Thomas Müllauer im Interview
"Metallographie macht die innere Schönheit von Werkstoffen sichtbar"

| Redaktion 
| 25.05.2026

Thomas Müllauer ist Inhaber des Ingenieurbüros Thomas Müllauer – Ingenieurbüro für Werkstoffwissenschaften, mit Sitz in Gansbach, Niederösterreich. Sein Büro bietet unter anderem metallographische Gefügeuntersuchungen, Schadensanalysen, Schulungen in der Werkstoff- und Schweißtechnik sowie Beratungen zur Wärmebehandlung von metallischen Bauteilen an. Im Interview erklärt er, wie Werkstoffanalysen helfen, Materialverhalten besser zu verstehen und technische Entscheidungen fundierter zu treffen.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Müllauer, was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Arbeit – die Technik, das Regelwerk oder die Möglichkeit, Systeme effizienter zu machen?

Müllauer: Mich fasziniert vor allem die Kombination aus Technik und der Möglichkeit, Systeme kontinuierlich zu verbessern. Einerseits ist die technische Analyse – insbesondere bei der Schadensanalyse – sehr spannend, weil ich Ursachen strukturiert nachvollziehen und daraus konkrete Erkenntnisse ableiten kann. Andererseits bieten genau diese Erkenntnisse die Chance, zukünftige Projekte gezielt weiterzuentwickeln. Erfahrungen aus Gutachten fließen in neue Projekte ein, wodurch Risiken reduziert und Anwendungen effizienter gestaltet werden können. Davon profitieren nicht nur die Projekte selbst, sondern vor allem auch meine Kund:innen, weil sie langlebigere, wirtschaftlichere und sicherere Produkte realisieren können.

LEADERSNET: Ihr Büro ist spezialisiert auf Werkstofftechnik und Metallographie. Erklären Sie uns bitte ein wenig Ihren Tätigkeitsbereich bzw. was genau unter Metallographie zu verstehen ist. Welche Entwicklungen beobachten Sie in diesen Bereichen besonders genau?

Müllauer: Metallographie beschäftigt sich mit der Untersuchung des Gefügeaufbaus metallischer Werkstoffe. Dabei werden Werkstoffe vor allem mithilfe der Lichtmikroskopie analysiert. So lassen sich Gefügebestandteile, Korngrößen, Phasen oder Veränderungen durch Wärmebehandlungen darstellen und bewerten. Aus diesen Strukturen können wichtige Rückschlüsse auf Eigenschaften wie Festigkeit, Zähigkeit oder Verschleißverhalten gezogen werden.

In der Praxis kommt Metallographie vor allem in der Schadensanalyse, der Qualitätssicherung sowie in der Werkstoffentwicklung zum Einsatz. Gerade bei Schadensfällen hilft sie dabei, Ursachen wie Überlastung, ungeeignete Werkstoffzustände oder Materialfehler eindeutig zu identifizieren.

Besonders aufmerksam beobachte ich derzeit die Entwicklung hin zu immer leistungsfähigeren und spezialisierteren Werkstoffen. Mit diesen Hochleistungswerkstoffen steigen auch die Anforderungen an die Qualitätssicherung und an präzise Analysen – wodurch auch die Metallographie als wichtiges Werkzeug zur Bewertung der Werkstoffqualität zunehmend an Bedeutung gewinnt.

LEADERSNET: Wie können Ihre Leistungen dazu beitragen, Bauprojekte nachhaltiger und zukunftssicher zu gestalten?

Müllauer: Meine Leistungen tragen vor allem dazu bei, bestehende Bauwerke möglichst lange sicher nutzen zu können. Bei Gutachten zu älteren Bauwerken stellt sich häufig die Frage, ob der damals verwendete Werkstoff – beispielsweise Stahl aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert – für moderne Reparaturmethoden wie Schweißverfahren geeignet ist oder ob andere Sanierungskonzepte notwendig sind.

Durch gezielte Werkstoffuntersuchungen kann ich die Eigenschaften dieser oft mehr als 100 oder sogar 150 Jahre alten Werkstoffe genau bewerten und abschätzen, welche Reparatur- oder Verstärkungsmaßnahmen technisch sicher umsetzbar sind.

Dadurch erhalten Infrastrukturbetreiber eine verlässliche Entscheidungsgrundlage für die Instandhaltung ihrer Bauwerke. In vielen Fällen können bestehende Strukturen weiterhin genutzt und gezielt saniert werden, wodurch Ressourcen geschont werden und sich die Nutzungsdauer der Bauwerke deutlich verlängern lässt.

LEADERSNET: In welchen Bereichen ist Ihr Ingenieurbüro aktuell besonders gefragt – und wo steckt Ihrer Meinung nach noch ungenutztes Potenzial?

Müllauer: Aktuell bin ich besonders im Bereich der Schadensanalysen gefragt, vor allem in der Umform- und Schweißtechnik sowie bei der werkstofftechnischen Bewertung von Bauwerken. Dabei unterstütze ich Unternehmen und Infrastrukturbetreiber dabei, Schadensursachen zu identifizieren und daraus geeignete Maßnahmen für Reparatur, Optimierung oder zukünftige Projekte abzuleiten.

