LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.
Nach dem Interview mit Frauenfußballverein FC Junitas-Mitgründerin Anna Ressmann in der vergangenen Woche geht es dieses Mal um die Rolle von Nachhaltigkeit im Sport. Zahlreiche Initiativen auf Verbands- und Clubebene zeigen ihre Relevanz. Doch Events wie die Fußball-WM in Kanada, Mexiko und den USA lassen an der Ernsthaftigkeit der Umsetzung zweifeln.
Text: Angelika Kramer
Eine Welle der Aufregung und Empörung traf Deutschland in diesem Frühjahr mit voller Wucht. Erstmals wurde mit Marie-Louise Eta eine Frau zur Cheftrainerin in einem deutschen Bundesligaverein – für Männer wohlgemerkt – bestellt. Die 34-Jährige sollte für Union Berlin die Kohlen aus dem Feuer holen und ja, sie schaffte den Klassenerhalt.
Für einige Fußballfans war ihre Ernennung ein No-Go, und sie ließen ihrem Missmut im Netz vollen Lauf. Auch der Ex-Nationalspieler Felix Magath konnte nicht umhin, seine Kritik anzubringen: Union Berlin reagiere mit dieser Bestellung fahrlässig, als U19-Trainerin sei Eta mit der Aufgabe überfordert. Szenenwechsel. Etwa zur selben Zeit wurde der ÖFB-Teamspieler Kevin Danso nach seinem etwas unglücklichen Einsatz für Tottenham Hotspur im Netz aufs Tiefste rassistisch beleidigt – ein Shitstorm der Sonderklasse. Ist der Fußball also in der Steinzeit stecken geblieben? Zählen wichtige Prinzipien wie Diversität, Nachhaltigkeit sowie Corporate- und Social Responsibilty, die längst in den Köpfen der Menschen und in den Chartas vieler Unternehmen verankert wurden, rund um das Fußballfeld gar nichts? Tatsächlich hat der beliebteste Sport der Welt noch immer den Ruf, vorwiegend männlich, laut und manchmal sogar schmutzig zu sein.
50–200 Mal mehr verdienen Fußballer als Fußballerinnen in derselben Liga. (Quelle: WU)
Bier trinkende Männer, die sich gerne raufen, ein Faible für Pyrotechnik haben und darüber hinaus die Umwelt mit ihren Zigarettenstummeln und Plastikbechern gerne verunreinigen. Dieses Bild hat sich im Laufe der Zeit in den Köpfen vieler Menschen fest eingebrannt. Dabei ist vor allem in den oberen Ligen in den letzten Jahren in dieser Hinsicht viel passiert. So gibt es sowohl bei der UEFA als auch der FIFA und bei allen größeren Clubs entsprechende Nachhaltigkeitsstrategien und Initiativen in den Bereichen Soziales und Diversität schießen regelrecht aus dem Boden.
Frauenfußball holt auf
"Fußball ist natürlich immer noch sehr männerdominiert, aber vor allem seit der WM 2022 gewinnt Frauenfußball an Bedeutung", konstatiert Jasmin Pal, Torfrau bei Austria Wien. Aussagen wie jene von Felix Magath oder auch jene von Mario Basler, ebenfalls ein deutscher Ex-Nationalspieler, der konstatierte, Fußball sei kein Sport für Frauen, kämen dennoch immer wieder vor, so Pal. "Daran gewöhnt man sich mit der Zeit, das ist leider nichts Außergewöhnliches."
Torsicher. Die 29-jährige Innsbruckerin Jasmin Pal steht seit 2021 für Österreich im Tor. © Daniel Shaked
Die erste offizielle FIFA-Frauen-WM fand erst 1991 statt und noch immer haben es Frauen schwer, im Fußball anerkannt zu werden. Vor allem bei der Bezahlung hinken Frauen ihren männlichen Kollegen weit hinterher. Etwa bei der EM 2024 erhielten männliche Sieger acht Millionen Euro an Preisgeld, während Frauen lediglich 1,75 bekamen. Nur wenige Frauen können wirklich vom Fußball leben, wie auch Pal bestätigt, die selbst nebenbei ihren Bachelor in Psychotherapie macht. Laut einer Umfrage der Sportgewerkschaft aus dem Jahr 2024 müssen Bundesligaspielerinnen sogar Geld aufwenden, um spielen zu können.
