Die europäische Automobilindustrie steht zu Beginn des Jahres 2026 vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. Bei der Jahresauftaktpressekonferenz von Stellantis Austria in der Italienischen Botschaft in Wien beleuchtete Managing Director Markus Wildeis die Auswirkungen von Transformation, Regulierung und Marktveränderungen auf Industrie, Handel und Kund:innen. Der italienische Botschafter Giovanni Pugliese hob die zentrale wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der europäischen Automobilindustrie hervor. Sie sei nicht nur ein industrielles Rückgrat, sondern sichere Beschäftigung, Wertschöpfung und Innovationskraft in Europa.
Mehrfachbelastung für Industrie und Markt
Wildeis zeichnete ein differenziertes Bild der aktuellen Lage. Die Branche sei mit mehreren, parallel wirkenden Belastungsfaktoren konfrontiert. Neben geopolitischen Unsicherheiten und zunehmenden Handelsbarrieren prägten neue Wettbewerber sowie die Transformation zur Elektromobilität das Marktumfeld.
Gegenüber LEADERSNET.tv sagte Wildeis, die Automobilwirtschaft befinde sich „in einer sehr, sehr schwierigen Phase“. Zölle, Marktabschottungen und geopolitische Spannungen erschwerten das Geschäft zusätzlich. Gleichzeitig habe eine massive Offensive chinesischer Hersteller eingesetzt, während europäische Produzenten parallel in bestehende und neue Antriebstechnologien investieren müssten. Diese technologische Doppelgleisigkeit sei kostenintensiv und stelle Hersteller vor große Herausforderungen, sei jedoch beherrschbar.
Der europäische Neuwagenmarkt liegt seit 2020 deutlich unter dem Vorkrisenniveau. In den vergangenen fünf Jahren seien laut Stellantis europaweit rund 20 Millionen Fahrzeuge weniger verkauft worden als vor der Pandemie. Die Folgen reichten von sinkenden Steuereinnahmen über Werksschließungen bis hin zu Arbeitsplatzverlusten. Gleichzeitig altere der Fahrzeugbestand weiter, was ökologische und sicherheitsrelevante Konsequenzen habe. Die Situation in Österreich spiegle diese Entwicklung besonders deutlich wider. "Die Automobilbranche in Österreich steht vor mehreren gleichzeitigen Herausforderungen: eine anhaltende wirtschaftliche Flaute, besonders im Bereich der Industrie, und die damit verbundene Verunsicherung bremsen weiter den Markt, während der Fahrzeugbestand kontinuierlich altert", sagte Wildeis.
Transformation mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten
Auch die Elektrifizierung verlaufe in Europa uneinheitlich. Während Nordeuropa bereits Elektroauto (BEV) Anteile von über 70 Prozent erreiche, liege Süd- und Osteuropa weiterhin unter zehn Prozent. Wildeis betonte, die Transformation müsse realistisch und marktnah erfolgen. Einheitliche Ziele träfen auf sehr unterschiedliche wirtschaftliche und infrastrukturelle Voraussetzungen. Angesichts der stark unterschiedlichen Stromer-Marktanteile betonte Wildeis, dass ein einheitlicher Ansatz zu kurz greife. "Entscheidend ist, die Transformation realistisch, marktnah und gemeinsam mit Kund:innen, Handel und Politik zu gestalten – nur so kann Elektrifizierung in ganz Europa nachhaltig erfolgreich sein", so der Managing Director gegenüber LEADERSNET.tv.
Kritisch äußerte sich Wildeis zu den geplanten Anpassungen der EU-CO₂-Regulierung. Diese würden langfristig zwar eine Richtung vorgeben, böten jedoch keine ausreichende Lösung für den Zeitraum bis 2030. Besonders im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge fehle es an praxistauglichen Regelungen. "In ihrer aktuellen Ausgestaltung ist das eine große Gefahr für die europäische Industrie, hemmt Investitionen und gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa", warnte der Geschäftsführer.
"Made in Europe" als strategischer Faktor
Ein zentrales Thema der Pressekonferenz war die Bedeutung europäischer Wertschöpfung. Stellantis setzt auf regionale Produktion nach dem Prinzip "from the region, for the region". Diese Strategie erhöhe die Resilienz gegenüber geopolitischen Risiken und stärke Lieferketten.
