Studie der Uni Wien
Was Gänsehaut über die Gewinnchancen beim ESC verraten kann

Ein aktuelles Experiment der Universität Wien legt nahe, dass sich mögliche Erfolgschancen beim Eurovision Song Contest nicht nur an Wettquoten, sondern auch an körperlichen Reaktionen ablesen lassen könnten.

Mit der glamourösen Eröffnungsfeier am Wiener Rathausplatz, bei der die Delegationen aller teilnehmenden Länder am "Turquoise Carpet" willkommen geheißen wurden (LEADERSNET berichtete), ist Wien nun offiziell in die Eurovision-Song-Contest-Woche gestartet. Während die Wettquoten bereits seit Wochen Hinweise auf mögliche Favoriten liefern, zeigt ein Experiment der Universität Wien nun, dass auch unbewusste körperliche Reaktionen eine Rolle dabei spielen könnten, welche Songs beim Publikum besonders gut ankommen.

Gänsehaut als möglicher Erfolgsfaktor

Im Rahmen eines Experiments, das später als Studie publiziert werden soll, untersuchte ein Team rund um Musikwissenschaftler Christoph Reuter, wie Menschen auf aktuelle ESC-Beiträge reagieren. Dafür hörten 28 Versuchspersonen im März und April sechs ausgewählte Songs in zufälliger Reihenfolge: drei Beiträge, die seit Wochen in den Wettquoten weit vorn liegen (Finnland, Frankreich und Dänemark), sowie drei Songs, die es nicht unter die Top 25 geschafft hatten (Estland, Montenegro und Österreich).

Die meisten Teilnehmenden kannten die Stücke zuvor nicht. Während des Hörens bewerteten sie also, wie gut ihnen die Songs gefielen, und hielten fest, ob sie Gänsehaut oder einen Schauer verspürten. Parallel dazu wurde über Sensoren der Hautleitwert gemessen. Diese Methode kommt auch bei Lügendetektoren zum Einsatz und kann emotionale, körperliche Reaktionen – wie etwa vermehrtes Schwitzen – unmittelbar sichtbar machen. Andere Signale wie Herzschlag oder Atmung verändern sich bei musikalischen Erlebnissen zwar ebenfalls, reagieren aber zeitverzögert.

Favoriten lösten stärkere Reaktionen aus

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Favoritenbeiträge deutlich häufiger Gänsehautmomente auslösten als die Songs aus dem hinteren Feld der Wettquoten. Wie Reuter gegenüber dem ORF betont, sei genau dieser Effekt ein wichtiger Hinweis darauf, wie stark ein Song emotional wirkt. Bereits frühere Versuche im ESC-Kontext hätten gezeigt, dass Stücke, die bei seinen Testpersonen gut ankamen, später auch beim Bewerb erfolgreich abschnitten.

Dass die persönlichen Musikvorlieben der Teilnehmenden dabei offenbar nur eine geringe Rolle spielten, macht das Ergebnis zusätzlich interessant. Die Proband:innen gaben sehr unterschiedliche Präferenzen an, von Heavy Metal über Klassik bis hin zu ethnologischen Musikstilen, kamen bei der Bewertung der getesteten ESC-Songs aber dennoch zu ähnlichen Einschätzungen.

Entscheidend ist also offenbar nicht nur die Melodie, sondern vor allem die Dramaturgie eines Songs. Bei den favorisierten Beiträgen beginnen die Stücke häufig ruhiger und bauen sich dann klanglich auf. Dadurch entsteht Spannung, die an Übergängen zwischen Strophe, Refrain oder Bridge besonders stark wirken kann. Gänsehaut entsteht demnach vor allem dann, wenn musikalisch etwas Unerwartetes passiert, etwa durch einen plötzlichen Wechsel der Dynamik, der Instrumentierung, der Tonart oder der Melodieführung. Solche Momente können im Körper auch eine Ausschüttung des Glücksbotenstoffs Dopamin auslösen, wodurch Songs besonders positiv wahrgenommen werden.

Kein fixes Rezept für den ESC-Erfolg

Auch wenn solche musikalischen "Köder" die Chancen auf emotionale Reaktionen erhöhen können, lässt sich daraus laut den Expert:innen kein verlässliches Erfolgsrezept ableiten. Würden alle Songs nach demselben Schema funktionieren, ginge genau jener Überraschungseffekt verloren, der für Gänsehaut entscheidend ist.

Der Musikwissenschaftler Ralf von Appen von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien verweist zudem darauf, dass sich beim ESC zwar Trends beobachten lassen, diese aber meist aus den internationalen Charts übernommen werden. Häufig erreichen Einflüsse aus den US-Charts den Song Contest mit zeitlicher Verzögerung und werden dort mit landestypischen Elementen kombiniert – etwa durch Sprache, Instrumente oder musikalische Anleihen aus der jeweiligen Volksmusik.

Auffällig sei heuer außerdem die starke Dominanz von Moll-orientierten Songs: 30 Beiträge bewegen sich in diesem Klangbereich, nur fünf sind Dur-orientiert. Damit unterscheidet sich der ESC vom allgemeinen Poptrend. Warum das so ist, sei laut von Appen bislang noch nicht geklärt.

www.univie.ac.at

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