"Man muss dem Innovativen Luft zum Wachsen und dem Traditionellen Raum zum Atmen geben"

Raumplanerin Margit Aufhauser-Pinz erklärt in der LEADERSNET-Interviewserie der Ingenieurbüros der Wirtschaftskammer NÖ, worin die Würze der Raumordnung liegt, warum Eigeninteressen in ihrem Tätigkeitsfeld keine Rolle spielen, wie man einen Betrieb langfristig in der Ortsgemeinschaft halten kann und wie wichtig gute Kontakte zu anderen Ingenieurbüros sind.


LEADERSNET: Ingenieure sind in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern hochqualifizierte Spezialisten. Was waren die Beweggründe, sich gerade der Raumplanung widmen zu wollen?

Aufhauser-Pinz: Die Entscheidung liegt mittlerweile Jahrzehnte zurück. In meiner Zeit in einem neusprachlichen Mädchengymnasium wurde mir vermittelt, wie vernetzt unsere Lebensumwelten sind. Es gibt abseits der Raumplanung kaum einen Tätigkeitsbereich, der Biologie, Geografie, Soziologie, Konstruktion, Mathematik, Design, Psychologie, Wirtschaft und Politik bei jedem kleinsten Prozess berücksichtigen muss.

LEADERSNET: "Wir haben für Ihr Problem die Lösung" lautet das Motto der Kommunaldialog Raumplanung GmbH. Was verstehen Sie darunter?

Aufhauser-Pinz: Die Bereitschaft sich in die Sichtweise und das Anliegen des Kunden zu versetzen, ist für uns der wichtigste Einstieg in ein Kundengespräch. Wir fragen uns: Was sind die Grundlagen für sein Anliegen und wo will der Kunde hin?. Unsere Kunden wollen meist Veränderungen und fühlen sich durch örtliche Rahmenbedingungen oft eingeschränkt. Erst wenn wir verstanden haben, was der Kunde will, definieren wir den einen Weg oder verschiedene Wegvarianten zu seinem Ziel.

Wegen unserer Haupttätigkeiten in der örtlichen Raumplanung (Flächenwidmungs-, Bebauungsplanung) für niederösterreichische Gemeinden können wir einerseits die verfahrensrechtlichen Projektanforderungen skizzieren, andererseits aber wesentliche Imputs zu Projektoptimierungen im Sinne von Gestaltung, ökologischen Verträglichkeiten, verkehrlichen Modifizierungen beisteuern. Dies geschieht meist in einer sehr frühen Phase der Projektplanung und Standortvalorisierung.

Sehr oft hilft es dem Kunden schon, ihn beim Kontakt mit den zuständigen Behörden zu unterstützen und seine Projektziele so darzustellen, dass die positiven Auswirkungen allgemein erkannt werden.    


© Kommunaldialog Raumplanung GmbH
 
LEADERSNET: Sie widmen sich aktuell unter anderem dem Themenbereich "Wohnen und Arbeiten". Können Sie uns ein aktuelles Projekt kurz vorstellen?

Aufhauser-Pinz: Aktuell begleiten wir einen Schmiede- und Schweißmeister, der in einer sehr kleinen Ortschaft aus einem "Garagenbetriebsstandort" ein zukunftsträchtiges attraktives, aber überschaubares Betriebsareal generieren will. Angedacht sind der Ausbau des bestehenden Standortes, der Ankauf eines aufgelassenen bebauten Areals sowie ein Neubau auf der sogenannten grünen Wiese.

Vor allem im wirklich ländlichen Siedlungsraum  von den 573 NÖ Gemeinde haben 330 weniger als 2.000 Einwohner  ist der Aspekt Wohnen und Arbeiten ein besonders wichtiger. Historisch betrachtet wurde in diesen Gemeinden immer schon gewohnt und gearbeitet. Wir kennen das hauptsächlich aus der agrarischen Tätigkeit. Nun gilt es, Lebens- und Arbeitsraum in diesen kleinen Einheiten zu verfestigen.

LEADERSNET: Wie gingen Sie bei der Planung vor?

