Zweitrundeneffekte im Visier
Martin Kochers "Alarmplan" für den Euro

| Tobias Seifried 
| 04.05.2026

Der Iran-Krieg erschwert die Geldpolitik im Euroraum massiv. In einer Analyse warnt der OeNB-Gouverneur vor neuen Inflationsrisiken durch steigende Energiepreise und mahnt zu erhöhter Wachsamkeit.

Noch vor ein paar Wochen galt die Geldpolitik im Euroraum als "neutral": Sie bremste die Wirtschaft nicht, kurbelte sie aber auch nicht an. Nach dem starken Preisanstieg der Jahre 2021 und 2022 war es der Europäischen Zentralbank (EZB) gelungen, die Teuerung rasch in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels zu senken. Doch die geopolitischen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten haben die Ausgangslage grundlegend verändert, wie eine aktuelle Analyse von Martin Kocher zeigt.

Herausforderung Energiepreisschock

Laut dem Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), erschwere der Krieg im Iran die geldpolitischen Entscheidungen erheblich. Ein sprunghafter Anstieg der Energiepreise stelle Zentralbanken vor ein Dilemma. Einerseits treiben solche Angebotsschocks die Inflation nach oben, andererseits schwächen sie die wirtschaftliche Leistung. Zwar könne die Geldpolitik laut Lehrbuch über kurzfristige Schocks hinwegsehen, da eine schwächere Wirtschaft die Inflation mittelfristig wieder dämpfe. Die Realität sei jedoch komplexer, so Kocher.

Gefahr von Zweitrundeneffekten

Es bestehe das Risiko, dass die Inflation auch bei einem kurzen Schock stärker steige als erwartet. In diesem Fall wäre es laut Kocher ratsam, früh und entscheidend mit einer Zinserhöhung einzugreifen. Besonders kritisch sieht er die Gefahr von Zweitrundeneffekten: "Unternehmen und Beschäftigte wollen Kaufkraftverluste vermeiden und fordern daher höhere Preise beziehungsweise höhere Löhne." Dies könne dazu führen, dass die Inflation dauerhaft über dem Zielwert bleibe, selbst wenn der ursprüngliche Energieschock bereits abgeebbt sei.

Strategie der Szenarien

Um dieser Unsicherheit zu begegnen, arbeiten die EZB und die OeNB verstärkt mit Szenarien. Die im März veröffentlichten Prognosen zeigen bereits eine Verschlechterung der Inflationsaussichten. Dennoch hat der EZB-Rat am 30. April entschieden, die Zinsen vorerst unverändert zu lassen. Diese Entscheidung gebe laut Kocher Zeit, weitere Informationen zu sammeln und zu prüfen, ob sich die Risiken tatsächlich materialisieren.

"Es gibt gemeinsam große Entschlossenheit, Preisstabilität durchzusetzen und ein hohes Maß an Wachsamkeit hinsichtlich der sich abzeichnenden geopolitischen Entwicklungen", betont der Notenbank-Gouverneur in seinem Blog-Beitrag. Laut Kocher sei der EZB-Rat jederzeit bereit, die geldpolitische Ausrichtung "rasch und entschlossen anzupassen", sollte dies notwendig werden.

Unterschiede zu 2022

Im Vergleich zur Situation im Jahr 2022 schätzt der EZB-Rat das Risiko eines ähnlich massiven Inflationsschubs derzeit als geringer ein. Damals hätten eine überschießende Nachfrage nach der Pandemie und eine sehr lockere Geldpolitik die Teuerung befeuert. Heute sei die Lage anders. Dennoch mahnen Institutionen wie der IWF, die EZB und die OeNB, dass staatliche Hilfsmaßnahmen nur sehr dosiert und zielgerichtet eingesetzt werden sollten. Ziel müsse es sein, dass die Fiskalpolitik die Bemühungen der Geldpolitik nicht konterkariere.

Das nächste Treffen des EZB-Rates findet Mitte Juni statt. Bis dahin bleibe die Beobachtung der Preisentwicklung oberste Priorität für die Notenbanker:innen.

www.oenb.at

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