirtschaftsstandort wieder attraktiver zu machen – nun komme es darauf an, die Maßnahmen rasch und konsequent umzusetzen.
LEADERSNET war bei der Pressekonferenz. Fotos sehen Sie in unserer Galerie.
www.oesterreich.ahk.de
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