Aufhauser-Pinz: Wir haben uns natürlich vor Ort mit dem Betriebseigentümer getroffen. Er hat seine Ideen im örtlichen Umfeld formuliert und wir haben uns seine Standortvarianten gemeinsam angesehen. Die klare Zielsetzung des Meisters ist, seinen Betrieb in einer überschaubaren MitarbeiterInnen- und Auftrags-Größe zu halten und sich nicht in hohe Investitionen stürzen zu wollen. Das sehen wir als eine klare Vorgabe für unsere Beratungsstrategie. Wir haben alle drei Standortvarianten in Bezug auf baurechtliche Rahmenbedingungen, verkehrliche Einbindung, verfahrensrechtliche Grundvoraussetzungen und damit verbundene mögliche Kosten analysiert.

Bei einem gemeinsamen Gespräch mit dem Bürgermeister und Vertretern der Gemeinde wurden die Bedürfnisse und Strategie der Gemeinde hinterfragt und die Projektideen samt Standortvarianten vorgestellt. Die Ergebnisse dieser Analysen stellten wir grafisch und tabellarisch gegenüber und leiteten daraus gemeinsam mit dem Betriebseigentümer ein Drei-Schritte-Programm ab.


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LEADERSNET: Welche Schritte sind dies?

Aufhauser-Pinz: Erstens der Ausbau und die Optimierung des bestehenden Standortes, zweitens der Ankauf und die Revitalisierung eines leerstehenden Objektes im direkten Nahbereich des bestehenden Standortes als Reservefläche und drittens der Ankauf einer unbebauten Fläche am Ortsrand und Errichtung eines neuen Betriebes. Letzteres ist aber die am wenigsten präferierte Option.

Für mich war das ein sehr zufriedenstellendes Beratungsergebnis, da nun ein vorhandener Standort weiter genutzt wird ohne neue Flächen zu versiegeln oder anders in Anspruch zu nehmen. Des Weiteren sieht sich der Betriebsinhaber bau- und raumordnungsrechtlich abgesichert. Die Gemeindevertreter wissen vom Vorhaben, haben die Grundlagen für die entsprechende baurechtliche Bewilligung erhalten und können einen örtlichen Betrieb samt Familie langfristig in der Ortsgemeinschaft halten.

LEADERSNET: Ist es nicht auch Ziel, alle Generationen zufrieden zu stellen?

Aufhauser-Pinz: Natürlich, grundsätzlich können Ortsgemeinschaften nur so funktionieren, dass alle Generationen zufrieden sind. Das bedeutet aber dem Innovativen Luft zum Wachsen und dem Traditionellen Raum zum Atmen zu geben.


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LEADERSNET: Können bereits in der Planungsphase potenzielle Auswirkungen des Projektvorhabens abgeschätzt werden?

Aufhauser-Pinz: Ja, ganz klar können wesentliche Auswirkungen des Projektvorhabens evaluiert werden. Hier finde ich es wichtig, dass die Auswirkungen auf den Betrieb, aber insbesondere auch auf das Umfeld bezogen, beurteilt werden. Um bereits im Vorhinein auch visuelle Auswirkungen abschätzen zu können, wird das Projekt detailliert dreidimensional dargestellt, um  so Sichtachsen im Landschafts- und Ortsraum zu spezifizieren. Auf diese Weise konnten im Einbezug der ansässigen Bevölkerung schon einige Zweifel und Befürchtungen ausgeräumt und manche Projektschritte optimiert werden.
 
LEADERSNET: Wo liegen dabei die Vorteile?

Aufhauser-Pinz: Meiner Meinung nach, bringen unsere Analysen klare Hinweise auf die Aktions- und Reaktionskette individuell für den Betrieb, aber auch allgemein für die Kommune und den Lebensraum. Es wird das Zusammenspiel der örtlichen Akteure dokumentiert, denn einer alleine kann betrieblich und gemeindesoziologisch nichts bewirken. Dieser Abstimmungsprozess ist die Würze der örtlichen Raumordnung, die ohne betriebliches Agieren unvollständig ist.  
 
LEADERSNET: Welche Techniken machen dies möglich?

