Die Illusion der Annäherung
Warum der sinkende Gender Pay Gap die Einkommenskluft nicht schließt

Trotz einer spürbaren Aufholjagd in den letzten Jahrzehnten bleibt die lebenslange Einkommenskluft für Frauen bestehen – und droht sich aufgrund verfestigter Strukturen künftig nur noch im Schneckentempo zu schließen.

In Österreich zeichnet sich beim Blick auf die Gehaltszettel ein zwiespältiges Bild an. Zwar sinkt die geschlechtsspezifische Lohnlücke stetig und lag zuletzt laut Statistik Austria bei durchschnittlich 11,6 Prozent (LEADERSNET berichtete), doch diese Annäherung bei den Stundenlöhnen kaschiert eine tiefgreifende kumulierte Ungleichheit über den gesamten Lebenszyklus hinweg. 

Keine Gleichstellung im Jahr 2026

Obwohl Frauen in den vergangenen Jahrzehnten beim Lebenseinkommen zwar aufholten, bleibt ihr Gesamteinkommen aufgrund struktureller Barrieren massiv hinter dem der Männer zurück. Diese finanzielle Benachteiligung beginnt oft schleichend mit dem Eintritt in das Erwerbsleben und zeigt sich unter anderem darin, dass weibliche Lehrlinge weniger verdienen (LEADERSNET berichtete), manifestiert sich weiter durch den sogenannten Gender Care Cap (LEADERSNET berichtete), der die unbezahlte Sorgearbeit von Frauen benennt, und mündet schließlich in einer hohen Teilzeitquote. Diese Dynamik setzt einen Teufelskreis in Gang, der weit über das monatliche Gehalt hinausgeht. Denn ein geringeres Einkommen führt direkt zu einem Gender Spar Gap (LEADERSNET berichtete), da weniger finanzieller Spielraum für Vermögensaufbau und private Vorsorge bleibt. 

Wenn sich aktuelle Trends wie die mangelnde flächendeckende Kinderbetreuung und die traditionelle Rollenverteilung fortsetzen, ist zu befürchten, dass sich die bisherige Aufholjagd beim Einkommen künftig merklich verlangsamt. Das bittere Endergebnis dieser Kette ist ein Gender Pension Gap von rund 40 Prozent (LEADERSNET berichtete), der Frauen im Alter besonders verwundbar für Armut macht. 

Studie: "Closing the Gender Income Gap: From Paycheck to Pension"

Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März 2026 veröffentlichte Allianz Research nun eine neue Studie. Analysiert wurden 14 OECD-Länder sowie drei Generationen (Geburtenjahrgänge 1975, 2000 und 2025). Die zentrale Erkenntnis: Frauen holen zwar auf den ersten Blick beim Lebenseinkommen auf, dennoch bleibt ihr kumuliertes Einkommen über den gesamten Lebenszyklus deutlich unter jenem der Männer. Damit unterstreicht die Studie, was vorrangig Forscherinnen und Expertinnen seit Jahrzehnten versuchen, öffentlich zu thematisieren: hinter der Lohnfrage steckt ein strukturelles Problem. Setzt sich dieses fort, dürfte sich die Annäherung künftig wieder merklich verlangsamen.  

"Unsere Studie betrachtet das Lebenseinkommen ganzheitlich – von Erwerbseinkommen über Spar- und Kapitalerträge bis hin zu Pensionsansprüchen. Für Österreich beträgt die Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern über das gesamte Leben für den Jahrgang 2025 noch 19,4 %. Das ist eine klare Verbesserung gegenüber früheren Generationen, aber die Dynamik lässt nach", erklärt Ludovic Subran, Chief Investment Officer und Chefvolkswirt der Allianz.  

Sabine Stöger, Chief Financial Officer der Allianz Österreich, ergänzt: "Der Gender Pay Gap ist in den letzten Jahren zurückgegangen, doch wir sind noch lange nicht am Ziel. Dabei sind sowohl faire und angemessene Vergütung über alle Branchen als auch echte Chancengleichheit über das gesamte Berufsleben hinweg, bis hin zur Pension, entscheidend. Als Versicherungsunternehmen setzen wir uns dafür ein, Finanzbildung und Vorsorge zu stärken, damit Frauen Vermögen aufbauen und Pensionslücken nachhaltig schließen können."