Frauenteams sind Pflicht
Brigitte Annerl, Präsidentin des TSV Hartberg und seit 2017 erste Frau an der Spitze eines österreichischen Bundesligavereins, kann dennoch sowohl hinsichtlich Diversität als auch Nachhaltigkeit, Fortschritte erkennen: "Es hat sich viel getan, wenn ich nur an Initiativen wie Fair Play des ÖFB oder die Anti-Rassismus-Kampagne der FIFA denke. Außerdem ist Nachhaltigkeit seit 2022 Teil der B-Lizenzierungskriterien." Sprich: Wenn ein Verein nicht gewisse Nachhaltigkeitsauflagen erfüllt, wird er in der Bundesliga abgestraft. In Österreich müssen Vereine, die in der Bundesliga spielen, seit heuer verpflichtend auch Frauenmannschaften haben.
»Fußball hat sich zu einer universellen Sprache entwickelt, die
jeder versteht. Fußball verbindet dort, wo Grenzen trennen.«
Brigitte Annerl, Präsidentin TSV Hartberg
Wer sich allerdings, wie etwa Hartberg, das nicht leisten kann, muss zumindest eine Kooperation mit einem Frauenteam vorweisen können. "Ich freue mich, dass wir seit Herbst eine eigene Mädchennachwuchsmannschaft haben", so Annerl.
Beim Thema Nachhaltigkeit ist bei dem steirischen Verein in den letzten Jahren auch einiges weitergegangen, berichtet die Vereinsvorsitzende, die letztes Jahr sogar einmal als ÖFB-Präsidentin gehandelt wurde: "Unser Vorteil ist, dass wir ein regionaler Verein mit regionalen Lösungen sind. Bei uns gibt es auch kurze Anreisewege. Wir beliefern zum Beispiel mit einem E-Lastenrad die Kantinenstände", erzählt Annerl.
Chefinnensache. Brigitte Annerl ist die erste Frau an der Spitze eines heimischen Bundesligavereins, des TSV Hartberg © Petra Nestelbacher
Dennoch: Mit Rapid, dem großen Konkurrenten aus Wien, kann der steirische Verein hinsichtlich Nachhaltigkeit nicht ganz mithalten. Denn dort gibt es mit Elisabeth Overbeeke seit 2024 eine eigene Nachhaltigkeits- und Diversitätsbeauftragte sowie eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie.
Die FIFA setzte erstmals für die Fußball-WM in Katar 2022 eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie auf – mit mutmaßlich energieeffizienteren Stadien, recycelten Uniformen für das Personal oder emissionsarmen Transportmitteln. Eine Strategie, die allerdings so manchen an deren Ernsthaftigkeit zweifeln ließ. Und so urteilte das Landgericht Berlin Ende 2025, angerufen von der deutschen Verbraucherzentrale, dass die FIFA zur Klimaneutralität irreführende Aussagen getätigt und Greenwashing betrieben hat. Deswegen hat die FIFA die im Sommer stattfindende WM erst gar nicht als "nachhaltig" beworben.
9 Millionen Tonnen an CO₂ werden während der Fußball-WM ausgestoßen.
Allein die Ausweitung von 32 auf 48 Teams und die Austragung in drei verschiedenen Ländern wird den CO₂-Ausstoß rekordverdächtig in die Höhe treiben. Umweltschutzorganisationen haben im Vorfeld schon von der schmutzigsten WM aller Zeiten gesprochen, mit einem errechneten CO₂-Ausstoß von neun Millionen Tonnen. Und das, obwohl dafür – anders als in Katar – keine neuen Stadien gebaut werden mussten und diese wie etwa das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Bild) höchsten Umweltstandards entsprechen. Der britische Sender BBC hat errechnet, dass ein englischer Fußballfan, der seine Mannschaft bis ins Finale begleiten möchte, mehr als 24.000 Kilometer fliegen muss und damit 3,5 Tonnen CO₂ produziert.