Aufhauser-Pinz: Kommunikation, Zuhören und Verstehen-Wollen sind die wichtigsten Techniken des Herangehens. Wir nehmen im Beratungsprozess technische Instrumente zur Hilfe und setzen auf geografische Informationssysteme sowie Planungstools zu Orts-, Grünraum und Gebäudevisualisierung. Damit können wir unsere Ergebnisse in anschaulicher Weise den unterschiedlichen Entscheidungsträgern näherbringen.


Ansicht: Sichtachse von Wasser aus © Kommunaldialog Raumplanung GmbH
 
LEADERSNET: Sie beschäftigen sich auch maßgeblich mit den Herausforderungen bei Nutzungserweiterungen oder Neuansiedlungen von Betrieben. Wo liegt hier der Fokus?

Aufhauser-Pinz: Unser Fokus liegt hier zurzeit hauptsächlich im Aufzeigen der Bedeutung von Nachnutzung, Mehrfachnutzung und Nachverdichtung bestehender Standorte und damit im Optimieren von vorhandenen Potenzialen.  Hier gibt uns das Einbinden neuer Ideen in bestehende Rahmenbedingungen, wie etwa Verkehrserschließung und Nachbarschaften, komplexe Fragestellungen. Diese müssen aber gelöst werden, denn Bodenverbrauch und Neuversiegelung bei der Nutzung von unbebauten Flächen müssen bei Entwicklungsentscheidungen in den Hintergrund treten.
 
LEADERSNET: Verkehr, Naturschutz, Architektur: Wie läuft die Koordinierung mit anderen Fachrichtungen ab?

Aufhauser-Pinz: Diese Koordination ist sehr spannend und vielschichtig. In einem ersten Schritt formulieren wir die wesentlichen Projektparameter mit einer Außenwirkung und holen von den KollegInnen entsprechende Kurzstellungnahmen und Beurteilungen zu den erforderlichen Begleitmaßnahmen ein.

Erst in einem weitere Detailschritt kommt es zur Ausarbeitung von entsprechenden fachlichen Maßnahmenbündeln. Hier haben wir sehr gute Kontakte mit anderen Ingenieurbüros für Landschaftsplanung, Biologie, Kulturtechnik und Geologie. Unsere gemeinsame praxisbezogene und lösungsorientierte Denkweise schafft kurze Planungs- und Maßnahmenwege im Sinne der Betriebs- und Gemeindeberatungen.


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LEADERSNET: Wie skizzieren Sie die Zukunft der Raumplanung?

Aufhauser-Pinz: Die Raumplanung muss objektive Entscheidungsgrundlagen liefern, die einen lebbaren Interessensausgleich zwischen Natur- und Kulturraum, zwischen den Generationen, zwischen Fachdisziplinen, zwischen Bewahrern und Erneuerern sowie zwischen Landes- und Gemeindepolitik möglich machen. Hier stehen Nachnutzen und Verdichten von Bestandsobjekten ganz vorne auf der Prioritätenliste. Zulassen von Neuem unter Berücksichtigung traditionell gewachsener räumlicher Strukturen kann dynamische Lebensräume für Jung und Alt schaffen.
Eigeninteressen haben in der Raumplanung nichts verloren. Die Eigeninteressen, egal welcher Generation und auf Basis welchen Beweggrundes, dürfen nicht Inhalt raumplanerischer Entscheidungen sein. (jw)

www.kommunaldialog.at

"Der Ingenieur ein Durchblicker"

 



WKNÖ Fachgruppen-Obmann Ingenieurbüros, KommR. Ing. Helmut Pichl ist es wichtig, das Tätigkeitsspektrum der niederösterreichischen Ingenieurbüros  Interessenten und potentiellen Auftraggebern näher zu bringen.
Dazu werden die Leistungen von Referenz-Ingenieurbüros und deren Projekte vor den Vorhang gebeten.

Der NÖ Ingenieur verbindet die Natur des Landes Niederösterreich mit dem Wissen um die beste Technik mit seinem scharfen Durchblick, eben ein Durchblicker.

Fachgruppe Ingenieurbüros, Wirtschaftskammer Niederösterreich
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Tel.: 02742/851-19721
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