Interview mit Dominic Hacker
"In Extremsituationen ist es für den Winterdienst schlicht unmöglich, überall gleichzeitig zu sein"

Im LEADERSNET-Interview spricht Dominic Hacker, Geschäftsführer Wien bei Stutzig & Hacker, u.a. darüber, wie Winterdienst in Extremsituationen funktioniert, was hinter Eisregen, gesperrten Straßen und kurzfristigen Umplanungen passiert, wie Einsätze im Krisenmodus organisiert werden und warum viele Leistungen für Sicherheit und Mobilität unsichtbar bleiben. Außerdem erklärt er, wie mit öffentlichem Erwartungsdruck und Kritik umgegangen wird, wie Gemeinden, Behörden und Partner zusammenarbeiten, wie man Mitarbeiter:innen in dieser belastenden Zeit unterstützt und welche Voraussetzungen es braucht, damit Winterdienst auch künftig verlässlich funktionieren kann. 

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Hacker, Eisregen, gesperrte Straßen und sogar eine kurzfristige Schließung des Flughafens Wien – die letzten Tage haben gezeigt, wie schnell der Winter den Alltag lahmlegen kann. Wie haben Sie diese Phase erlebt, und welche Rolle konnte Stutzig & Hacker in dieser Situation konkret übernehmen?

Dominic Hacker: Die letzten Tage waren in der Tat eine echte Belastungsprobe – nicht nur für den öffentlichen Verkehr und die Infrastruktur, sondern auch für viele Unternehmen. Wir haben sehr deutlich gespürt, wie schnell extreme Wetterereignisse den Alltag und eingespielte Abläufe aus dem Gleichgewicht bringen können. Gleichzeitig hat diese Phase aber auch gezeigt, wie wichtig Vorbereitung, Flexibilität und ein starkes Team sind.

Für uns stand von Beginn an im Mittelpunkt, handlungsfähig zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen – sowohl gegenüber unseren Kolleg:innen als auch gegenüber unseren Kund:innen. Die Situation hat sich teilweise stündlich verändert: gesperrte Straßen, ausgefallene Verbindungen und kurzfristige Umplanungen gehörten zur Tagesordnung. Darauf konnten wir nur reagieren, indem wir extrem flexibel agiert und Entscheidungen sehr schnell getroffen haben. Ein zentraler Faktor war die ständige und transparente Kommunikation mit unseren Teams. Wir standen im permanenten Austausch, haben Informationen laufend aktualisiert und unsere Einsatzpläne mehrfach täglich angepasst. So konnten wir sicherstellen, dass alle Beteiligten jederzeit wussten, was gilt und welche Prioritäten gerade gesetzt werden müssen.

Insgesamt war diese Phase fordernd, und natürlich sind auch wir nicht perfekt – gerade in Ausnahmesituationen läuft nicht immer alles reibungslos. Entscheidend ist aber, dass wir jederzeit unser Bestes geben, Verantwortung übernehmen und aus jeder Herausforderung lernen. Die hohe Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeitenden und die gelebte Flexibilität im Unternehmen haben es uns ermöglicht, auch unter schwierigen Bedingungen verlässlich zu bleiben.

LEADERSNETWas passiert in derartigen Situationen eigentlich hinter den Kulissen – wie organisiert man solche Einsätze, wenn sich die Lage stündlich ändert?

Hacker: In solchen Situationen passiert hinter den Kulissen tatsächlich sehr viel – und das meist gleichzeitig. Wenn sich die Lage stündlich ändert, ist ein normaler Tagesablauf praktisch nicht mehr möglich. Dann wechseln wir in einen Krisenmodus, in dem schnelle Abstimmung und kurze Entscheidungswege entscheidend sind. Konkret bedeutet das: gefühlt tausende Telefonate, laufende Updates und ein permanenter Austausch mit allen Teams. Der größte Brocken ist dabei ganz klar die interne Koordination. Wir stehen ständig mit unseren Mitarbeiter:innen in Kontakt, klären kurzfristige Änderungen, hören, wo es hakt, und suchen gemeinsam Lösungen. Dieser enge Austausch ist das Rückgrat der gesamten Organisation – ohne ihn wäre ein funktionierender Betrieb in solchen Ausnahmefällen schlicht unmöglich. Gleichzeitig greifen wir auf Notfallpläne zurück, die für unterschiedliche Szenarien vorbereitet sind. Diese Pläne geben Orientierung, müssen aber oft sehr kurzfristig aktiviert, angepasst und in Gang gebracht werden, weil sich die Situation laufend verändert. Entscheidend ist dabei, dass alle Beteiligten sofort wissen, was zu tun ist und wer welche Verantwortung trägt.

