Trotz geringer Abhängigkeit
Wie die US-Zölle indirekt Österreichs Industrie treffen

| Tobias Seifried 
| 10.11.2025

Obwohl die Wirtschaft hierzulande nur gering von den USA abhängig ist, zeigt eine neue Studie von ASCII und WIFO, dass die negative Folgen vor allem für die Industrie stärker sind als erwartet.

Die jüngsten Zollerhöhungen der USA von 15 Prozent auf fast alle EU-Waren setzen Österreichs Wirtschaft spürbar unter Druck – obwohl die direkte Abhängigkeit von den USA gering ist. Laut einer neuen Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) könnte die heimische Wirtschaftsleistung um rund 0,31 Prozent sinken. Besonders betroffen sei die Industrie, deren Wertschöpfung um etwa 0,56 Prozent zurückgehen dürfte.

Indirekte Effekte über europäische Lieferketten

Während die direkten Verluste durch geringere Exporte in die USA mit etwa 0,1 Prozent moderat ausfallen, entstehen mehr als zwei Drittel des Rückgangs durch indirekte Effekte über europäische Lieferketten. Viele EU-Partnerländer fragen aufgrund eigener Produktionsrückgänge weniger österreichische Zulieferungen nach. Die Analyse beruht auf Handelsdaten bis September 2025 und berücksichtigt auch solche indirekten Effekte, die in bisherigen Berechnungen oft unberücksichtigt blieben.

"Die Verluste sind ein spürbarer Einschnitt, für eine kleine, stark exportorientierte Volkswirtschaft wie Österreich", erklärt Asjad Naqvi, Senior Economist am WIFO und Forscher am ASCII. Nicht der direkte Handel mit den USA, sondern die indirekten Auswirkungen über Europas Lieferketten seien der Hauptgrund für die Einbußen. Dies zeige, wie stark Handelskonflikte über die verflochtenen Produktionsnetzwerke in Europa durchschlagen könnten.

Industriebranchen unter Druck

Am stärksten betroffen sind laut Studie die Metallindustrie (−0,61 %), die chemische Industrie (−0,57 %) und der Maschinenbau (−0,52 %), gefolgt von der Elektrotechnik (−0,25 %) und der Fahrzeugproduktion (−0,29 %). Der Großteil der Verluste resultiert auch hier aus indirekten Effekten über europäische Wertschöpfungsketten.

"Österreichische Unternehmen liefern zentrale Zwischenprodukte an große europäische Hersteller", betont Klaus Friesenbichler, stellvertretender Direktor des ASCII. Wenn dort die Nachfrage sinke, übertrage sich dieser Effekt auf österreichische Zulieferer – mit Folgen für Produktion, Beschäftigung und Einkommen.

Europäische Rückkopplungen belasten heimische Wirtschaft

Im EU-Vergleich liegt der Rückgang der Wirtschaftsleistung in Österreich unter dem europäischen Durchschnitt von 0,67 Prozent, zählt aber wegen der starken industriellen Basis zu den am meisten betroffenen Volkswirtschaften. Besonders stark betroffen sind laut Studie Frankreich (−0,88 %), Italien (−0,78 %) und Finnland (−0,47 %). Deren Produktionsrückgänge wirken sich unmittelbar auf die Nachfrage nach österreichischen Zwischenprodukten aus.

Naqvi verweist darauf, dass der Großteil der heimischen Exporte an EU-Partnerländer gehe, insbesondere in Maschinenbau, Metall und Chemie. Die direkte Abhängigkeit von den USA liege dagegen meist nur bei wenigen Prozentpunkten.

Forscher:innen fordern europäische Strategie

Um die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft zu stärken, empfehlen die Forscher:innen eine breitere Diversifizierung der Exportmärkte sowie robustere und innovativere Lieferketten. Besonders gefährdete Industriecluster wie Maschinenbau, Chemie und Fahrzeugproduktion sollten gezielt unterstützt werden.

Zudem brauche es eine koordinierte europäische Industrie- und Handelspolitik. "Wenn ein Teil der Lieferkette ins Wanken gerät, strahlt das aus", so Friesenbichler. Gemeinsame EU-Maßnahmen zur Stärkung widerstandsfähiger Lieferketten könnten dazu beitragen, dass regionale Störungen nicht zu breiten Wohlstandsverlusten führen.

www.ascii.ac.at

www.wifo.ac.at

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