Editorial des Herausgebers
Die falschen Schuldigen

| Wolfgang Zechner 
| 18.03.2026

Die Inflation scheint unter Kontrolle. Doch der Blick täuscht. Während der Handel weiter unter Beschuss steht, treiben vor allem Energie und Gastronomie die Preise. Und mit dem aktuellen Krieg in Nahost könnte die nächste Teuerungswelle bereits vor der Tür stehen.

Wenn über Inflation diskutiert wird, ist der Schuldige schnell gefunden. Der Lebensmittelhandel. Die großen Ketten kennt jeder, sie sind sichtbar, greifbar und damit ein ideales Ziel für Empörung. Doch wer sich die Realität ansieht, erkennt schnell: Die wahren Preistreiber sitzen oft ganz woanders.

Ein Blick in die Gastronomie reicht. Preise, die seit Jahren kontinuierlich steigen, ohne dass es dafür auch nur annähernd die gleiche öffentliche Kritik gibt wie im Handel. Das Schnitzel, das Bier, der Kaffee. Alles wird teurer, oft deutlich schneller als im Supermarktregal. Trotzdem bleibt die Empörung erstaunlich leise.

Noch interessanter wird es beim Thema Energie. Hier haben wir es in Österreich mit Strukturen zu tun, die man in anderen Branchen kaum für möglich halten würde. Landesenergiegesellschaften, die sich im Besitz der öffentlichen Hand befinden, teilweise miteinander verflochten sind und dennoch Preise gestalten, die massive Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben.

Man stelle sich vor, Spar wäre an Rewe beteiligt und umgekehrt. Die Aufregung wäre gewaltig. Die Bundeswettbewerbsbehörde würde auf den Plan treten, Medien würden wochenlang berichten. Im Energiesektor hingegen wird diese enge Verflechtung weitgehend achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Dabei sind es genau diese Energiepreise, die wie ein Brandbeschleuniger auf die Inflation wirken. Sie treiben Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette nach oben. Für den Handel und die Markenartikler bedeutet das steigende Logistik-, Kühl- und Betriebskosten. Für die Gastronomie höhere Fixkosten, die dann direkt an die Gäste weitergegeben werden.

Nun könnte man meinen, dass auch die Energiekonzerne nur ein weiteres unschuldiges Opfer in einer immer unübersichtlicheren Inflationsspirale sind.  Ich rufe in diesem Zusammenhang die deutsche Sprache in den Zeugenstand. Mit welcher Branche verbindet man den paradoxen Begriff "Übergewinne"? Richtig, mit der Energiebranche. 

Zuletzt war die Inflation zwar rückläufig. Doch mit dem Krieg im Iran und den steigenden Ölpreisen droht bereits die nächste Gegenbewegung. Erste Prognosen zeigen, dass Energiepreise die Teuerung wieder deutlich anziehen lassen könnten.

Und trotzdem bleibt der Supermarkt der Prügelknabe der Nation.

Was fehlt, ist ein ehrlicher Blick auf die Zusammenhänge. Inflation entsteht nicht im Regal allein. Sie ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Energie, Dienstleistungen, staatlichen Rahmenbedingungen und globalen Entwicklungen. Wer immer nur auf den Handel zeigt, macht es sich zu einfach.

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Debatte neu zu sortieren. Weniger Bauchgefühl, mehr Fakten. Vor allem braucht es mehr Bereitschaft, auch dort genauer hinzusehen, wo es unbequem wird.

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