Stephanie Ernst im Interview
"Autofahrer unter Generalverdacht zu stellen, ist der falsche Weg"

Im LEADERSNET-Interview spricht Stephanie Ernst, Geschäftsführerin der Rainer Gruppe, über den Wandel der Automobilbranche, die strategische Erweiterung des Markenportfolios und die Bedeutung nachhaltigen Wachstums in einem traditionsreichen Familienunternehmen. Zudem erklärt sie, warum Gleichberechtigung bei Rainer selbstverständlich ist und wie dem Fachkräftemangel begegnet wird.

LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Ernst, Sie sind in der Automobilbranche aufgewachsen – einem Umfeld, das lange als klassisch männerdominiert galt. Wie hat diese Prägung Ihren eigenen Führungsstil beeinflusst?

Stephanie Ernst: In unserer Familie bzw. bei Rainer gab es keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Schon meine Großmutter und mein Großvater, die das Unternehmen 1959 gegründet haben, haben die Firma gleichberechtigt geführt. Das Gleiche galt auch für deren Kinder, also meinen Vater und meine Tante, die Gleichberechtigung vorgelebt und diesen gemeinsamen Führungsstil als Selbstverständlichkeit an die nächste Generation, also uns, weitergegeben haben. Es stimmt schon, die Autobranche prägt – aber ich denke nicht, dass sich diese Branche in puncto Führungsstil wesentlich von anderen Branchen unterscheidet. Bei Rainer legen wir jedenfalls weiterhin den größten Wert auf ein gleichberechtigtes Miteinander.

LEADERSNET: Die Automobilbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel – von Elektromobilität über Digitalisierung bis hin zu veränderten Kundenbedürfnissen. Wie positioniert sich Rainer KFZ strategisch in diesem Transformationsprozess?

Ernst: Indem wir uns – wie in der Vergangenheit – sukzessive weiterentwickeln und neue Märkte sowie Kundengruppen erschließen. So haben wir etwa per ersten März unser Markenportfolio um die Marke Toyota erweitert. Mit Mazda, Yamaha, Vespa, Piaggio und nun auch Toyota decken wir einen Großteil der Bedürfnisse unserer Kund:innen ab und können das Beste aus allen Antriebsformen anbieten. Zusätzlich steigen wir jetzt auch mit neuen individuellen Services in das Gewerbe- bzw. Flottenmanagement-Segment ein. Wir haben uns bewusst viel Zeit bei der Entscheidung für eine zweite Marke gelassen und freuen uns jetzt auf viele neue Gesichter in unserem Haus.

LEADERSNET: Die Rainer Gruppe besteht seit 1959 und wird heute in dritter Generation geführt. Wie gelingt es Ihnen, unternehmerische Tradition mit Innovationskraft und Wachstum zu verbinden?

Ernst: Ich glaube, das liegt bei unserer Familie in den Genen. Die Verknüpfung von traditionsbewusstem, kundenfreundlichem und vor allem gleichberechtigtem Handeln mit dem Willen zu Innovation und stetigem Wachstum ist in unserer Familie ein ganz entscheidender Faktor. Dadurch, dass bei uns drei Generationen – angefangen bei meinem Großvater über meinen Vater und meine Tante bis hin zu meinem Cousin und mir – aktiv mitarbeiten, können wir auf der Erfahrung und dem Wissen der vorangegangenen Generation aufbauen. Gleichzeitig kann jeder Neuerungen einbringen und umsetzen, wenn diese von allen goutiert werden. Damit werden wir den Wachstumsmotor des Unternehmens auch in Zukunft am Laufen halten. Wobei wir – ganz in der Tradition unserer Unternehmensgeschichte – von einem stetigen, moderaten, aber vor allem nachhaltigen Wachstum sprechen.

LEADERSNET: Mit einem Frauenanteil von nahezu 50 Prozent im KFZ-Bereich nehmen Sie innerhalb der Branche eine besondere Rolle ein. Welche strukturellen oder kulturellen Faktoren tragen zu dieser Entwicklung bei?

Ernst: Unsere Mitarbeiter:innen sind das Um und Auf des Unternehmens. Deshalb legen wir besonderen Wert darauf, diese auch langfristig im Unternehmen zu halten – oder um es anders zu formulieren: "Bei Rainer kann man das ganze Leben arbeiten, wir freuen uns über alle Teammitglieder, die engagiert sind." In diesem Zusammenhang bieten wir in unserem Unternehmen eine ganze Reihe an Möglichkeiten zur Veränderung bzw. Weiterentwicklung an. Und das in verschiedenen Branchen wie Immobilien, KFZ und Hotel, die alle in unserem Unternehmen zusammengefasst sind. Bei uns ist es selbstverständlich, wenn Mütter oder auch Väter nach der Karenz wieder voll einsteigen wollen, dass wir die Grundlagen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch tatsächlich schaffen. Wir bieten dafür das notwendige Umfeld. Daher haben wir seit mehr als 65 Jahren viele Teammitglieder, die einen Großteil ihres Arbeitslebens mit uns bei Rainer erfolgreich waren und sind.

LEADERSNET: Der Fachkräftemangel stellt viele Autohäuser vor große Herausforderungen. Wie begegnet Rainer KFZ diesem Thema – insbesondere im technischen Bereich?

