Im Wiener Headquarter von BDO Austria kamen vor Kurzem Vertreter:innen aus Industrie, Finanzsektor und Beratung zusammen, um über die Transformation der Industrie in Richtung Klimaneutralität zu sprechen. Diskutiert wurden konkrete Strategien, Finanzierungsmöglichkeiten und Förderinstrumente, die Unternehmen bei der Umsetzung unterstützen können.
Unter dem Titel "Strategie, Finanzierung und Förderung: Dekarbonisierung der Industrie – Erfolgsfaktoren und Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität" stand vor allem die praktische Umsetzung im Mittelpunkt. Ziel war es, den Blick von der allgemeinen Klimadebatte auf konkrete Maßnahmen und wirtschaftliche Perspektiven zu lenken.
Klimarisiken als strategische Herausforderung
Zum Auftakt widmete sich Evgeniya Paulis, Senior Managerin bei BDO, den Auswirkungen des Klimawandels auf Unternehmen sowie den steigenden Anforderungen im Bereich ESG. Sie betonte, dass Klimafragen inzwischen zu einem zentralen wirtschaftlichen Faktor geworden sind.
Die globalen wirtschaftlichen Schäden durch Extremwetterereignisse seien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Gleichzeitig trägt die Industrie erheblich zu den weltweiten Emissionen bei: Rund 24 Prozent entstehen direkt in industriellen Prozessen, unter Einbeziehung von Strom und Wärme liegt der Anteil bei etwa 34 Prozent.
Auch auf politischer Ebene nimmt das Thema an Bedeutung zu. Der europäische Clean Industrial Deal soll die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sichern und gleichzeitig die Transformation in Richtung klimaneutrale Produktion vorantreiben. Vor allem steigende Energiepreise, internationaler Wettbewerb und Abhängigkeiten von Rohstoffimporten erhöhen den Druck auf Unternehmen.
"Dekarbonisierung ist für die Industrie längst kein lästiger Kostenfaktor mehr, sondern der Schlüssel zu Resilienz, Kapitalzugang und Wettbewerbsfähigkeit in einer klimakritischen Welt", sagte Paulis.
Neue Finanzierungsinstrumente für die Transformation
Michael Grahammer, Partner bei BDO, beleuchtete anschließend die Rolle des Kapitalmarkts bei der Umsetzung von Klimazielen. Finanzierungsformen wie Green Bonds, Green Loans oder Sustainability-Linked Loans verbinden nachhaltige Unternehmensziele direkt mit den Kreditkonditionen.
Dabei hängt die Höhe der Finanzierungskosten davon ab, ob definierte Nachhaltigkeitskennzahlen erreicht werden. Werden die Ziele erfüllt, kann sich die Zinsmarge reduzieren, andernfalls steigen die Kosten.
Auch der Markt für nachhaltige Finanzierungen wächst deutlich. In Österreich entfielen im Jahr 2024 bereits 93,5 Prozent der neu begebenen ESG-Anleihen auf Green Bonds. Insgesamt wurden damit rund 16,3 Milliarden Euro in klimafreundliche Projekte investiert. Parallel dazu baut auch die öffentliche Hand entsprechende Instrumente aus. Die Europäische Investitionsbank stellt langfristige Kredite mit Laufzeiten von bis zu 30 Jahren bereit. Zusätzlich plant die EU im Rahmen des Clean Industrial Deal eine eigene "Bank zur Dekarbonisierung der Industrie", die rund 100 Milliarden Euro für CO₂-intensive Branchen bereitstellen soll.
"Die Dekarbonisierung der Industrie ist weit mehr als ein grüner Auftrag – sie ist eine strategische Notwendigkeit in Europa; zusätzliche Finanzierungsinstrumente zur Umsetzung sind deshalb dringend erforderlich", so Grahammer.
Förderprogramme als Unterstützung für Unternehmen
Welche Rolle Förderprogramme bei der industriellen Transformation spielen können, erläuterten anschließend Eva Martischnig, Director bei BDO, und Nina Londer, Managerin bei BDO. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten könnten staatliche und europäische Förderinstrumente entscheidend dazu beitragen, technologische Innovationen umzusetzen.
Das Spektrum reicht von europäischen Programmen wie Horizon Europe oder dem Innovation Fund über IPCEI-Wasserstoffprojekte bis zu nationalen Initiativen etwa für Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft oder Photovoltaik. Laut Martischnig umfasst die Bandbreite der Fördermöglichkeiten "vom Fenstertausch bis zur Transformation ganzer Wertschöpfungsketten".
Anhand konkreter Beispiele wurde gezeigt, wie Förderungen in der Praxis wirken können. Ein Mobilitätsunternehmen erhielt nach einem zunächst abgelehnten Antrag schließlich drei Millionen Euro aus dem Innovation Fund für eine Technologie mit hohem CO₂-Einsparpotenzial. Ein Papierhersteller entwickelte aus einer Modernisierung ein Kreislaufwirtschaftsprojekt, das jährlich mehr als 1.000 Tonnen Material einsparen soll. Auch ein internationales Stahlunternehmen investiert in eine Anlage, die vollständig mit grünem Wasserstoff arbeitet und die Emissionen in der Stahlproduktion deutlich reduzieren soll.
Martischnig betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer strategischen Herangehensweise: "Wer Dekarbonisierung nur als CapEx-Projekt sieht, verschenkt Potenzial. Erst wenn wir Wirkung, Innovationssprung und CO₂-Einsparung in den Mittelpunkt stellen, wird aus einer Investition eine förderfähige Transformationsstory."
Praxisbeispiel aus der Industrie
Einen Einblick in die praktische Umsetzung gab Martin Pischler, Senior Vice President bei RHI Magnesita. Das international tätige Unternehmen steht beispielhaft für die Herausforderungen energieintensiver Industrien.
Die Transformation erfordert hohe Investitionen, langfristige Planung und geeignete Förder- sowie Finanzierungsstrukturen. Maßnahmen wie neue Produktionsprozesse, emissionsärmere Technologien oder Carbon Capture & Utilization erfordern sowohl technologische Innovation als auch langfristige strategische Entscheidungen.
Austausch zwischen Wirtschaft und Politik
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Dekarbonisierung der Industrie zunehmend als zentrale wirtschaftliche Aufgabe verstanden wird. Unternehmen, die ihre Emissionen reduzieren, können sich nicht nur besser gegen steigende CO₂-Kosten absichern, sondern auch ihre Position bei Investor:innen und Finanzinstituten stärken.
Beim anschließenden Networking im BDO-Headquarter wurde der Austausch zwischen Vertreter:innen aus Wirtschaft, Finanzsektor und Politik fortgesetzt. Mit dabei waren u.a. Julian Berghammer (Boehringer Ingelheim), Linda Eggert (Raiffeisenlandesbank NÖ), Birgit Fischer (Agrana), Stefan Haslinger (Deutsche Bank), Martin Heilinger (Volksbank Wien), Philipp Irschik (Energie Steiermark), Alma Kahler (Wien Energie), Alexander Kirchner (Energie AG OÖ), Martin Novak (Sanssouci), Manfred Pecha (Siemens), Gabriele Schallegger (Strabag), Christoph Schipfer (Brantner green solutions), Renate Schytil (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege, Konsumentenschutz), Michael Strugl (Verbund) und Christian Wiesler (Wiesbauer).
LEADERSNET war bei der Veranstaltung. Einen Eindruck können Sie sich hier machen.
www.bdo.at
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