In Zeiten von Ultra-Fast-Fashion zählt die Modebranche zu den umweltschädlichsten Industriezweigen weltweit. Gleichzeitig erfreuen sich Plattformen wie Shein oder Temu auch in Österreich wachsender Beliebtheit – obwohl vielen Konsument:innen die ökologischen Folgen bewusst sind. Eine aktuelle Studie des Instituts für Handel, Absatz und Marketing (IHaM) der Johannes Kepler Universität Linz zeigte diesbezüglich erst kürzlich eine deutliche Kluft zwischen moralischem Anspruch und tatsächlichem Kaufverhalten auf (LEADERSNET berichtete).
Ein zweiter IHaM-Report, für den rund 1.000 Konsument:innen repräsentativ befragt wurden (siehe Infobox), widmet sich nun der umweltgerechten Entsorgung von Bekleidung. Denn die Menge an Textilabfällen steigt in Österreich seit Jahren deutlich an. So wurden etwa im Jahr 2023 rund 47.000 Tonnen Alttextilien getrennt gesammelt, davon entfielen rund 38.000 Tonnen auf private Haushalte – das entspricht etwa vier Kilogramm pro Einwohner:in. Im Vergleich zur vergangenen Dekade ist das Aufkommen getrennt gesammelter Textilabfälle in Haushalten damit um rund ein Drittel gestiegen.
Junge halten derzeitiges Sammel- und Recyclingsystem eher für ausreichend
Auf die Frage, ob sie die bestehenden Sammel- und Recyclingsysteme für Altkleider als ausreichend empfinden, zeigen sich die Österreicher:innen gespalten: Rund 48 Prozent sind der Ansicht, dass zusätzliche Maßnahmen erforderlich wären – selbst wenn dies mit höheren Bekleidungspreisen verbunden wäre. Demgegenüber halten 52 Prozent die derzeitigen Systeme für ausreichend.
Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen den Altersgruppen. In der jüngsten Kohorte der 16- bis 24-Jährigen spricht sich mit 42 Prozent vergleichsweise der geringste Anteil für verstärkte Maßnahmen zur umweltgerechten Entsorgung von Bekleidung aus. Am höchsten ist die Zustimmung hingegen bei den 25- bis 34-Jährigen, von denen 55 Prozent zusätzlichen Handlungsbedarf sehen. Mit weiter zunehmendem Alter nimmt die Bereitschaft, strengere Recyclingmaßnahmen zu unterstützen, wieder ab.
Auch das Einkommen scheint eine Rolle zu spielen: Haushalte mit höherem Einkommen befürworten häufiger zusätzliche Anstrengungen für eine umweltgerechte Entsorgung von Altkleidern als Haushalte mit geringerem Einkommen. Gleichzeitig zeigt sich, dass Online-Shopper:innen, die regelmäßig bei internationalen Billigplattformen bestellen, deutlich seltener weiteren Investitionsbedarf in ein umweltfreundlicheres Bekleidungsrecycling sehen, da sie dadurch steigende Preise befürchten.
Konsument:innen für Rückgabemöglichkeit im Handel
Auf dem Weg zu einer fachgerechten und umweltfreundlichen Entsorgung von Bekleidung wünschen sich viele Konsument:innen zusätzliche Rückgabemöglichkeiten. So halten 68 Prozent es für sinnvoll, Altkleider direkt im stationären Handel zurückgeben zu können, während sich 59 Prozent eine entsprechende Option auch bei Online-Shops vorstellen können.
Zugleich spricht sich eine deutliche Mehrheit von 67 Prozent dafür aus, die Entsorgung von Bekleidung im Restmüll zu verbieten. Für 57 Prozent sollte die Abgabe ausschließlich über spezielle Sammelstellen erfolgen, selbst wenn diese nicht flächendeckend verfügbar sind. Einen kostenpflichtigen Abholservice für Altkleider bewerten 47 Prozent der Befragten als sinnvolle Ergänzung.
