Wien in der Stadt der Lichter
Martha Jungwirth bei Ropac Paris: Wenn die Kunst zum Seismographen wird

| Gerhard Krispl / LEADERSNET-ART Herausgeber 
| 22.02.2026

Die österreichische Künstlerin zeigt in ihrer monumentalen Installation "Geh nicht aus dem Zimmer" drei Jahrzehnte künstlerischer Introspektion.

Am 22. Januar 2026 eröffnete die Galerie Thaddaeus Ropac in Paris Marais eine beeindruckende Ausstellung der Wiener Künstlerin Martha Jungwirth. Im Zentrum steht eine außergewöhnliche Installation aus 131 Zeichnungen und Gemälden auf Papier, die zwischen 1987 und 1992 entstanden sind – Bernard Blistène, ehemaliger Direktor des Centre Pompidou, bezeichnet sie als "großen Fries unbändiger Bilder".

Ein monumentaler Fries der Erinnerung

Die monumentale Wandkonstellation wird von aktuellen Gemälden und Aquarellen aus den 1980er Jahren ergänzt und offenbart die bemerkenswerte Kontinuität in Jungwirths künstlerischem Schaffen. Zur Eröffnung erschien die Künstlerin in Begleitung ihres langjährigen Freundes und Malers Albert Oehlen, der der französischen Zeitschrift Numéro Art von gemeinsamen Malversuchen auf Großformaten erzählte – "ein totaler Fehlschlag!", wie er schmunzelnd bemerkte. Jungwirth fand schließlich ihre eigene Lösung: Sie malt auf großen Papierbögen, die später auf Rahmen gespannt werden.

Martha Jungwirth bei Ropac Paris
Martha Jungwirth, Untitled, 1987 – 1992, Ink, charcoal, watercolor, paint on paper, in 131 parts, tbc, (MJ 1536) © Martha Jungwirth / ADAGP Paris, 2026 ©Simon Veres

Kunst als seismographisches Tagebuch

"Meine Kunst ist wie ein Tagebuch, ein Seismograph. Das ist meine Arbeitsweise. Zeichnen und Malen sind eine Bewegung, die durch mich hindurchfließt", beschreibt Jungwirth ihren Schaffensprozess. Viele der 131 Arbeiten auf Papier entstanden in der Dämmerung vor dem Fernseher – ein intimer Moment, in dem die Künstlerin halb auf das Papier blickend in einem instinktiven Prozess arbeitete, ähnlich dem automatischen Schreiben.

Zwischen Introspektion und Weltgeschehen

Der Ausstellungstitel "Geh nicht aus dem Zimmer" verweist auf ein Gedicht des russisch-amerikanischen Dichters Joseph Brodsky und spiegelt diese diaristische Introspektion wider. Doch trotz der sublimen Einsamkeit, in der diese Werke entstanden, ist die Erzählung fest in der realen Welt verankert. Jungwirth durchsetzte ihre Zeichnungen mit ausgeschnittenen Zeitungsseiten aus den Kulturressorts, die kunsthistorische Dialoge eröffnen – mit Louise Bourgeois oder Rogier van der Weydens "Kreuzabnahme". Das Weltgeschehen bleibt eine ihrer Hauptinspirationsquellen.

Martha Jungwirth bei Ropac Paris
Installation views: Pierre Tanguy © Martha Jungwirth / ADAGP Paris, 2026

Schaffen aus der Fülle

In ihren neuesten Ölgemälden taucht Jungwirth noch tiefer in die Nuancen ihrer charakteristischen Palette ein: lebendige Pinktöne und gedämpfte Magentas, aber auch kühlere Flieder- und Blautöne sowie erdige Grüns, Brauns und Oranges. "Ich will aus der Fülle heraus schaffen", erklärt die Künstlerin – ein Ansatz, der ihre Farbgebung mit ihrer charakteristischen Strichführung verbindet, bei der sich akkumulierende Gesten wie ein Index ihres Prozesses erhalten.

Die Ausstellung bei Thaddaeus Ropac Paris Marais läuft bis zum 28. Februar 2026 und wird von einem Katalog mit einem Essay von Bernard Blistène begleitet.

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Herausgeber von LEADERSNET-ART ist Gerhard Krispl.

 

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