Zweimal im Jahr veranstaltet das norwegische Pendant zum heimischen ÖAMTC, der Automobilclub NAF, seinen großen Vergleichstest aktueller Elektroautos namens "El Prix" – einmal im Winter und einmal im Sommer (siehe Infobox 1). Nun stand der Wintertest 2026 am Programm. Hier geht es immer bei kalten – also für Stromer alles andere als vorteilhaften – Temperaturen darum, welches von den getesteten Modellen die größte Reichweite erzielt bzw. die kleinste Abweichung von seiner offiziellen WLTP-Reichweite bietet. In diesem Jahr waren die Verhältnisse für die Probanden äußerst herausfordernd. Denn bei Temperaturen von bis zu minus 31 Grad Celsius wurde der weltweit größte Praxis-Reichweitentest bisher noch nie durchgeführt. Und das machte sich beim Durchhaltevermögen der Elektroautos durchaus bemerkbar.
Eiseskälte drückte die Reichweiten
Der diesjährige "El Prix" startete am 28. Jänner in Oslo und führte die norwegischen Tester:innen mit den 24 teilnehmenden Fahrzeugen auf einer Nordroute über Lillehammer, Dombås und Folldal bis in hochalpine Regionen. Während zu Beginn noch vergleichsweise milde Temperaturen herrschten, fiel das Thermometer in Folldal auf bis zu minus 31 Grad.
Die außergewöhnlich niedrigen Temperaturen wirkten sich deutlich auf die Reichweiten aus: Konkret lagen die Abweichungen von den offiziellen WLTP-Angaben zwischen 30 und 45 Prozent. Zum Vergleich: Im vergangenen Sommer konnten mehrere Modelle ihre Normreichweiten sogar übertreffen (LEADERSNET berichtete). Das unterstreicht, wie stark klimatische Rahmenbedingungen die Alltagstauglichkeit von E-Fahrzeugen beeinflussen.
Relativ früh musste der Hyundai Inster den Test beenden. Mit knapp 260 Kilometern erzielte er die zweitkürzeste Distanz, wies jedoch mit einer Abweichung von lediglich 29 Prozent die geringste Differenz zur WLTP-Angabe auf. Der kleine und vergleichsweise günstige Stromer schlug sich also äußerst gut. Etwas anders sieht es beim Lucid Air, der weit über 100.000 Euro kostet, aus. Er absolvierte zwar mit rund 520 Kilometern die längste Strecke, wies aber auch die größte Abweichung vom Normwert auf: Mit 46 Prozent Differenz führte der teure US-Stromer diese Kategorie an.
WLTP-Norm und Realität klaffen deutlich auseinander
Im Praxistest liegen die real erzielten Reichweiten je nach Modell rund 30 bis 46 Prozent unter den WLTP-Angaben. NAF und motor.no haben die Ergebnisse nach der Normreichweite sortiert. Wir haben uns für die tatsächlich erzielte Praxisreichweite entschieden. Die Prozentangaben in der rechten Spalte zeigen, wie weit Herstellerangabe (unter Idealbedingungen) und Wirklichkeit (bei extrem tiefen Temperaturen) auseinanderklaffen. In der Infobox 2 haben wir die Modelle nach der geringsten Abweichung gereiht. Hier sieht das Ranking ganz anders aus.
|
Modell
|
WLTP-Reichweite (km)
|
Reichweite im Test (km)
|
Abweichung
|
|
Lucid Air Grand Touring AWD
|
960
|
520
|
−46 %
|
|
Mercedes CLA 350 4Matic AWD
|
709
|
421
|
−41 %
|
|
Audi A6 Sportback e-tron quattro
|
653
|
402
|
−38 %
|
|
Kia EV4 FWD
|
594
|
390
|
−34 %
|
|
BMW iX xDrive 60 AWD
|
641
|
388
|
−39 %
|
|
Hyundai Ioniq 9 AWD
|
600
|
370
|
−38 %
|
|
Volvo ES90 Single Motor Ext. RWD
|
624
|
373
|
−40 %
|
|
Xpeng X9 AWD
|
560
|
361
|
−36 %
|
|
Tesla Model Y Long Range RWD
|
600
|
359
|
−40 %
|
|
MG IM6 AWD
|
505
|
352
|
−30 %
|
|
Mazda 6e RWD
|
552
|
348
|
−37 %
|
|
MG6S EV AWD
|
485
|
345
|
−29 %
|
|
Smart #5 Brabus AWD
|
540
|
342
|
−37 %
|
|
Volvo EX90 Twin Motor
|
611
|
339
|
−45 %
|
|
Ford Capri AWD
|
560
|
339
|
−39 %
|
|
Zeekr 7X AWD
|
541
|
338
|
−38 %
|
|
Voyah Courage AWD
|
440
|
300
|
−32 %
|
|
Changan Deepal S05 AWD
|
445
|
293
|
−34 %
|
|
VW ID. Buzz GTX AWD
|
449
|
277
|
−38 %
|
|
KGM Musso AWD
|
379
|
263
|
−31 %
|
|
Opel Grandland AWD*
|
484
|
262
|
−46 %
|
|
Hyundai Inster FWD
|
360
|
256
|
−29 %
|
|
Suzuki eVitara AWD
|
395
|
224
|
−43 %
|
*Opel Grandland startete aufgrund eines Fehlers nur mit 94 % Batterieladung.
Fazit
Die Ergebnisse zeigen, dass Normwerte nur bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Alltagstauglichkeit zulassen –insbesondere bei derart tiefen Temperaturen. WLTP-Angaben bieten zwar eine wichtige Orientierung, für Kaufentscheidungen und Flottenstrategien lohnt es sich jedoch, verstärkt reale Einsatzszenarien zu berücksichtigen.
Gleichzeitig zeigen die erzielten Testreichweiten, welche enormen Fortschritte die Hersteller in den letzten Jahren erzielt haben. Vor zehn Jahren wären die meisten Kandidaten bei minus 30 Grad wohl keine 100 Kilometer gekommen, mittlerweile schafft sogar der kleine Hyundai bei derart fordernden Rahmenbedingungen mehr als 250 Kilometer. Da parallel dazu auch die Ladegeschwindigkeiten stark gestiegen sind, kann diesbezüglich wohl niemand mehr die Alltagstauglichkeit der Stromer infrage stellen. Hierzulande liegt die durchschnittliche Tagesfahrleistung bei rund 30 Kilometern. Da sich zudem die Preise der Stromer immer stärker ihren Verbrenner-Pendants annähern, bleiben die größten Achillesfersen der E-Mobilität somit die Ladeinfrastruktur und die intransparente Preisgestaltung an öffentlichen Ladesäulen.
www.naf.no
www.motor.no
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