GS1 Austria-Geschäftsführer Gregor Herzog im Interview
"Wer Produkte verkauft, muss ihre Daten beherrschen"

Digitale Produktpässe, neue regulatorische Anforderungen und steigende Erwartungen an Transparenz verändern die Warenwelt grundlegend. Im KEYaccount-Interview erklärt Gregor Herzog, Geschäftsführer der für Handel und Industrie relevanten Datendrehscheibe GS1 Austria, warum der 2D Code deutlich mehr ist als ein moderner Strichcode, weshalb Daten zur Schlüsselressource für Kreislaufwirtschaft werden und welche Umbrüche auf Handel und Industrie in den kommenden Jahren zukommen.

KEYaccount: Der 2D-Code steht bei GS1 Austria seit einiger Zeit im Fokus. Was unterscheidet ihn aus Ihrer Sicht grundlegend vom klassischen Strichcode?

Gregor Herzog: Der 2D-Code ist ein wesentlich modernerer und mächtigerer Datenträger. Er kann alles, was der klassische eindimensionale Strichcode kann, aber deutlich mehr. Einerseits lassen sich mehr Informationen direkt im Code transportieren, etwa Chargennummern oder Ablaufdaten. Das ist in der Pharmabranche längst Standard. Andererseits kann der 2D Code auch einen Link enthalten, der auf weiterführende Informationen im Internet verweist. Damit wird der Code zur Schnittstelle zwischen dem physischen Produkt und einer digitalen Informationsebene.

KEYaccount: Diese digitale Informationsebene spielt auch für Konsument:innen eine wachsende Rolle...

Herzog: Absolut. Es war ein sehr wichtiger Schritt, als die Europäische Kommission erlaubt hat, für alkoholische Getränke verpflichtende Konsumenteninformationen wie Nährwerte oder Zutaten ausschließlich digital bereitzustellen[DS1.1][GH1.2]. Das war tatsächlich epochal. Informationen müssen seither nicht mehr vollständig auf das Produkt gedruckt werden, sondern können über einen 2D Code abgerufen werden. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten, sowohl inhaltlich als auch gestalterisch.

KEYaccount: Trotzdem dominiert in der FMCG-Branche weiterhin der klassische Strichcode. Warum tut sich die Branche mit der Umstellung so schwer?

Herzog: Der Strichcode ist über 50 Jahre alt, aber er ist nach wie vor in vielen Fällen gut genug. Solange es keine zusätzlichen Anforderungen gibt, erfüllt er seinen Zweck. Man darf außerdem nicht vergessen, dass Österreich eine kleine, offene und stark exportorientierte Volkswirtschaft ist. Wenn Hersteller nur für den österreichischen Markt auf 2D-Codes umstellen würden, würde das ihre Prozesse massiv verkomplizieren. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn variable Daten wie ein Mindesthaltbarkeitsdatum im Code enthalten sind. Dann müssen Produktionslinien täglich angepasst werden. Bei Highspeed-Linien, etwa in der Molkereiwirtschaft, ist das eine erhebliche technische Umstellung.

KEYaccount: Bedeutet das, dass Strichcode und 2D-Code langfristig nebeneinander bestehen bleiben?

Herzog: Davon ist auszugehen. Wir sind sehr stark an den Anforderungen unserer Nutzer:innen orientiert. Wenn Industrie und Handel mehr variable Informationen oder mehr Konsumenteninformation im Code benötigen, dann wird sich der 2D-Code durchsetzen. In anderen Branchen ist das bereits Realität. Die Pharmabranche, die Medizintechnik oder auch die ÖBB arbeiten ausschließlich mit 2D-Codes, weil die Anforderungen dort entsprechend hoch sind.

KEYaccount: Stichwort Rückverfolgbarkeit. Wie entwickelt sich dieses Thema aktuell?

Herzog: Rückverfolgbarkeit wird aus unterschiedlichen Richtungen getrieben. Für Konsument:innen ist sie häufig nice to have, spielt aber in der Kaufentscheidung meist eine untergeordnete Rolle, außer bei Produktsicherheit oder im Premiumsegment. Ein zweiter starker Treiber ist der Regulator. Das EU-Lieferkettengesetz ist hier ein gutes Beispiel. Es wurde zuletzt entschärft, weil der politische Druck groß war. Gleichzeitig sehen wir aber in anderen Bereichen, etwa bei der Fischereikontrollverordnung, eine deutliche Verschärfung. Das ist kein linearer Trend, sondern eine politische Geschichte.

