Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und der zunehmende Wettbewerb zwischen den großen Wirtschaftsräumen verändern die globalen Lieferketten nachhaltig. Welche Konsequenzen diese Entwicklung für Europa und den Wirtschaftsstandort Österreich hat, stand am Mittwochabend im Mittelpunkt eines hochkarätig besetzten Expertentalks des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Im Zentrum stand die Frage, wie Europa wirtschaftliche Abhängigkeiten verringern und gleichzeitig Resilienz sowie Wettbewerbsfähigkeit stärken kann.
Unter dem Titel "Economic Dependencies in a Fragmenting World: Resilience, Competitiveness and Europe's Strategic Choices" diskutierten Entscheidungsträger:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft darüber, wie Europa seine wirtschaftliche Resilienz stärken kann, ohne die Vorteile offener Märkte aufs Spiel zu setzen.
Europas Antwort auf eine fragmentierte Weltwirtschaft
Nach der Eröffnung durch Martin Kocher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, und Gabriel Felbermayr, Präsident des ASCII und Direktor des WIFO, lieferten Román Arjona, Chief Economist der Generaldirektion Binnenmarkt der Europäischen Kommission, sowie Agnes Kügler, Senior Economist am WIFO und Vorstandsmitglied des ASCII, Impulse zu den wirtschaftlichen Herausforderungen Europas und möglichen strategischen Handlungsoptionen.
Arjona zeichnete das Bild einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft, in der geopolitische Unsicherheiten, staatliche Industriepolitik und veränderte Handelsströme die Rahmenbedingungen für Unternehmen grundlegend verändern. Europa müsse deshalb seine wirtschaftliche Resilienz stärken, ohne sich von internationalen Märkten abzuschotten. Kügler wiederum betonte, dass Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit keine Gegensätze seien. Entscheidend sei nicht die Intensität wirtschaftspolitischer Maßnahmen, sondern deren konkrete Ausgestaltung. Industriepolitik könne Wettbewerb stärken, dürfe ihn jedoch nicht ersetzen.
Im anschließenden Panel diskutierten Martin Kocher, Román Arjona und Peter Klimek, Direktor des ASCII, über die Auswirkungen geopolitischer Spannungen, die wachsende Dominanz Chinas in strategischen Industrien sowie den Umgang Europas mit kritischen Lieferketten.
Das Fazit der Diskussion fiel eindeutig aus: Europa sollte auf ein gezieltes De-Risking statt auf ein vollständiges De-Coupling setzen. Kritische Abhängigkeiten müssten reduziert werden, gleichzeitig gelte es aber, die Vorteile offener Märkte und internationaler Wertschöpfungsketten zu erhalten. Auch Arjona sprach sich dafür aus, wirtschaftliche Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit nicht gegeneinander auszuspielen, sondern gemeinsam weiterzuentwickeln.
Analyse zeigt Europas Abhängigkeiten
Passend zur Veranstaltung präsentierte das ASCII aktuelle Zahlen zu den Lieferkettenrisiken in Europa. Demnach weisen 5,4 Prozent der untersuchten Produktkategorien ein direkt hohes Lieferkettenrisiko auf. Wesentlich gravierender seien jedoch die indirekten Auswirkungen: Rund 58 Prozent aller analysierten Produkte benötigen kritische Vorleistungen und können dadurch ebenfalls von Versorgungsengpässen betroffen sein.
Insgesamt importiert die Europäische Union jährlich Hochrisikoprodukte im Wert von rund 214 Milliarden Euro aus Drittstaaten. Österreich entfällt dabei auf ein Importvolumen von 9,8 Milliarden Euro beziehungsweise 4,8 Prozent aller Einfuhren. Besonders betroffen sind Chemikalien, Elektronik sowie strategische Rohstoffe, die für Schlüsselindustrien wie Automobilbau, Maschinenbau oder die Energie- und Klimawende unverzichtbar sind.
Ein weiterer Schwerpunkt war die starke Abhängigkeit von China. Bei zwölf der 17 strategischen Rohstoffe gilt die Versorgung Europas als gefährdet, bei acht sogar als stark gefährdet. China ist für Österreich bei acht dieser Rohstoffe der wichtigste Lieferant. Mehr als die Hälfte der österreichischen Exporte ist direkt oder indirekt auf diese kritischen Rohstoffe angewiesen.
Risiken frühzeitig erkennen
Große Chancen sehen die Expert:innen in modernen Analyseinstrumenten, mit denen sich Lieferketten und ihre Abhängigkeiten wesentlich genauer darstellen lassen als bisher. Mithilfe von Unternehmensdaten, Netzwerkanalysen und Methoden der Komplexitätsforschung könnten Risiken künftig frühzeitig erkannt werden, bevor sie sich zu wirtschaftlichen Krisen entwickeln.
Kügler verwies zudem auf neue Möglichkeiten der datenbasierten Analyse. Mithilfe von Unternehmensdaten und Netzwerkkarten könnten Lieferketten heute deutlich präziser abgebildet werden als noch vor wenigen Jahren. Dadurch würden strategische Zielkonflikte – etwa zwischen Kosten, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit – erstmals transparent und könnten fundierter bewertet werden.
In diesem Zusammenhang wurde auch die Arbeit des ASCII vorgestellt. Das Institut entwickelt unter anderem den Austrian Supply Chain Pressure Index (ASCPI), der wirtschaftliche Abhängigkeiten messbar macht und Unternehmen wie politischen Entscheidungsträger:innen eine fundierte Grundlage für strategische Entscheidungen bieten soll. Denn – so lautete eine zentrale Botschaft des Abends – nur was gemessen werde, könne letztlich auch wirksam gesteuert werden.
100 Entscheidungsträger:innen in der Nationalbank
Rund 100 Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und internationalen Organisationen nahmen am Expertentalk teil. Unter den Gästen befanden sich unter anderem Georg Konetzky (Sektionschef BMWET), Michael Stern (Referatsleiter BMWET), Christa Schlager (Leiterin der Abteilung Wirtschaftspolitik, AK Wien), Harald Stranzl (Abteilungsleiter, Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten), Thomas Starlinger (ehemaliger Verteidigungsminister Österreichs), Peter Umundum (Vorstandsmitglied, Österreichische Post) und Franz Staberhofer (Vizepräsident des ASCII und Obmann des Vereins Netzwerk Logistik).
Darüber hinaus waren zahlreiche renommierte Institutionen und Unternehmen vertreten, darunter die Universität Oxford, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Complexity Science Hub (CSH), das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), die Oesterreichische Nationalbank (OeNB), der Produktivitätsrat, die Universität Wien, die Wirtschaftsuniversität Wien, die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Joanneum Research, IES Vienna, das Kontext Institut für Klimafragen, United Nations Global Compact, ICEP, Schoellerbank Invest, Roche, A1, TGW Logistics, Starlinger, Alstom, Beiersdorf, Bloomberg sowie zahlreiche weitere Organisationen und Unternehmen.
Nach einer Publikumsdiskussion bot das anschließende Get-together Gelegenheit zum persönlichen Austausch, ehe ausgewählte Teilnehmer:innen den Abend bei einem exklusiven Speakers' Dinner ausklingen ließen.
LEADERSNET war vor Ort. Fotos des Expertendialogs sehen Sie in unserer Galerie.
www.oenb.at
www.ascii.ac.at
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