"Nur mit Veränderungen gibt es Fortschritt"

| Redaktion 
| 29.10.2023

Valerie Höllinger, CEO von Austrian Standards, und Silvia Angelo, Vorständin bei der ÖBB Infrastruktur, sprechen im LEADERSNET-Interview über die Schlüssel zu nachhaltigem Wachstum.

LEADERSNET: Frau Höllinger, Unternehmen mit Purpose kommen besser durch Krisenzeiten und finden mehr Personal. Wie viel Purpose steckt in Austrian Standards?

Valerie Höllinger: #drivenbymakingsense – Das ist unser Claim. Somit kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass bei uns ganz viel Purpose vorhanden ist. Unsere Arbeit ist so sinnvoll, weil wir damit unmittelbare und nachhaltige Wirkung erzielen. Alles, was wir tun, erleichtert das Leben der Menschen – ob privat, in der Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung.

Gemeint ist, dass Standards nicht um ihrer selbst willen gemacht werden, sondern aus der Praxis für die Praxis erarbeitet werden, weil Bedarf in dem jeweiligen Bereich besteht. Standards sorgen für Sicherheit in allen Lebensbereichen, bieten Lösungen aktueller und zukünftiger gesellschaftlicher Probleme und fördern Innovationen. Unsere Ergebnisse sind der Konsens aus dem Wissen zahlreicher Expert:innen und daher so valide.

Erst kürzlich haben wir gemeinsam unsere bestehenden Unternehmenswerte auf ihre Gültigkeit geprüft und an unsere Lebensrealität angepasst. Dabei hat sich herauskristallisiert, dass die Begriffe "impactstark, innovationsfreudig und integrativ" am treffendsten sind. Diese Werte beschreiben unsere Organisation, unsere tägliche Arbeit und die Standardisierung selbst.

LEADERSNET: Frau Angelo, wie versucht die ÖBB Infrastruktur Sinn zu stiften?

Silvia Angelo: Wir verstehen die ÖBB als Klimaschutzunternehmen Nummer 1 in Österreich – und wir sorgen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Jeder von uns investierte Euro bringt zwei Euros für die österreichische Wirtschaft. Es geht darum, unsere Bahninfrastruktur up-to-date zu halten und klimafreundlich zu gestalten. Wir reden von Bahnhöfen, Schienen, Terminals, Telekommunikationsanlagen oder Wasserkraftwerken für umweltfreundliche Stromerzeugung. 

Mit unseren über 18.000 Mitarbeiter:innen schaffen wir so ein Beschäftigungsplus ebenso bei unseren Partnerbetrieben.

Unsere Unternehmenswerte sind dabei die Leitlinien – nicht nur wir als Führungskräfte leben diese. Sie sind die Basis für unser gemeinsames Tun und die Zusammenarbeit. Wir stellen das „Wir“ vor dem „Ich“, wir überzeugen unsere Kund:innen mit unseren Leistungen und ergreifen die Initiative. Das fördert die Identifikation, was wichtig ist, um unsere Ziele in den kommenden Jahren zu erreichen.

LEADERSNET: Welche Ziele verfolgen Sie in der ÖBB Infrastruktur? Wie helfen Ihnen Standards dabei?

Angelo: Wir möchten einen leistungsfähigen und zuverlässigen Personen- und Güterverkehr auf der Schiene bieten. Das ist das Rückgrat für nachhaltige Mobilitäts- und Logistikangebote. Diese Position bauen wir aus, z. B. mit Konzepten zur Kreislaufwirtschaft.

Standards begleiten uns dabei. Sie dienen uns einerseits dafür, dass der Bahnbetrieb zuverlässig und sicher funktioniert. Wir brauchen kompatible Systeme, aufeinander abgestimmte Abläufe und technische Schnittstellen, damit die Mobilität wie geschmiert funktioniert.

Andererseits definieren wir mit Standards die Qualitätssicherung und die Benchmarks für mehr Nachhaltigkeit. Darauf können wir uns, darauf können sich unsere Kund:innen verlassen.

LEADERSNET: Frau Höllinger, welche Zukunftsthemen gibt es in der Standardisierung im Bereich des Güterverkehrs?

Höllinger: Die Schaffung von Standards im Güterverkehrswesen ist von großer Bedeutung, insbesondere vor dem Hintergrund der Herausforderungen und der Notwendigkeit einer Verlagerung von Verkehrsanteilen auf die Schiene. Die EU setzt sich intensiv für die Entwicklung und Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, der Fahrzeuge und der Systeme ein, um den freien und ungehinderten Warenverkehr innerhalb der EU und weltweit zu fördern.