Aber diese WM gilt nicht bloß wegen der nachteiligen Auswirkungen auf die Umwelt als schmutzig, auch Menschenrechtsorganisationen schlagen im Vorfeld des Großereignisses Alarm. Human Rights Watch spricht wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht von einem "Sportswashing-Fest für die Regierung Trump" und warnt davor, dass sie zu einer Plattform gegen Menschen mit Migrationshintergrund und für Rassismus verkommen könnte. Auch Edeltraud Hanappi-Egger, Vizepräsidentin von Rapid Wien, und Rapid-Nachhaltigkeitsbeauftragte Elisabeth Overbeeke sehen die WM im Interview mit aehre sehr kritisch: "Ich bin mit der Politik der FIFA grundsätzlich nicht einverstanden. Da geht es nicht nur um Nachhaltigkeitsthemen, sondern auch um die Preispolitik und um die politische Instrumentalisierung des Fußballs", meint etwa Hanappi-Egger. Beide Frauen wollen deswegen auch der Fußball-WM fernbleiben.
Treuer Sponsor Coca-Cola
Jedenfalls mit dabei ist Coca-Cola, einer der Hauptsponsoren des Megaevents. Der Limonadenproduzent hält der WM bereits seit 1930 die Treue und soll sich das pro WM geschätzte 70 Millionen US-Dollar kosten lassen.
Vorbildarena. Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta gilt als besonders nachhaltig gebaut © Mercedes-Benz Stadium
Philipp Bodzenta, bei Coca-Cola Österreich verantwortlich für Public Affairs, aber auch für Nachhaltigkeitsthemen, ist ebenfalls nicht mit allem einverstanden, was die FIFA macht, aber: "Keine Sportart emotionalisiert so sehr wie Fußball. Und immerhin wird das Völkerverbindende hier in den Vordergrund gerückt."
Als Sponsor habe man aber auch kaum Einfluss auf Regeln und WM-Austragungsorte der FIFA, betont der Manager. Im Laufe der Jahre wurde aber auch Coca-Cola selbst Ziel der Kritik. Man warf dem US-Konzern wiederholt Sportswashing vor, sprich, er reinige sein gesundheitsschädliches Image mit jeder Menge Sponsoring. Sogar der Ausschluss des Getränkeherstellers von Großevents stand zur Debatte. Bodzenta sieht das gelassen und verweist auf das breite Sortiment, zu dem unter anderem auch Wasser zählt.
1,8 Milliarden US-Dollar nimmt die FIFA an Sponsorengeldern für die Fußball-WM 2026 ein.
Die positiven Effekte des Sportsponsorings gingen außerdem weit über Großereignisse wie die WM hinaus. So sponsert Coca-Cola in Österreich viele Events mit sozialem Schwerpunkt, etwa das "Wiener Inklusionsderby".
Das ganz große Potenzial ortet Bodzenta aber im Frauenfußball: "Hier sehe ich in den nächsten Jahren den größten Entwicklungsschub." Es bleibt zu hoffen, dass dieser auch in den Gehirnen mancher Fußballfans stattfindet. –
"Ich sehe Rapid als Vorreiter bei der Nachhaltigkeit"
Interview mit Elisabeth Overbeeke und Edeltraud Hanappi-Egger
Klubkultur. Edeltraud HanappiEgger (r.) als Vizepräsidentin und Elisabeth Overbeeke (l.) als Diversitätsmanagerin von Rapid Wien nehmen Diversitätsthemen sehr ernst © Lukas Ilgner
aehre: Frau Overbeeke, Sie sind bei Rapid seit fast zwei Jahren für Nachhaltigkeits- und Diversitätsthemen zuständig. Was genau ist in Sachen Nachhaltigkeit und Diversität seit Ihrem Antritt passiert?
Overbeeke: Wir haben all unseren Initiativen einmal einen Rahmen gegeben. Wir haben eine Nachhaltigkeitsstrategie auf die Beine gestellt, die ihrem Namen gerecht wird. Wir haben uns dabei für alle drei Bereiche (E-S-G) bis 2030 konkrete Ziele gesetzt.
aehre: Was sind die wichtigsten Schritte?