Auch digitale Lösungen stoßen auf Zustimmung: Für 49 Prozent der Konsument:innen ist ein digitaler Produktpass für Bekleidung vorstellbar, der Informationen zu Material und Zusammensetzung enthält und damit ein späteres Recycling erleichtern soll.
Umweltschutz ja, aber nicht auf Kosten der Konsument:innen
Viele Konsument:innen sind der Ansicht, dass Umweltschutz nicht zu höheren Preisen führen darf. So geben 83 Prozent der Befragten an, dass eine umweltfreundliche Entsorgung von Bekleidung die Verkaufspreise von Modeartikeln nicht verteuern sollte.
Stattdessen sehen sie vor allem Hersteller, Handel und Staat in der Verantwortung. 73 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Modehersteller eine Abgabe zur Finanzierung einer fachgerechten Entsorgung leisten, während 66 Prozent diese Pflicht auch beim Modehandel verorten. Zudem sind 71 Prozent der Meinung, dass der Staat entsprechende Recycling-Systeme stärker fördern sollte.
Eine direkte finanzielle Beteiligung der Konsument:innen stößt hingegen auf deutlich geringere Zustimmung. Nur 39 Prozent können sich ein Pfandsystem vorstellen, bei dem beim Kauf ein Betrag hinterlegt und bei der Rückgabe von Altkleidern rückerstattet wird. Noch geringer ist die Akzeptanz dafür, bereits beim Kauf einen Aufpreis zur Finanzierung einer umweltfreundlichen Entsorgung zu leisten – dem stimmen lediglich 31 Prozent zu.
Fazit
"Die aktuelle IHaM-Analyse zeigt einen Anstieg getrennt gesammelter Textilabfälle und zugleich eine klar gespaltene Haltung der Konsument:innen zur Kreislaufwirtschaft: Die eine Hälfte fordert zusätzliche Maßnahmen, während die andere Hälfte die aktuellen Entsorgungs- und Recyclingsysteme für ausreichend hält. Auffällig ist zudem ein Altersmuster, bei dem die Zustimmung zu verstärkten Umweltanstrengungen in der jüngsten Kohorte (16–24 Jahre) am geringsten und in der nächstälteren Gruppe (25–34 Jahre) am höchsten ausfällt, bevor sie mit zunehmendem Alter wieder abnimmt. Die Zustimmung zur Kreislaufwirtschaft stößt dort an Grenzen, wo Konsument:innen selbst stärker finanziell oder organisatorisch gefordert wären. Umweltgerechte Entsorgung wird überwiegend als Aufgabe von Herstellern, Handel oder dem Staat verstanden", resümiert Ernst Gittenberger.
"Die Analysen zeigen weiters klare Präferenzen für Rückgabewege bei klarer Ablehnung von Mehrkosten. Konsument:innen wünschen vor allem einfache Rückgabemöglichkeiten über den Handel sowie klare Regeln gegen die Entsorgung von Bekleidung im Restmüll. Höhere Kosten bzw. Preise für umweltfreundliche Entsorgung werden mehrheitlich abgelehnt, stattdessen sollten aus Sicht der Konsument:innen Hersteller, Handel und der Staat diese Mehrkosten tragen. Während Haushalte mit höherem Einkommen tendenziell eher für stärkere Anstrengungen beim Bekleidungsrecycling plädieren, sehen dies Kund:innen von Online-Billigplattformen skeptischer. Für den Modehandel verschiebt sich Nachhaltigkeit damit weniger in Richtung Produktentscheidung als in Richtung Rückgabe- und Entsorgungsinfrastruktur. Konsument:innen erwarten einfache, flächendeckende Lösungen, ohne diese Verantwortung oder die damit verbundenen Kosten selbst zu tragen", erläutert IHaM-Institutsvorstand Christoph Teller.
www.jku.at
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