Ein großes Potenzial sehe ich außerdem im Bereich der Wissensvermittlung. Zukünftig möchte ich verstärkt Schulungen im Bereich der Metallographie anbieten, damit Kund:innen grundlegende Gefügeanalysen besser verstehen und Ergebnisse fundierter interpretieren können.

Wenn Kund:innen ein tieferes werkstofftechnisches Verständnis entwickeln, können Probleme oft schneller erkannt und gemeinsam effizientere Lösungen erarbeitet werden. Dadurch entsteht eine sehr konstruktive Zusammenarbeit, bei der das Know-how beider Seiten optimal zusammenfließt.

LEADERSNET: Mit welchen Tools oder Methoden unterstützen Sie Ihre Kund:innen bei der Umsetzung komplexer technischer Entscheidungen?

Müllauer: Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist das hauseigene Labor. Dadurch kann ich Untersuchungen schnell, unabhängig und zielgerichtet durchführen – beispielsweise metallographische Analysen oder werkstofftechnische Bewertungen. Die Ergebnisse liefern meinen Kund:innen eine fundierte Grundlage für technische Entscheidungen, etwa bei Schadensfällen oder bei der Bewertung von Reparaturmöglichkeiten.

Da ich die Metallographie nicht nur als Arbeit, sondern auch als Leidenschaft sehe, ist mir eine schnelle Bearbeitung besonders wichtig. Gerade bei dringenden Fragestellungen arbeite ich Proben und Analysen auch kurzfristig ab – wenn nötig auch in den Abend- oder Wochenendstunden. Diese Flexibilität ermöglicht es mir, meinen Kund:innen rasch belastbare Ergebnisse zu liefern, was insbesondere bei akuten Schadensfällen sehr geschätzt wird.

LEADERSNET: Welche Rolle spielen Digitalisierung und Automatisierung generell in Ihrer Branche – und wo liegt dabei die größte Gefahr?

Müllauer: Digitalisierung und Automatisierung spielen auch in meinem Bereich zunehmend eine Rolle. Einige Arbeitsschritte im Labor – beispielsweise das Trennen oder Aufbereiten von Proben – lassen sich bereits teilweise automatisieren, wodurch Abläufe effizienter werden und Zeit eingespart werden kann.

Bei der eigentlichen Auswertung der Ergebnisse bleibt jedoch die Erfahrung des Fachpersonals entscheidend. Die Interpretation von Gefügen und Werkstoffeigenschaften erfordert ein tiefes Verständnis der Zusammenhänge und viel praktische Erfahrung.

Eine mögliche Gefahr sehe ich darin, dass KI-Tools Informationen oft aus unterschiedlich zuverlässigen Quellen zusammenstellen. Für fachfremde Personen wirken diese Ergebnisse häufig plausibel, können aber im Detail in eine falsche Richtung führen. Deshalb bleibt die fachliche Bewertung durch erfahrene Expert:innen auch in Zukunft ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit.

LEADERSNET: Welche technologischen Entwicklungen beobachten Sie derzeit mit besonderem Interesse – und bei welchen glauben Sie, dass sie Ihre Branche in den nächsten Jahren grundlegend verändern könnten?

Müllauer: Eine technologische Entwicklung, die ich derzeit besonders aufmerksam verfolge, ist der zunehmende Einsatz von künstlicher Intelligenz. Sie bietet großes Potenzial, etwa bei der Auswertung von Daten oder der Unterstützung technischer Analysen. Gleichzeitig kann sie aber auch eine Herausforderung darstellen, weil sehr viele Informationen generiert werden, die nicht immer ausreichend verifiziert sind und sich dadurch unbemerkt in eine falsche Richtung entwickeln können.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der steigende Kostendruck in der Industrie. Gerade in Österreich wird es deshalb zunehmend entscheidend sein, sich auf hochwertige Produkte, technologische Kompetenz und spezialisierte Expertise zu konzentrieren.

Ich bin überzeugt, dass sich meine Branche in den kommenden Jahren besonders in Richtung hochqualitativer Lösungen und spezialisierter Fachkompetenz weiterentwickeln wird, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.

LEADERSNET: Ihr Unternehmen ist regional stark verankert. Wie gelingt es Ihnen, Nähe zur Kundschaft und technisches Know-how zu verbinden?

Müllauer: Die Nähe zu meinen Kund:innen entsteht vor allem durch den direkten und persönlichen Kontakt. Da es bei mir keine klassische Telefonanlage gibt, nehme ich Anrufe in der Regel selbst entgegen. Dadurch kann ich im Gespräch oft sehr schnell einschätzen, wie dringend ein Anliegen ist und welche Unterstützung benötigt wird.

