Interview mit Cornelia Samec
"Ob Mädchen Technik entdecken, hängt noch zu stark von den Eltern ab"

| Larissa Bilovits 
| 08.03.2026

Im LEADERSNET-Interview spricht Cornelia Samec, Head of Operations Central Europe & Diversity Lead bei Tieto Austria, anlässlich des Weltfrauentags u.a. über ihren Karriereweg in der IT-Branche, die nach wie vor männerdominierte Struktur vieler Technologieberufe sowie darüber, warum das Interesse von Mädchen an Technik oft noch zu stark von familiären Einflüssen geprägt wird. Außerdem erklärt sie, welche Maßnahmen aus ihrer Sicht nötig sind, um mehr Frauen für die Branche zu gewinnen und Gleichstellung sowie Lohngerechtigkeit nachhaltig zu stärken.

LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Samec, Sie sind Head of Operations Central Europe & Diversity Lead bei Tieto Austria und tragen somit große Verantwortung. Können Sie uns vielleicht skizzieren, wie Ihre Karriere bisher aussah?

Cornelia Samec: Nach Abschluss der HTL Spengergasse begann meine Karriere in der IT als SAP Inhouse Consultant, wo ich mir erste Kenntnisse der SAP-Prozesse über ABAP-Entwicklungen beibrachte. SAP begleitete mich auch danach über viele Jahre und verschiedene Stationen hinweg. 2018 kehrte ich als Topic Owner für Industrie 4.0 zu Tieto zurück – mein erster Schritt in Richtung Management, da ich diesen spannenden Bereich verantworten und weiterentwickeln durfte. Nach knapp zwei Jahren ergriff ich die Chance, ein Team zu leiten und führte in den spannenden Jahren nach 2020 als People Managerin zwischen 20 und 55 Personen. Mein kontinuierlicher Antrieb, mehr vom Business zu verstehen und mich sowohl in operative Prozesse als auch strategische Diskussionen einzubringen, eröffnete mir zunächst die Möglichkeit, die Rolle Operational Excellence für Österreich zu übernehmen. Dann erfolgte der nächste Schritt als Head of Operations – seit Mai 2024 bin ich nun in dieser Position.

LEADERSNET: Welche Herausforderungen waren für Sie in Ihrem bisherigen Berufsleben die größten? Und was hat Ihnen dabei geholfen, diese erfolgreich zu meistern?

Samec: Jeder Karriereschritt bringt seine eigenen Herausforderungen mit sich, somit lässt es sich nicht auf einzelne Aspekte herunterbrechen. Eine Fragestellung begleitet mich jedoch kontinuierlich: Wie kann ich meine berufliche Weiterentwicklung stetig vorantreiben? In der Vergangenheit haben hier Mentor:innen eine wesentliche Rolle gespielt; meist waren diese Personen meine Vorgesetzten. Das ist einer der Gründe, warum ich selbst gerne Mentorin bin. Ich bin davon überzeugt, dass diese Außensicht maßgeblich dazu beiträgt, sich selbst weiterentwickeln zu können. Ein konstantes Lernen – aus Fehlern, aus Situationen, durch Fachliteratur, durch Trainings – ist wohl mein Hauptbestandteil für das erfolgreiche Meistern aller Herausforderungen.

LEADERSNET: Sie vereinen mit Ihrer Rolle als Head of Operations Central Europe und als Diversity Lead sowohl operative Verantwortung als auch den Einsatz für Chancengleichheit. Wie gelingt es Ihnen, Diversität und Gleichstellung konkret in Ihre Führungsarbeit und die Weiterentwicklung der Organisation zu integrieren?

Samec: Ich bin aus tiefstem Herzen davon überzeugt, dass alle Menschen ein Recht auf Gleichstellung haben und damit fällt es mir leicht, diesen Aspekt in meine tägliche Arbeit einfließen zu lassen. Gleichzeitig weiß ich als Head of Operations Central Europe, dass ich die wirtschaftlichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten einer Organisation nicht außer Acht lassen darf. Das führt dazu, dass ich stets nach einer sinnvollen Balance strebe und regelmäßig in kleinen Schritten aufmerksam mache, wo wir besser werden können, wie zum Beispiel beim Frauenanteil in der IT oder Führungskräfte-Training für Neurodiversität – alles im Kontext einer nachhaltigen Wirtschaft.