Ernst: Der Fachkräftemangel ist tatsächlich ein schwieriges Thema, da spielen eine ganze Reihe von Komponenten eine Rolle. Wir haben schon vor Jahren damit begonnen, in unserem Betrieb die Ausbildung von Lehrlingen zu forcieren, und tun dies auch weiterhin. Wobei wir natürlich bestrebt sind, unsere Lehrlinge auch nach der Lehrzeit an unseren Betrieb zu binden – was uns auch ganz gut gelingt. Viele unserer Mitarbeiter:innen sind schon lange Teil des Rainer-Teams, haben ihre Lehre bei Rainer begonnen und haben zum Teil heute führende Positionen in unserem Familienunternehmen, wie etwa der aktuelle Leiter der Werkstätte. Auch unsere Marketingleiterin Jessika Kalteis hat bei uns eine Lehre absolviert.

LEADERSNET: Die Förderung von Mädchen und Frauen in technischen Berufen ist Ihnen ein besonderes Anliegen. Welche Initiativen setzen Sie konkret, um junge Talente für die Branche zu gewinnen?

Ernst: Einerseits nehmen wir immer wieder die Gelegenheit wahr, an zahlreichen Schnupperkursen teilzunehmen bzw. junge Talente zu uns einzuladen, um ihnen den Betrieb näherzubringen. Auch Info-Veranstaltungen in Schulen sind eine willkommene Gelegenheit, unser Unternehmen zu präsentieren bzw. mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen. Last but not least sind wir seit Jahren beim Wiener Töchtertag mit dabei.

LEADERSNET: Als breit aufgestellte Unternehmensgruppe – vom KFZ-Bereich über Immobilien bis zur Hotellerie – verfügen Sie über ein diversifiziertes Geschäftsmodell. Welche Synergien entstehen daraus für den Automobilbereich?

Ernst: Da gibt es zahlreiche Synergien. Über die Jahrzehnte betrachtet hat sich die breite Aufstellung unserer Unternehmensgruppe vor allem aus wirtschaftlicher Sicht bezahlt gemacht. Die Branchen ergänzen sich optimal, was sich auch in den letzten – nicht immer einfachen – Jahren besonders gut gezeigt hat. Dazu kommt, dass wir als Rainer Gruppe in Generationen denken und nicht auf den kurzfristigen Erfolg schielen. Wir wollen nachhaltig wirtschaften und ein stetiges, kein explosives Wachstum generieren. Das geht mit einer breiten Aufstellung über mehrere Branchen hinweg viel besser. Auch auf der Personalseite hat diese Aufstellung viele Vorteile. Unsere Teammitglieder können zwischen den Branchen wechseln oder – so sie wollen – auch nur in eine andere Branche hineinschnuppern.

Eines haben alle Branchen, in denen wir tätig sind, gemeinsam: den Verkauf. Darin haben wir jede Menge Expertise – das machen wir wirklich gerne und mit großer Hingabe. Es macht uns Freude, einem:r Kund:in ein neues Auto auszuliefern, ihm eine neue Mietwohnung zu übergeben oder ihm das Zimmer in einem unserer Hotels zu zeigen. All das sind schöne und fröhliche Momente, die wir mit anderen Menschen teilen können. Dieses menschenzentrierte Arbeiten gibt es nicht in vielen Branchen – für uns ist das die wohl wichtigste Motivation.

LEADERSNET: Mit Blick auf den Weltfrauentag: Welche Entwicklungen wünschen Sie sich für die Automobilbranche in Österreich – sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich?

Ernst: Gesellschaftlich betrachtet wünsche ich mir, dass sich jeder wieder seinen fahrbaren Untersatz leisten kann. Die Mehrheit der Menschen, die am Montagmorgen fahren, fahren zur Arbeit und leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Ich halte es für eine falsche Entwicklung, wenn man diesen Personen mit zusätzlichen Steuern das Leben erschwert und gleichzeitig jenen, die keinen Beitrag leisten, das Leben erleichtert.

Aus wirtschaftlicher Sicht wünsche ich mir, dass die Belastungen rund um die individuelle Mobilität vermindert werden. Mobilität muss wieder leistbar sein – für alle. Fahrer:innen brauchen ein stabiles Umfeld und Berechenbarkeit, so wie wir alle. Die Diskussion über das Verbrenner-Aus – zuerst ja, dann doch nicht – war diesbezüglich extrem kontraproduktiv. NoVA-Verschärfungen, etwa beim Export von Fahrzeugen, die ausgerechnet im Betrugsbekämpfungsgesetz enthalten sind, irritieren zusätzlich.

Ich bin absolut dagegen, dass man Autofahrer unter Generalverdacht stellt. Dazu kommt die Änderung der Intervalle bei den sogenannten "Pickerl-Überprüfungen" (§57a). Eine Ausweitung der Intervalle würde aus meiner Sicht die Sicherheit mindern.

www.rainergruppe.at

www.rainer.co.at

Weltfrauentag bei LEADERSNET

Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März widmet LEADERSNET die gesamte Woche dem Schwerpunkt "Frauen in Führung". Unter anderem stellen wir Entscheidungsträgerinnen verschiedenster Branchen vor und bitten sie zum Interview.

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