Gegenüber LEADERSNET.tv betonte Wildeis, dass "Made in Europe" für immer mehr Kund:innen an Bedeutung gewinne. Nicht alle würden diesem Aspekt heute schon denselben Stellenwert beimessen, doch Aufklärungsarbeit zeige Wirkung. Gerade bei sicherheitsrelevanten Produkten sei Vertrauen in Umwelt-, Sicherheits- und demokratische Standards entscheidend. Europäische Hersteller böten hier langfristige Verlässlichkeit. Zu LEADERSNET.tv sagte Wildeis: "Wenn Sie heute ein Produkt haben, mit dem Sie auch sicherheitsrelevante Themen verbinden, ist es essenziell, dass Sie sich darauf verlassen können, dass es politisch neutral ist." Gerade bei Fahrzeugen gewinne dieser Aspekt zunehmend an Bedeutung.
Europäische Produktionsstätten unterlägen strengen Umwelt- und Sozialstandards, reduzierten Transportwege und verbesserten die CO₂-Bilanz. Gleichzeitig sichere die Branche europaweit rund 13,8 Millionen Arbeitsplätze, davon etwa 370.000 in Österreich. Vor diesem Hintergrund hob Wildeis die strategische Bedeutung europäischer Wertschöpfung hervor. "'Made in Europe' ist ein Wert, der noch nie so wichtig war wie heute", sagte er.
Kooperationen und technologische Offenheit
Neben regionaler Wertschöpfung setzt Stellantis auf Kooperationen, unter anderem mit dem Batteriehersteller CATL und dem chinesischen Fahrzeugproduzenten Leapmotor, an dem man im Rahmen eines Joint Ventures die Mehrheit hält. Ziel sei es, Synergien zu nutzen, ohne die industrielle Basis in Europa zu schwächen. Parallel verfolgt der Konzern eine konsequente Multi-Energy-Plattformstrategie, die unterschiedliche Antriebsarten – von Verbrennern und Mildhybriden über Plug-in-Hybriden bis hin zu reinen E-Autos – auf einer Architektur ermöglicht.
Diese technologische Offenheit schaffe Wahlfreiheit für Kund:innen und wirtschaftliche Effizienz für Hersteller und Handel. Wildeis unterstrich, dass genau diese Flexibilität entscheidend sei, um in einem fragmentierten Marktumfeld erfolgreich zu bleiben.
Österreich als Wachstumsmarkt
In Österreich entwickelte sich Stellantis 2025 deutlich über Marktniveau. Mit allen Marken (Abarth, Alfa Romeo, Citroën, DS Automobiles, Fiat, Jeep, Opel, Peugeot und Leapmotor) erreichte der Konzern einen kumulierten Marktanteil von 12,3 Prozent und positionierte sich bei Pkw und leichten Nutzfahrzeugen als Österreichs Nummer zwei. Wie die einzelnen Marken performt haben und welche neuen Modelle 2026 in den Handel kommen, sehen Sie in den Infoboxen. Der Auftragseingang erreichte mit mehr als 49.000 Kaufverträgen einen Höchststand, getragen von allen Marken sowie der Gebrauchtwagenvermarktung.
Auch im Elektrosegment wuchs Stellantis deutlich stärker als der Gesamtmarkt. Wildeis erklärte auf LEADERSNET.tv-Nachfrage, dass Elektromobilität zunehmend von Privatkund:innen getragen werde – trotz politischer und medialer Kontroversen.
Für 2026 erwartet Stellantis Austria eine moderate, aber stetige Markterholung. Zuwächse sieht das Unternehmen vor allem im Privatkundensegment, unterstützt durch steigende Investitionsbereitschaft und ein breites Modellangebot. Trotz der angespannten Rahmenbedingungen blicke man vorsichtig optimistisch nach vorne. "Wir erwarten, dass der Markt sich weiter erholen wird, langsam, aber stetig", sagte Wildeis mit Blick auf das heurige Geschäftsjahr.
Was Markus Wildeis zu aktuellen Mobilitätsthemen und seinen Erwartungen für das heurige "Stellantis-Jahr" noch gesagt hat, sehen Sie im LEADERSNET.tv-Interview.
Fotos von der Pressekonferenz sehen Sie in unserer Galerie.
www.stellantis.com
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