Die Interoperabilität – als die Anschlussfähigkeit - im Güterverkehr muss gegeben sein. Schnittstellen müssen definiert sein. Und hier dienen Standards als eine gemeinsame Sprache, die die Anschlussfähigkeit sicherstellt und wie ein Ordnungssystem wirkt. Neben der Sicherstellung der Interoperabilität von Infrastruktur- und Fahrzeugkennwerten, vor allem bei hohen Fahrgeschwindigkeiten gewinnen auch Umweltfaktoren im Verkehr zunehmend an Bedeutung. Standards, die z.B. im Komitee "213 Eisenbahnwesen" bearbeitet werden, unterstützen die Umsetzung des "Green Deals" im Eisenbahnbereich.

Eine laufende Anpassung der technischen Vereinbarungen ist erforderlich, um den neuen gesellschaftlichen Ansprüchen und technischen Entwicklungen gerecht zu werden. Die Zusammenarbeit zwischen dem Europäischen Komitee für Normung (CEN), dem Europäischen Komitee für elektrotechnische Normung (CENELEC) und dem Europäischen Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI) in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission ist dabei von großer Bedeutung.

LEADERSNET: Frau Angelo, wo könnten wir in Europa besser abgestimmt sein? Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Angelo: Vor allem im Güterverkehr sind einheitliche Standards auf europäische Ebene relevant. Was meine ich damit: Um die Klimawende zu schaffen, müssen wir mehr Güter mit der umweltfreundlichen Bahn transportieren.

Die Schiene ist im Wettbewerb mit der Straße benachteiligt. Es fehlt ein einheitlicher Binnenmarkt. Ein LKW kann mit einer EU-Zulassung und einem EU-Führerschein vom Schwarzen Meer bis Rotterdam durchfahren. Ein Zug hat für diese Strecke verschiedene Sicherheitssysteme und technische Überprüfungen an den Grenzen zu überwinden. Das muss sich ändern.

www.austrian-standards.at

Zu den Personen

© feelimage, Felicitas Matern

Valerie Höllinger ist seit Jänner 2022 Managing Director von Austrian Standards und seit 2021 Mitglied der Geschäftsführung. Die Juristin, Managerin und Unternehmerin verantwortete als Geschäftsführerin des BFI Wien die Geschäftsbereiche der Privat- & Firmenkunden, geförderte Bildungsprojekte sowie Finanzen und – neben der digitalen Transformation – die Segmente Innovation & New Business, Data Science, Vertrieb, Marketing & PR, Customer Care & Quality. Die gebürtige Wienerin war in den Branchen IT, Telekommunikation, Getränkeindustrie und Erwachsenenbildung als Managerin tätig und langjährige stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Bundestheater-Häuser.

 

© Hauswirth

Silvio Angelo ist seit 2017 im Vorstand der ÖBB-Infrastruktur AG zuständig unter anderem für Finanzen, Personal, Immobilen. Vor ihrer Tätigkeit bei der ÖBB hat die Ökonomin die Wirtschaftspolitische Abteilung der Arbeiterkammer Wien geleitet und war für den Österreichischen Gewerkschaftsbund in Brüssel. Ihre berufliche Karriere hat sie im Bundesministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit begonnen. Ihr Studium hat sie bei der Wirtschaftsuniversität Wien (Studienrichtung Volkswirtschaft) abgeschlossen und sie hat eine Postgraduale Ausbildung (Colegio de México) absolviert.

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Valerie Höllinger ist seit Jänner 2022 Managing Director von Austrian Standards und seit 2021 Mitglied der Geschäftsführung. Die Juristin, Managerin und Unternehmerin verantwortete als Geschäftsführerin des BFI Wien die Geschäftsbereiche der Privat- & Firmenkunden, geförderte Bildungsprojekte sowie Finanzen und – neben der digitalen Transformation – die Segmente Innovation & New Business, Data Science, Vertrieb, Marketing & PR, Customer Care & Quality. Die gebürtige Wienerin war in den Branchen IT, Telekommunikation, Getränkeindustrie und Erwachsenenbildung als Managerin tätig und langjährige stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Bundestheater-Häuser.

 

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Silvio Angelo ist seit 2017 im Vorstand der ÖBB-Infrastruktur AG zuständig unter anderem für Finanzen, Personal, Immobilen. Vor ihrer Tätigkeit bei der ÖBB hat die Ökonomin die Wirtschaftspolitische Abteilung der Arbeiterkammer Wien geleitet und war für den Österreichischen Gewerkschaftsbund in Brüssel. Ihre berufliche Karriere hat sie im Bundesministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit begonnen. Ihr Studium hat sie bei der Wirtschaftsuniversität Wien (Studienrichtung Volkswirtschaft) abgeschlossen und sie hat eine Postgraduale Ausbildung (Colegio de México) absolviert.

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