Gerade bei größeren oder akuten Problemen stehe ich auch kurzfristig zur Verfügung – wenn nötig auch außerhalb der üblichen Geschäftszeiten. Diese direkte Erreichbarkeit und persönliche Betreuung werden von meinen Kund:innen sehr geschätzt und lässt sich sehr gut mit meinem technischen Know-how verbinden.

LEADERSNET: Können Sie ein aktuelles Projekt nennen, das sinnbildlich für Ihre Arbeitsweise und Ihr Innovationsverständnis steht?

Müllauer: Ein Beispiel dafür ist eine kürzlich durchgeführte Schadensanalyse an Maschinenkomponenten aus der Fertigung. Durch eine rasch durchgeführte werkstofftechnische Untersuchung konnte ich Fertigungseinflüsse identifizieren, die zu einer unerwünschten Riefenbildung an einer Innenkontur in den Bauteilen geführt haben.

In enger Abstimmung mit den Kund:innen wurden daraufhin innerhalb kurzer Zeit Optimierungsschleifen umgesetzt, sodass geeignete Abhilfemaßnahmen abgeleitet und die Fertigung entsprechend angepasst werden konnte.

Ein besonderes Merkmal meiner Arbeitsweise ist dabei die Geschwindigkeit: In diesem konkreten Fall wurde die Probe am Freitag angeliefert, die Analyse durchgeführt und der fertige Bericht bereits am Sonntagabend übermittelt. So konnten die notwendigen Maßnahmen sehr schnell in der Produktion umgesetzt werden.

LEADERSNET: Wie gelingt es Ihnen, innovative Lösungen mit gesetzlichen Vorgaben in Einklang zu bringen – ohne dabei an Dynamik zu verlieren?

Müllauer: In meinem Arbeitsbereich bilden Normen und Regelwerke häufig die Grundlage für technische Entscheidungen. Diese werden regelmäßig überarbeitet, um den aktuellen Stand der Technik widerzuspiegeln. Dadurch entsteht ein guter Rahmen, innerhalb dessen innovative Lösungen entwickelt und umgesetzt werden können.

Besonders wertvoll ist dabei die Möglichkeit, sich an Normentwürfen zu beteiligen und eigene Erfahrungen aus der Praxis einzubringen. Wenn unterschiedliche Fachleute ihre Perspektiven und Ideen einbringen, entsteht ein ausgewogenes Gesamtbild, das sowohl Innovation ermöglicht als auch die notwendigen technischen und sicherheitstechnischen Anforderungen berücksichtigt. 

LEADERSNET: Der Leitsatz "Ingenieurbüros: Motor für Innovation und Technik" – wo sehen Sie sich konkret in diesem Antriebssystem?

Müllauer: Unsere Welt und auch die Technik entwickeln sich ständig weiter. Mit meiner Arbeit sehe ich mich als Teil dieses Fortschritts, indem ich durch Werkstoffanalysen, Gutachten und technische Bewertungen dazu beitrage, bestehende Prozesse und Lösungen weiterzuentwickeln.

In der Zusammenarbeit mit meinen Kund:innen konnte ich bereits mehrfach dazu beitragen, Prozesse nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Dadurch verbessern sich nicht nur technische Abläufe, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

In diesem Sinne verstehe ich meine Rolle als Ingenieur darin, Innovationen mit fundiertem Fachwissen zu unterstützen und praktische Lösungen für reale technische Herausforderungen zu entwickeln.

LEADERSNET: Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektiven für junge Menschen in Ihrem Berufsfeld?

Müllauer: Ich sehe sehr gute Zukunftsperspektiven für junge Menschen in diesem Berufsfeld. Werkstoffe bilden die Grundlage für nahezu alle technischen Entwicklungen, und entsprechend groß ist auch der Bedarf an Fachwissen in diesem Bereich.

In meinen Kursen konnte ich bereits viele Teilnehmer:innen für die Welt der Werkstoffwissenschaften begeistern. Dabei sehe ich diese Nachwuchskräfte nicht als Konkurrenz, sondern als geschätzte Mitspieler am Spielfeld der Werkstofftechnik.

Je mehr qualifizierte Fachleute sich mit Werkstoffen beschäftigen, desto größer ist auch das gemeinsame Potenzial, technische Herausforderungen zu lösen und neue Entwicklungen voranzutreiben.

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LEADERSNET Portrait-Serie

Peter Weintögl © Andreas Kraus
Peter Weintögl © Andreas Kraus

"Ingenieurbüros: Motor für Innovation und Technik" – dieser Leitsatz ist weit mehr als ein Slogan. Er ist Antrieb und Anspruch zugleich. Unter Obmann DI (FH) Peter Weintögl stellt die Fachgruppe Ingenieurbüros in der Wirtschaftskammer Niederösterreich ihre Mitglieder als sichtbare Gestalter:innen von Zukunft, Nachhaltigkeit und Fortschritt ins Rampenlicht. 

Fachgruppe Ingenieurbüros, WKNÖ
Wirtschaftskammer-Platz 1, 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/851-19721
E-Mail: ing.bueros@wknoe.at
www.ingenieurbueros.at

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