1,24 Millionen Euro weniger 

In Österreich bleibt damit die finanzielle Benachteiligung von Frauen über die gesamte Lebensspanne hinweg ein massives Problem. Zwar sank die Lebenseinkommenslücke vom Jahrgang 1975 (31,4 %) auf 22,4 Prozent beim Jahrgang 2000, doch die Angleichung verliert deutlich an Schwung und verharrt für 2025 voraussichtlich bei hohen 19,4 Prozent. Frauen erzielen damit weiterhin systematisch geringere Erträge als Männer, wobei sich der Rückstand – wie bereits erwähnt – nur noch in minimalen Schritten verringert. "Für den Jahrgang 2000 bedeutet das: Eine heute 26-jährige Frau wird über ihr gesamtes Erwerbsleben hinweg im Durchschnitt rund 1,24 Millionen Euro weniger verdienen als ein gleichaltriger Mann – nominal und unter Berücksichtigung von Erwerbseinkommen, Kapitalerträgen und Pensionseinkünften", unterstreicht Subran.

Im internationalen Vergleich zählt Österreich damit zu den Schlusslichtern und liegt beim verbleibenden Einkommensabstand des Jahrgangs 2025 auf Rang elf von 14. Zum Vergleich: In Schweden können Frauen dieses Jahrgangs über das gesamte Erwerbsleben sogar ein leicht höheres Einkommen erzielen als Männer. 

Teilzeit als Hürde

Die Unterschiede im Lebenseinkommen entstehen dabei vor allem im Erwerbseinkommen. Der zentrale Faktor ist die ausgeprägte Teilzeitquote. In der Altersgruppe der 25-bis 49-Jährigen arbeiten 52 Prozent der Frauen in Teilzeit – nicht etwa, weil sie es nicht anders wollen, sondern weil sie Kinder oder Verwandte betreuen bzw. pflegen. Bei Männern sind es lediglich elf Prozent. Bei den 50- bis 59-Jährigen liegt der Anteil bei 50 Prozent versus acht Prozent. Gleichzeitig nähren sich aber die Erwerbsquoten weiter an: 74,2 Prozent bei Frauen und 82,1 Prozent bei Männern. Und trotzdem bleibt das durchschnittliche jährliche Arbeitseinkommen von Frauen aufgrund höherer Teilzeitquoten deutlich niedriger. So verdienen Frauen in Österreich 2026 insgesamt ganze 32,5 Prozent weniger als Männer. Bleiben die strukturellen Probleme bestehen, bleibt diese Lücke selbst im Jahr 2100 noch bei 17 Prozent. 

"Um die verbleibenden Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern zu schließen, sind Reformen in allen Phasen des Erwerbslebens erforderlich", sagt Katharina Utermöhl, Head of Thematic and Policy Research bei Allianz Research. "Wichtige Maßnahmen sind mehr bezahlbare Kinderbetreuung, der Abbau steuerlicher Nachteile für Zweitverdienende und bessere Bedingungen für Vollzeit- oder vollzeitnahe Arbeit. Gleichzeitig sollten Frauen stärker dabei unterstützt werden, an künftigen Produktivitätsgewinnen teilzuhaben – zum Beispiel, indem die 16-prozentige Lücke bei der Nutzung von KI im Arbeitsalltag geschlossen wird. Für den langfristigen Vermögensaufbau ist es außerdem wichtig, frühzeitig zu sparen und zu investieren, um vom Zinseszinseffekt zu profitieren. Eine bessere Finanzbildung kann die jährliche Rendite um bis zu 1,5 Prozentpunkte erhöhen."

Kein Wandel, keine Gleichstellung

Das bedeutet, die bloße Verringerung der Lohnschere bleibt lediglich ein Teilerfolg, wenn tiefgreifende strukturelle Reformen ausbleiben – etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Aufwertung von weiblich deklarierten Berufsfeldern. Das lebenslange finanzielle Minus von Frauen ist damit kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Diskriminierung. Dass die Schere trotz minimaler Korrekturen künftig so weit offen bleibt, entlarvt ein System, das weibliche Arbeit und Lebensentwürfe konsequent finanziell entwertet – von der Lohnarbeit über Kapitalerträge bis zur Altersarmut. Das bedeutet: gibt es keinen Wandel, gibt es keine Gleichstellung. Somit sind Politik und Gesellschaft gefragt und müssen aktiv handeln, damit Frauen finanziell nicht mehr benachteiligt und strukturell diskriminiert werden. 

www.allianz.at

www.allianceresearchinstitute.com

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