In letzter Zeit fällt bei Gesprächen aber auch in den Medien immer häufiger das Wort Disruption, oftmals verbunden mit der Anmerkung, dass diese auch bereits in der Politik angekommen sei. Was aber ist damit konkret gemeint? Lassen Sie uns, geneigte Leser:innen, wie immer am Anfang beginnen.
Bedeutung von "Disruption"
Disruption kommt aus dem Englischen und bedeutet "unterbrechen" oder "zerstören", hat also von seiner Bedeutung her eine eher negative Konnotation. Ende der 1990er Jahre kam in einzelnen Wirtschafts-, allen voran Technologie-Bereichen, der Begriff "disruptive Innovationen" auf. Als Grundvater der Idee wird oft Professor Clayton M. Christensen genannt, der sich mit seinem 1997 erschienenen Buch "The Innovator's Dilemma" einen Namen machte. In seinem Buch beleuchtet er die Verbindung zweier scheinbar gegensätzlicher Herausforderungen: Unternehmen müssen einerseits kontinuierlich Innovationen vorantreiben, während sie sich andererseits auf potenzielle Disruptionen vorbereiten – oder sogar selbst als treibende Kraft dieser Veränderung agieren. Nur wer diesen Balanceakt meistert, kann in einer sich ständig verändernden Welt erfolgreich bleiben.
Disruptive Innovationen
Genauer gesagt bedeutete "normale Innovation" die Weiterentwicklung bereits etablierter Ideen und Erfahrungen, während disruptiven Innovationen das Potenzial zugeschrieben wird, Produkte, Unternehmen oder ganze Märkte teilweise oder vollständig zu ersetzen. Disruptive Innovationen wirken sich dabei nicht grundsätzlich schlecht auf Unternehmen oder Gesellschaft aus, aber die Auswirkungen, beispielsweise durch Umstrukturierungen und Veränderungen, machen sich natürlich viel massiver bemerkbar.
Solche Ideen können auch Angst auslösen. Doch disruptive Innovationen sind längst ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags geworden, denken wir etwa an das Auto, das die Pferdekutsche ersetzte, ebenso wie Videostreaming statt DVDs oder Videokassetten, Smartphones statt Festnetztelefonie, Musikstreamingdienste statt CD oder Schallplatte. Es ist heute für erfolgreiche Unternehmen fast unmöglich, nicht nach dem Modell der disruptiven Innovation zu leben und zu denken. Ich bin auch der festen Ansicht, dass dies in der Wirtschaft durchaus Sinn macht.
Monopole als Gefahr
Gefährlich kann das Konzept einer Gesellschaft und Marktwirtschaft mittel- und langfristig jedoch dann werden, wenn daraus Monopole entstehen, wie wir es bei einigen US- und Internetgiganten heute schon sehen. Für manche Unternehmen ist das vielleicht sogar erstrebenswert. So hat ein auch in Österreich nicht unbekannter Milliardär schon früh gemeint, dass es vertikalen anstatt horizontalen Fortschritts (durch Kopie) bedürfe, und man nicht mit Rivalen konkurrieren, sondern Monopole errichten solle. Ein Thema, zu dem man sich vielleicht ein anderes Mal vertiefen könnte.
"We break them to rebuild them"
Hat nun aber die Idee der Disruption, wie behauptet, auch die Politik erreicht? Das hat sie sicherlich, und zwar nicht erst, seit der zukünftige US-Präsident Donald Trump und sein ihn stets begleitender Schatten Elon Musk dies ganz offensichtlich betreiben. Schon Anfang der 2000er Jahre meinten einige politische Denker:innen, dass Disruption in der Politik wichtig wäre. Einem kürzlich in der FAZ erschienen Artikel zufolge gingen manche sogar so weit zu sagen, dass "Freiheit und Demokratie nicht mehr kompatibel seien". Trumps Schatten bezeichnet sich manchmal selbst als "Zerstörer, um dann aus dem Zerstörten Neues zu erschaffen". In den USA scheint all dies in anderem Zusammenhang indes ohnehin ein bereits erprobtes Konzept zu sein, wie es sich etwa im Motto der Marines Boot Camp Ausbildung widerspiegelt: "We break them to rebuild them".
Warum beschäftigt uns dieses Thema gerade jetzt? Nicht nur wegen des zukünftigen US-Präsidenten, sondern vor allem aufgrund der mit der modernen Technik einhergehenden Informationsmöglichkeiten, insbesondere Social Media. Dies ermöglicht es zwar einer weitaus größeren Gruppe von Menschen, an der politischen Diskussion teilzunehmen. Was diesen Medien jedoch größtenteils fehlt, ist irgendeine Art von Korrektiv, eine Tatsache, die durch die Abschaltung des Faktenchecks von Meta/Facebook noch offensichtlicher und klarer wird. Mit wenig Aufwand kann also jede:r Aufmerksamkeit generieren und eigene Inhalte verbreiten – von harmlosen Belanglosigkeiten bis hin zu den absurdesten Verschwörungstheorien.
Einfluss von Disruption kritisch hinterfragen und konstruktiv gestalten
Die alles entscheidende Frage an dieser Stelle ist nun also, was an einer Demokratie zerstört werden und was stattdessen entstehen sollte? Ich kann mir kaum vorstellen, dass durch Disruption in der Politik bzw. in einer Demokratie eine – wie auch immer beschriebene – bessere Form von Demokratie entstehen könnte. Eher würde dies einen Staat nach dem Bild Einzelner oder einer kleinen Menschengruppe hervorbringen. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir sogar äußerst gefährlich, wenn Disruption in der Politik überhandnimmt, gesellschaftspolitisch müssen wir deshalb dagegenhalten und darauf achten, dass dies nicht passiert.
Gleichzeitig wird es zunehmend wichtiger, den Werkzeugen der Disruption – insbesondere den sozialen Medien – noch klarere Regularien vorzuschreiben und die Betreiber notwendigerweise auch zur Kasse zu bitten. Eine solche entsprechende Regulierung und eventuell sogar Beschränkung wäre nicht nur aus medienrechtlicher Hinsicht notwendig. Die EU hat mit ihrem "Digital Services Act" sicherlich einen ersten Schritt getan. Dies wird aber nicht ausreichen – und bei alldem ist außerdem Eile geboten.
In diesem Sinne liegt es auch an uns, an jeder und jedem Einzelnen, die Augen offenzuhalten, denn wir alle sind gefordert, den Einfluss von Disruption kritisch zu hinterfragen und konstruktiv zu gestalten. Disruption darf nicht als Selbstzweck verstanden werden, sondern muss verantwortungsvoll gesteuert werden. Dazu gehört auch das aufmerksame Prüfen von Inhalten, die wir konsumieren und verbreiten, die aktive Beteiligung an der politischen Diskussion und das Einsetzen für Fakten und Transparenz. Disruption mag unausweichlich sein, doch sie sollte immer im Sinne des Gemeinwohls genutzt werden, um eine gerechtere und stabilere Zukunft zu schaffen – das sollte uns allen bewusst sein.
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