KEYaccount: Welche Rolle spielt dabei die sogenannte Omnibus-Initiative der EU?

Herzog: Omnibus ist der Versuch der Europäischen Kommission, das gesamte Regelwerk zu entrümpeln, Mehrfachregulierungen abzubauen und Querverbindungen herzustellen. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken. In diesem Kontext wurden einzelne Vorgaben abgeschwächt. Das bedeutet aber nicht, dass Rückverfolgbarkeit grundsätzlich an Bedeutung verliert.

KEYaccount: Wie wirkt sich diese Entwicklung auf GS1 Austria konkret aus?

Herzog: Unsere Kernaufgabe ist es, Daten zu strukturieren und Produkte eindeutig zu identifizieren. Das betrifft alle Branchen, mit denen wir arbeiten. Besonders stark sehen wir aktuell das Thema Kreislaufwirtschaft. Für die FMCG-Branche bedeutet das vor allem neue Anforderungen an Verpackungen. Wir haben unsere Stammdaten um detaillierte Verpackungsinformationen erweitert, etwa zur Recyclingfähigkeit oder zur Einwegpfandpflicht. Sobald Produkte im Kreislauf geführt werden sollen, braucht es verlässliche Daten.

KEYaccount: Apropos Einwegpfand. Anfang 2025 wurde es ja in Österreich eingeführt. Wie bewerten Sie das erste Jahr aus Datensicht?

Herzog: Das Einwegpfand war eine politische Entscheidung, um die vorgegebenen Sammelquoten zu erreichen. Aus operativer Sicht muss man der Einwegpfandgesellschaft wirklich Respekt zollen. Die Einführung ist sehr gut gelungen. Für uns war wichtig, dass pfandpflichtige Produkte eindeutig identifizierbar sind. Dafür braucht es eigene Artikelnummern, die sogenannten GTINs, für den österreichischen Markt. Das war eine Umstellung, hat aber funktioniert.

KEYaccount: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bei all diesen Entwicklungen?

Herzog: KI ist für uns einerseits ein Werkzeug, das wir bereits heute einsetzen, etwa in der Qualitätskontrolle von Stammdaten bei GS1 Sync. Sie hilft uns, effizienter zu werden. Andererseits ist KI ein echter Game-Changer bei der Konsumenteninformation. Information ist heute demokratisiert, KI macht sie noch zugänglicher, tiefer und kontextbezogener. Das verändert die Art, wie Konsument:innen mit Produktdaten umgehen.

KEYaccount: Blicken wir nach vorn. Welche Themen werden Handel und Industrie in den kommenden Jahren besonders fordern?

Herzog: Ein zentrales Thema wird der digitale Produktpass sein. Ab 2027 wird er zunächst für Batterien ab 2 kWh verpflichtend, weitere Warengruppen wie Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel oder Textilien folgen. Dann reicht es nicht mehr, ein Produkt zu verkaufen. Es muss auch ein Datenset mitgeliefert werden, das Auskunft darüber gibt, wer das Produkt hergestellt hat, woraus es besteht und wie es repariert oder recycelt werden kann. Unsere Aufgabe ist es, die Verbindung zwischen dem physischen Produkt und diesem digitalen Datenset herzustellen und die Datenstruktur zu standardisieren.

KEYaccount: Was bedeutet das konkret für den Lebensmittelhandel und die Produzenten?

Herzog: Lebensmittel sind zwar nicht betroffen sind, weite Sortimentbereiche wie die Near Food-Kategorien jedoch sehr wohl. Wer im Supermarkt einen Besen oder ein Reinigungsmittel verkauft, wird künftig entsprechende Produktdaten bereitstellen müssen. Sehr bald wird das auch Textilien betreffen. Wenn ich einen Pullover kaufe, soll am Ende seines Lebenszyklus nachvollziehbar sein, woraus er besteht und wie er im Kreislauf gehalten werden kann. Wer Produkte verkauft, muss also ihre Daten beherrschen. Der Code wird damit zur Brücke zwischen dem Produkt und seinem digitalen Zwilling.

www.gs1.at

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