Was diese Tage auch zeigen: Wie groß der persönliche Einsatz unserer Kolleg:innen ist. Manche sind stundenlang im Dauereinsatz am Telefon und haben vorsorglich gleich zwei Powerbanks dabei, damit ihnen mitten in der Koordination nicht der Akku ausgeht. Das ist vielleicht eine kleine, fast humorvolle Anekdote – sagt aber viel darüber aus, mit welchem Engagement hier gearbeitet wird. Nach außen wirkt vieles selbstverständlich, intern ist es ein hochdynamischer Kraftakt. Diese intensive Zusammenarbeit und der enorme Einsatz unserer Teams machen es möglich, auch unter extremen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.

LEADERSNETGerade in solchen Momenten wird deutlich, wie wichtig ein funktionierender Winterdienst für Sicherheit und Mobilität ist. Wird diese Rolle Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterschätzt?

Hacker: Ja, diese Rolle wird in der öffentlichen Wahrnehmung ganz klar unterschätzt. Winterdienst ist ein klassisches Beispiel dafür, dass gute Arbeit oft unsichtbar bleibt. Wenn alles funktioniert, nimmt man es als selbstverständlich hin. Wenn es aber einmal hakt, steht es sofort im Fokus der Kritik. Viele Menschen denken: "Jetzt schneit es einmal und schon klappt nichts mehr" oder umgekehrt: "Warum zahlen wir überhaupt für Winterdienst, wenn es kaum noch schneit?" Beides greift zu kurz. Was dabei häufig übersehen wird, ist der enorme Aufwand, der im Hintergrund permanent betrieben wird – unabhängig davon, ob viel Schnee fällt oder gar keiner. Winterdienst bedeutet nicht nur ausrücken, wenn es schneit, sondern ganzjährige Planung. Dazu gehören detaillierte Einsatzkonzepte, die ständige Einsatzbereitschaft von Personal, die Schulung der Mitarbeiter:innen, die Wartung von Fahrzeugen und Geräten sowie erhebliche Investitionen in Technik, Streumittel und Infrastruktur. Diese Strukturen müssen jederzeit abrufbar sein – auch dann, wenn der Winter mild ist.

Ein weiterer Punkt, der oft gar nicht wahrgenommen wird, ist Eisglätte. Gerade Eis ist besonders tückisch, weil es häufig in den frühen Nacht- und Morgenstunden bekämpft wird. Wenn die Menschen aufstehen und die Straßen befahrbar sind, war die Arbeit bereits erledigt – und bleibt damit unsichtbar. Dass es nicht zu Unfällen kommt, ist dann kein Zufall, sondern das Ergebnis intensiver nächtlicher Einsätze.

Extremsituationen wie in den vergangenen Tagen sind selbst für gut vorbereitete Systeme eine enorme Herausforderung. In solchen Phasen herrscht Krisenmodus: Entscheidungen müssen unter Zeitdruck getroffen werden, Ressourcen sind stark gefordert und nicht alles ist planbar. Gleichzeitig steigt der öffentliche Druck massiv. Wir müssen uns dann teilweise sehr harte Beschimpfungen anhören, weil etwas nicht so funktioniert hat, wie man es sich wünscht. Dabei ist uns bewusst, dass wir in Ausnahmesituationen vor enorm komplexen Rahmenbedingungen arbeiten. Unser Anspruch ist es, jederzeit mit höchster Professionalität und größtmöglichem Einsatz zu handeln. Wo Abläufe an ihre Grenzen stoßen, analysieren wir die Situation genau und verbessern unsere Prozesse laufend weiter. Denn unser Ziel ist klar: auch unter extremen Bedingungen ein verlässlicher Partner für Sicherheit und Mobilität zu sein.