LEADERSNET: Die IT- und Technologiebranche gilt nach wie vor als männerdominiert. Welche Veränderungen beobachten Sie hier aktuell, und welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um den Frauenanteil nachhaltig zu erhöhen?

Samec: In sehr vielen Bereichen hat sich das Bild dank vieler Initiativen bereits verändert, wie zum Beispiel SheGoesDigital, VÖSI WomeninICT, Unternehmensschuljahr von MINTality, u.v.m. Auf den Firmeninformationstagen an der HTL Spengergasse sieht man, dass der Anteil der Mädchen wesentlich gestiegen ist. Das heißt, wir sind auf dem richtigen Weg.

Gleichzeitig merke ich aber, dass es sehr von den Eltern abhängig ist, ob den Mädchen der technische Weg aufgezeigt wird bzw. aufgezeigt werden kann. Hier herrscht meiner Meinung nach noch Handlungsbedarf: Das Interesse an IT und ihren vielfältigen Jobs muss bereits im Kindergarten und der Schule gefördert werden, ungeachtet dessen, welche soziale Herkunft die Kinder haben. Ich glaube, dass "IT" vielerorts immer noch ein sehr nerdiges Bild zeichnet. Unsere Aufgabe ist es, dies zu ändern, da sich der Job mit KI wesentlich verändern wird. Es werden neue Möglichkeiten entstehen, mit und in der IT zu arbeiten.

LEADERSNET: Wie nehmen Sie die Arbeit an der Gleichstellung von Mann und Frau hierzulande im Allgemeinen wahr? Und was würden Sie sich mit Blick darauf wünschen?

Samec: Ich wünsche mir mehr Sachlichkeit und weniger Aufgeregtheit bei diesem Thema. Wir möchten mehr Gleichstellung, aber achten wenig auf die Bedürfnisse von allen beteiligten Personen – das gilt im Übrigen für alle Gleichstellungsbemühungen. Es wird von einer Generation ein grundlegendes Umdenken erwartet, ohne sie ausreichend zu begleiten oder zuzuhören. Statt nur Forderungen zu formulieren, sollten wir den Dialog stärken. Ich wünsche mir, dass wir einen ganzheitlichen Blick auf das Thema werfen und diskutieren, was alle Beteiligten brauchen, um eine nachhaltige Gleichstellung zu erreichen.

LEADERSNET: Zum Thema Gender Pay Gap: Welche Maßnahmen könnten Ihrer Ansicht nach dazu beitragen, diesen nachhaltig zu schließen?

Samec: Aus meiner Sicht braucht es einen kombinierten Ansatz aus Transparenz, klaren Strukturen und konsequenter Umsetzung. Entscheidend sind transparente Gehaltsbänder, objektive Kriterien für Karriere- und Gehaltsentwicklung sowie ein regelmäßiges Monitoring von Daten, um mögliche Ungleichheiten früh zu erkennen. Genauso wichtig ist eine Unternehmenskultur, in der Rollen und Leistungen unabhängig von Geschlecht bewertet werden. Ich denke, wenn alle diese Elemente zusammenwirken, kann das Thema nachhaltig geschlossen werden.

LEADERSNET: Was raten Sie Frauen, die Karriere machen möchten?

Samec: Die Chancen ergreifen, die sich ihnen bieten – mit offenen Augen durchs Leben gehen und mutig sein, wenn sie eine Stellenbeschreibung sehen, auf die sie "nur" zu 80 Prozent passen. Und von erfolgreichen Personen – Männern und Frauen – lernen. Sich ein Vorbild nehmen und rechtzeitig den eigenen Weg einschlagen.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.tieto.com

Weltfrauentag bei LEADERSNET

Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März widmet LEADERSNET die gesamte Woche dem Schwerpunkt "Frauen in Führung". Unter anderem stellen wir Entscheidungsträgerinnen verschiedenster Branchen vor und bitten sie zum Interview.

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