LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Klezl, Sie sind die Geschäftsführerin der Restaurants und Kaffeehäuser der Familie Querfeld und betreiben neben den Innenstadtcafés Café Landtmann, Café Mozart und Café Museum eine Reihe weiterer Gastronomiebetriebe in Wien. Wie balancieren Sie den Respekt vor der Wiener Kaffeehaustradition mit Ihrem Anspruch, diese Orte für die Zukunft relevant zu halten? Und worin unterscheiden Sie sich diesbezüglich von den Männern in der Branche?
Karoline Klezl: Die Wiener Kaffeehaustradition ist unser Fundament. Sie gibt Identität, Haltung und Qualität vor. Für mich bedeutet Respekt vor diesem Erbe aber nicht Stillstand. Als zweifache Mutter und Geschäftsführerin denke ich sehr stark in Generationen: Wie müssen Orte wie das Café Landtmann heute aussehen, damit sie auch für kommende Generationen relevant bleiben? Wir entwickeln unsere Betriebe bewusst weiter, inhaltlich, räumlich und kulturell. Ich betrachte Führung weniger als Bewahrung von Strukturen, sondern als Verantwortung für Menschen, Atmosphäre und Zukunft.
LEADERSNET: Als Mutter von zwei Kindern und als Geschäftsführerin einer großen Gastronomiegruppe kennen Sie die logistischen Herausforderungen. Was ist der wichtigste strukturelle Hebel, den wir in der Wirtschaft umlegen müssen, damit Vereinbarkeit kein individueller Kraftakt, sondern gelebte Unternehmenskultur wird?
Klezl: Der wichtigste Hebel ist, Vereinbarkeit nicht als Ausnahme oder individuelles Organisationstalent zu begreifen, sondern als strukturelle Aufgabe. Als Mutter von zwei kleinen Kindern und Geschäftsführerin weiß ich aus eigener Erfahrung, wie viel Organisation, Vertrauen und Flexibilität es braucht. Und natürlich auch eine partnerschaftliche Aufteilung von Care-Arbeit. Vereinbarkeit soll nicht nur ein persönlicher Kraftakt sein, sondern ist für uns eine strukturelle Führungsaufgabe und Teil einer verbindlichen Unternehmenskultur. Wir versuchen, als Familie zu zeigen, dass Elternschaft und Karriere nicht privat gelöst werden sollten, sondern fairer in der Gesellschaft verteilt werden müssen.
LEADERSNET: Im vergangenen Jahr haben Sie die Initiative „Stadtfrau“ geschaffen, um die Sichtbarkeit von Frauen zu unterstützen. Welches Thema brennt Ihnen derzeit am meisten unter den Nägeln, wenn es um die Gestaltung der weiblichen Zukunft geht?
Klezl: Nach dem großen Erfolg im vergangenen Jahr wird das Café Landtmann auch heuer in der Woche des Weltfrauentags von 2. bis 8. März zur Stadtfrau mit Networking-Events, Paneldiskussionen und einem Programm von und für Frauen. Mich treibt dementsprechend die Frage an, wie wir Räume schaffen, in denen Frauen über Vereinbarkeit, Leadership und Zukunftsgestaltung sprechen können, offen, ehrlich und auf Augenhöhe.
LEADERSNET: Hätten Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere im Familienbetrieb mehr weibliche Netzwerke gewünscht, und fungieren Sie heute selbst als Mentorin für Nachwuchskräfte in der Familie Querfeld?
Klezl: Ja, definitiv. Weibliche Netzwerke sind wichtig, weil sie Orientierung, Austausch und gegenseitige Unterstützung bieten. Heute sehe ich es als meine Aufgabe, genau das aktiv mitzugestalten. Wir begleiten Nachwuchskräfte in unseren Betrieben und unterstützen insbesondere Frauen darin, Verantwortung zu übernehmen, ihre Stärken sichtbar zu machen und ihre Karriere bewusst zu gestalten. Veränderung passiert nicht von selbst, sie braucht Vorbilder, Austausch und gezielte Förderung. Gegenseitiges Empowerment ist ein guter Schritt zu echter Chancengleichheit, den wir von innen antreiben und steuern können.
LEADERSNET: In der Gastronomie arbeiten viele Frauen, doch die Chefposten sind oft noch männlich geprägt. Wie können wir junge Talente dazu ermutigen, ihre Erfolge lauter zu kommunizieren und sich aktiv in die erste Reihe zu stellen? Und welchen Rat geben Sie einer jungen Frau, die zwar das Potenzial als Leiterin hätte, aber noch zögert?
Klezl: In unseren Kaffeehäusern und Restaurants sind sehr viele Führungspositionen mit Frauen besetzt. Diese gelebte Unternehmenskultur ermutigt auch junge Mitarbeiterinnen, sich selbst in solchen Rollen zu sehen und den eigenen Anspruch ernst zu nehmen. Neben individueller Stärke braucht es transparente Karrierewege, faire Bezahlung und Führungskräfte, die Verantwortung teilen. Selbstbewusstsein allein gleicht strukturelle Hürden nicht aus. Ein unterstützendes Netzwerk zu nutzen und aufzubauen, kann dabei sehr helfen. Aufstiegschancen sind da, aber sie müssen aktiv zugänglich gemacht und strukturell abgesichert werden.
LEADERSNET: Wenn man die organisatorische Meisterleistung von Frauen zwischen Leadership und Privatleben wirtschaftlich betrachtet: Müsste am Internationalen Frauentag in Ihren Betrieben der Espresso für die Männer doppelt so teuer sein – oder ist ein reibungslos laufendes Café Landtmann bereits der tägliche Beweis dafür, dass die Wirtschaft ohne weibliches Multitasking ohnehin sofort den Betrieb einstellen müsste?
Klezl: Unsere Kaffeehäuser und Restaurants zeigen jeden Tag, wie viel Kompetenz, Übersicht und Organisation in unseren Betrieben zusammenkommen. Viele Frauen tragen in Führungspositionen maßgeblich dazu bei, dass komplexe Abläufe funktionieren, Entscheidungen getroffen werden und Teams gut zusammenarbeiten. Wenn Verantwortung geteilt wird und unterschiedliche Stärken Raum bekommen, entsteht genau das: ein Arbeitsumfeld, von dem sowohl unsere Gäste als auch unsere Mitarbeiter:innen profitieren.
Wir sollten das zugrunde liegende Narrativ grundsätzlich hinterfragen. Die Vorstellung, dass Frauen selbstverständlich alles gleichzeitig leisten müssen, darf nicht als Normalzustand gelten. Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass diese Mehrfachbelastung anerkannt oder gar "honoriert" wird, sondern dass Verantwortung anders verteilt wird. Rollenbilder, Erwartungshaltungen und Formen der Wertschätzung müssen sich strukturell verändern. Denn kaum jemand kann dauerhaft alle Lebensbereiche allein optimal bewältigen, weder Männer noch Frauen.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.landtmann.at
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