LEADERSNETGleichzeitig erleben Sie aber auch die Kehrseite: In Extremsituationen kann man schlicht nicht überall gleichzeitig sein. Wie schwer ist es, diesen Umstand zu kommunizieren – gerade wenn der Druck von außen groß ist?

Hacker: Das ist tatsächlich eine der schwierigsten Seiten unserer Arbeit. In Extremsituationen ist es schlicht unmöglich, überall gleichzeitig zu sein – auch wenn der Anspruch natürlich genau dieser wäre. Das zu kommunizieren, ist sehr herausfordernd, vor allem dann, wenn der Druck von außen groß ist und die Emotionen hochgehen. Viele Bewohner:innen sehen verständlicherweise nur die aktuelle Situation vor ihrer Haustür. Was oft nicht sichtbar ist, ist die Vorarbeit, die bereits Stunden zuvor geleistet wurde. Ein gutes Beispiel ist der Eisregen am Dienstag: Unsere Teams waren schon früh im Einsatz und vor Ort, aber der anhaltende Regen hat das Streumittel immer wieder weggeschwemmt. Das heißt, obwohl gearbeitet wurde, war der Effekt kurzfristig kaum sichtbar.

Wir haben großes Verständnis für den Unmut der Bevölkerung – insbesondere bei älteren Menschen, für die glatte Gehsteige ein reales Sicherheitsrisiko darstellen. Diese Sorgen nehmen wir sehr ernst. Deshalb versuchen wir auch in angespannten Momenten ruhig zu bleiben und zuzuhören, selbst wenn der Tonfall manchmal unter die Gürtellinie geht. Die Verärgerung richtet sich meist nicht persönlich gegen unsere Kolleg:innen, sondern gegen die Situation an sich. Gleichzeitig müssen wir ehrlich kommunizieren: Auch mit maximalem Einsatz stoßen wir in solchen Ausnahmefällen an physische Grenzen. Unsere Teams arbeiten mit Hochdruck, aber sie können nicht an allen Orten gleichzeitig sein. Umso wichtiger ist es, transparent zu erklären, was möglich ist – und was leider nicht –, und dabei Verständnis für beide Seiten zu zeigen.

LEADERSNETWinterdienst funktioniert in Ausnahmelagen ja nie isoliert. Wie erleben Sie die gemeinsame Verantwortung und Absprache mit Gemeinden, öffentlichen Stellen und anderen Partnern, wenn die Lage angespannt ist?

Hacker: Gerade in Ausnahmesituationen zeigt sich, dass Winterdienst nur im Zusammenspiel vieler Beteiligter funktioniert. In angespannten Lagen sind wir Teil eines eng vernetzten Systems, in dem unterschiedliche Partner laufend Informationen austauschen und ihr Vorgehen abstimmen müssen. Nur durch dieses koordinierte Handeln kann eine so dynamische Lage überhaupt bewältigt werden. Die gemeinsame Verantwortung ist dabei sehr stark spürbar. Informationen werden laufend ausgetauscht, Prioritäten gemeinsam festgelegt und Maßnahmen koordiniert. Es geht nicht darum, Zuständigkeiten abzugrenzen, sondern darum, gemeinsam Lösungen zu finden. In solchen Phasen rücken organisatorische Grenzen in den Hintergrund – entscheidend ist, dass alle an einem Strang ziehen. Neben der Koordination habe ich selbst mehrere Objekte betreut, um die Teams direkt zu unterstützen und den gemeinsamen Einsatz zu stärken.

