Global Technology Report
KI-Wachstum erfordert jährlichen Zusatzumsatz von 1,75 Billionen Euro

| Larissa Bilovits 
| 18.11.2025

Der rasante Aufstieg der Künstlichen Intelligenz hat einen weltweiten Wettlauf um Rechenleistung ausgelöst. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass die Technologiebranche vor enormen Investitions- und Versorgungsherausforderungen steht. 

Künstliche Intelligenz (KI) hat in den verschiedensten Formen längst Einzug in sämtliche Bereiche des Lebens gehalten – Tendenz steigend. Somit nimmt auch der Bedarf an Rechenleistung rasant zu – bis Ende des aktuellen Jahrzehnts könnte der weltweite Mehrbedarf auf rund 200 Gigawatt steigen, wovon etwa die Hälfte allein auf die USA entfallen würde. Um diesen Bedarf zu decken, seien jährlich zwei Billionen US-Dollar an zusätzlichen Einnahmen erforderlich, wie der aktuelle, bereits sechste "Global Technology Report" der internationalen Unternehmensberatung Bain & Company aufschlüsselt. Dies sei aber kaum zu schaffen, denn selbst wenn US-Unternehmen ihre gesamten IT-Budgets von lokalen Rechenzentren in die Cloud verlagern und sämtliche Einsparungen durch KI-Anwendungen in Vertrieb, Marketing, Kundenservice sowie Forschung und Entwicklung vollständig in neue Rechenzentren investierten, bliebe die Finanzierungslücke laut Analyse bestehen. 

"KI bringt nicht nur Chancen, sondern stellt auch enorme Anforderungen an Lieferketten, Infrastruktur und Versorgungssicherheit", erklärt Florian Mueller, Partner bei Bain & Company und Leiter der Praxisgruppe AI, Insights & Solutions in der EMEA-Region. "Bis 2030 stehen Technologieverantwortliche vor der Herausforderung, jährlich rund 500 Milliarden US-Dollar an Investitionsausgaben zu tätigen und etwa zwei Billionen US-Dollar (rund 1,75 Billionen Euro) an neuen Einnahmen zu generieren, um die Nachfrage profitabel bedienen zu können." Darüber hinaus übersteige die Nachfrage nach KI-Rechenleistung die Effizienzgewinne bei Halbleitern. Dies erfordere eigentlich umfangreiche Ausbaumaßnahmen bei der Stromversorgung, obwohl viele Netze seit Jahrzehnten keine nennenswerte Kapazität mehr hinzugewonnen haben. "Kommt noch die Dynamik eines Wettlaufs zwischen Nationen und führenden Anbietern hinzu, wird es schwieriger denn je, die richtige Balance zwischen Über- und Unterinvestitionen zu finden", so Mueller.

Wohin das KI-Kapital in den kommenden Jahren fließt

Wie der Report zeigt, hätten zahlreiche führende Unternehmen den Schritt von KI-Pilotprojekten hin zur gewinnbringenden Nutzung geschafft und in den vergangenen zwei Jahren EBITDA-Zuwächse von zehn bis 25 Prozent erzielt. Zu rasanter Innovation führe dabei vor allem agentische KI. Trotzdem stecke die Mehrheit noch in der Experimentierphase fest und begnüge sich mit geringen Produktivitätsfortschritten. 

Insgesamt erwartet Bain, dass in den kommenden drei bis fünf Jahren etwa fünf bis zehn Prozent der IT-Ausgaben in grundlegende KI-Infrastruktur fließen – von Plattformen über Kommunikationsprotokolle bis zu Systemen für Echtzeit-Datenzugriff. Bis zu 50 Prozent der Technologiebudgets könnten zudem in KI-Agenten investiert werden, die unternehmensweit zum Einsatz kommen. Konkret verläuft der technologische Reifegrad in vier Stufen: LLM-gestützte Informationsagenten, Workflows für Einzeltätigkeiten, systemübergreifende Workflow-Orchestrierung sowie Mehr-Agenten-Systeme. Kapital und Innovation konzentrieren sich derzeit auf die mittleren Stufen.

Globaler Wettlauf um souveräne KI

Zölle, Exportbeschränkungen und das Streben vieler Regierungen nach "souveräner KI" treiben die Fragmentierung globaler Lieferketten voran. Dabei sind KI-Technologien längst nicht mehr bloße Wachstumsmotoren, sondern auch Werkzeuge geopolitischer Einflussnahme und nationaler Sicherheit. Besonders die Halbleiterbranche zeigt diese Entwicklung deutlich: Laut Bain-Report stehen die USA und China im Mittelpunkt der Entkopplung – China allein dürfte heuer rund 20 Prozent der weltweiten Chipproduktion stellen.

"Souveräne KI-Fähigkeiten werden zunehmend als strategischer Vorteil gesehen – vergleichbar mit wirtschaftlicher oder militärischer Stärke", betont Bain-Partner und KI-Experte Philipp Sautner. Dies sei weltweit ein großes Thema, wobei sich die Zielsetzung einzelner Länder erheblich unterscheidet: "Für die meisten Staaten ist eine vollständige technologische Unabhängigkeit derzeit nicht realistisch. Angesichts dieser Unterschiede ist es unwahrscheinlich, dass sich globale KI-Standards vereinheitlichen werden", gibt Sautner zu bedenken und betont, dass international tätige Unternehmen dementsprechend regulatorische Anforderungen nicht nur lokal umsetzen, sondern auch ihre Technologiearchitektur anpassen müssen. "Entscheidungen sollten mit Blick auf Handlungsspielräume getroffen werden – selbstbewusst dort, wo Sicherheit besteht, und mit maximaler Flexibilität dort, wo Unsicherheit herrscht", so Sautner.

Quantencomputing und Robotik

Neben der rasanten Entwicklung von KI stehen auch Quantencomputing und humanoide Roboter im Mittelpunkt der technologischen Trends. Laut dem Report könnten Quantencomputer ein Marktpotenzial von bis zu 250 Milliarden US-Dollar erschließen und besonders in Branchen wie Pharma, Finanzwesen, Logistik und Materialwissenschaften Bedeutung gewinnen. Bis leistungsfähige und fehlertolerante Quantencomputer im großen Maßstab verfügbar sind, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen. Ähnlich sieht es bei humanoiden Robotern aus, die sich noch in einem frühen Stadium befinden und stark auf menschliche Überwachung angewiesen sind. "Unternehmen, die frühzeitig Pilotprojekte starten, werden die besten Chancen haben, sich als führende Anbieter in einer neuen Wachstumsära zu positionieren", betont Mueller abschließend.

www.bain.com

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