Overbeeke: Im ökologischen Bereich etwa wollen wir unseren CO₂-Fußabdruck erheblich reduzieren. Nur um ein Beispiel zu nennen: Wir haben unsere Flutlichtanlage komplett auf LED umgestellt und damit eine enorme Stromersparnis geschafft. Außerdem haben wir Teile der Rasenbeheizung ökologischer gestaltet und bei der Mülltrennung einiges getan. Wir haben unsere Flotte von 40 dieselbetriebenen Fahrzeugen auf knapp 20 E-Autos umgestellt. Bei der Diversität haben wir vor allem am Bewusstsein gearbeitet. Wir haben einen Leitfaden für inklusive Sprache verfasst und eine Tagung zum Thema Antidiskriminierung und Inklusion veranstaltet. Das soll zu einem jährlichen Jour fixe werden.
»Ich fände auch eine Cheftrainerin für Rapid einmal total spannend.« Elisabeth Overbeeke, Nachhaltigkeitsbeauftragte Rapid Wien
aehre: Wie wird Ihre Arbeit im Verein und auch bei den als schwierig geltenden Fans akzeptiert?
Overbeeke: Ich habe den Eindruck, dass der Großteil unserer Fangemeinde viel Verständnis für diese Themen zeigt.
aehre: Gibt es für Sie ein Vorbild in puncto Nachhaltigkeit?
Hanappi-Egger: Ich sehe uns als Vorreiter in Österreich. Rapid ist der einzige Verein in unserem Land, der so eine Stabstelle eingerichtet und eine echte Nachhaltigkeitsstrategie ausgearbeitet hat. Und wir waren der erste Verein, der zum Beispiel ein Special-Needs-Team auf-gebaut hat. Grundsätzlich gilt: Je professioneller Vereine aufgestellt sind, desto professioneller gehen Sie auch mit dem Thema Nachhaltigkeit um.
Overbeeke: Rapid nimmt sicher bei vielen ESG-Themen bereits heute eine Vorreiterrolle ein.
aehre: Es ist kein Geheimnis, dass Frauenfußball nicht profitabel ist. Braucht es Förderungen?
Hanappi-Egger: Wir haben neue Sponsoren für den Frauenfußball gewonnen, die wir für den regulären Betrieb nicht bekommen hätten. Und bestehende Sponsoren haben ihr Sponsoring erweitert, um die Frauen zu unterstützen. Es wurde also Extrageld damit eingenommen. Und auch die Auslastung bei den Spielen wird besser.
Overbeeke: Natürlich ist Frauenfußball wie auch der Nachwuchs aktuell ein Investment. Wir befinden uns in einer Phase des Investierens und des Aufbaus. Aber auf europäischem Level sind dann perspektivisch höhere Preisgelder möglich.
Hanappi-Egger: Es wäre gerade in dieser Aufbauphase schön, wenn wir von der Sportförderung profitieren könnten.
aehre: Waren Sie über die Reaktionen bei der Bestellung von Frau Eta zur Cheftrainerin von Union Berlin überrascht?
Hanappi-Egger, Overbeeke: Leider waren wir nicht überrascht.
Hanappi-Egger: Historisch gesehen ist der professionelle Fußball vor allem ein Männersport. Das traditionelle Rollenverständnis ist im Fußball eben schon noch sehr verhaftet. Daher kann es zu solchen Überreaktionen kommen.
Overbeeke: Ein Kulturwandel braucht seine Zeit. Solche Umgestaltungen sind enorm wichtig, um das System langfristig zu verändern. Ich fände auch eine Cheftrainerin für Rapid einmal total spannend. Aber dass da nicht jeder gleich dabei ist, war leider zu erwarten. Werden Sie sich Spiele der kommenden Fußball-WM vor Ort anschauen? Sie gilt ja als eine der am wenigsten nachhaltigen Weltmeisterschaften ever …
Hanappi-Egger: Nein, und zwar aus Protest nicht. Ich bin mit der Politik der FIFA grundsätzlich nicht einverstanden. Da geht es nicht nur um Nachhaltigkeitsthemen, sondern auch um die Preispolitik und um die politische Instrumentalisierung des Fußballs.
Overbeeke: Die Haltung der USA verdirbt, glaube ich, vielen die Lust und Laune am Fußball. Ich kann mir selbst gerade nicht vorstellen, in die USA zu reisen.
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.
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