Eine besonders wichtige Rolle kommt dabei auch der internen Führung zu. Natürlich bekommen wir den Druck von außen deutlich zu spüren – aus der Öffentlichkeit oder von betroffenen Bewohner:innen. Auch wenn dieser Kreislauf es "verlangen" würde, geben wir diesen Unmut bewusst nicht an unsere Kolleg:innen im Außendienst weiter. Unsere Aufgabe ist es, als Puffer zu wirken. Gerade in angespannten Situationen müssen wir Ruhe und Klarheit bewahren. Die Teams draußen brauchen keine zusätzlichen Emotionen, sondern klare Informationen, realistische Prioritäten und Rückhalt. Nur so können sie sich auf das Wesentliche konzentrieren: Die sichere und möglichst rasche Problemlösung vor Ort. Diese Haltung prägt auch die Zusammenarbeit mit unseren Kolleg:innen. Sachlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt sind in Krisen entscheidend. Denn nur wenn die Kommunikation ruhig und lösungsorientiert bleibt, lassen sich auch unter großem Druck tragfähige Entscheidungen treffen.

LEADERSNETWenn Einsätze über Stunden oder sogar Tage hinweg unter Hochdruck laufen, ist die körperliche und mentale Belastung für die Menschen dahinter enorm. Wie unterstützen Sie Ihre Mitarbeiter:innen in solchen Phasen, damit sie trotzdem motiviert und gesund bleiben?

Hacker: Ein zentraler Punkt ist dabei die Haltung: Wir versuchen, unseren Teams Mut zu machen und ihnen den Rücken zu stärken. Frei nach dem Motto "Augen zu und durch" – verbunden mit dem ehrlichen Ausblick, dass auch diese Phase wieder vorübergeht und die wärmeren Tage kommen. Dieses gemeinsame Durchhalten schweißt zusammen und gibt Kraft, gerade wenn die Situation besonders fordernd ist. Gleichzeitig achten wir darauf, dass die Belastung möglichst fair verteilt wird, Pausen eingehalten werden und niemand dauerhaft über seine Grenzen geht. Wo es möglich ist, organisieren wir Ablösungen und schaffen kurze Erholungsfenster, auch wenn das im Ausnahmezustand nicht immer einfach ist. Und nicht zuletzt spielt auch Humor eine wichtige Rolle. Gerade in angespannten Situationen hilft ein lockerer Spruch, ein gemeinsames Lachen oder eine kleine Anekdote, den Druck kurz herauszunehmen. Diese menschliche Seite ist enorm wichtig, um die Stimmung im Team stabil zu halten.

Am Ende geht es darum, unseren Kolleg:innen zu zeigen: Ihr seid nicht allein, wir stehen hinter euch. Diese Wertschätzung und der starke Zusammenhalt im Team sind entscheidend dafür, dass Motivation und Gesundheit auch in extremen Phasen erhalten bleiben.

LEADERSNETIn Zukunft ist davon auszugehen, dass extreme Wetterereignisse noch häufiger und unberechenbarer werden. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Winterdienst auch in Zukunft verlässlich funktionieren kann?

Hacker: Die Anforderungen an den Winterdienst haben sich spürbar verändert. Die Einsätze verdichten sich, und innerhalb weniger Tage fällt heute oft ein Arbeitspensum an, das früher über Wochen verteilt war. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, geeignetes Personal zu finden, das bereit ist, diese körperlich und mental sehr fordernde Arbeit zu leisten.

Damit Winterdienst auch künftig verlässlich funktioniert, müssen wir genau hier ansetzen: bei guten Arbeitsbedingungen, moderner Ausrüstung und echter Wertschätzung für diese verantwortungsvolle Tätigkeit. Nur wenn sich Kolleg:innen langfristig unterstützt fühlen, werden sie diese hohe Einsatzbereitschaft auch in Zukunft aufbringen können. Ergänzend braucht es flexible Einsatzkonzepte und laufende Investitionen in Technik, die helfen, schneller und gezielter zu reagieren und die Teams zu entlasten. Ebenso wichtig ist ein realistisches gesellschaftliches Verständnis dafür, dass Winterdienst sehr viel leisten kann – aber keine permanente Perfektion garantieren kann. Wenn Menschen, Strukturen und Erwartungen im Gleichgewicht sind, bleibt Winterdienst auch in Zukunft ein verlässlicher Faktor für Sicherheit und Mobilität.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.stutzig-hacker.at

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