Obwohl Georges Bizets mit "Carmen" (LEADERSNET berichtete) eine der berühmtesten Opern geschrieben hat, schaffte es sein frühes Meisterwerk "Les Pêcheurs de perles" ("Die Perlenfischer") aus dem Jahr 1863 noch nie auf den Spielplan der Wiener Staatsoper. Die letzte Premiere der laufenden Spielzeit, am 14. Mai 2026, war somit ein echtes historisches Ereignis.
Gespaltenes Publikum
Das Stück erzählt eigentlich eine romantische Liebesgeschichte aus dem fernen, alten Indien. Zwei Jugendfreunde – Zurga und Nadir – lieben dieselbe Frau, die Priesterin Leila. Um ihre Freundschaft nicht zu zerstören, schwören sie, auf sie zu verzichten. Doch als Leila unerwartet wieder auftaucht, geraten die Gefühle und die strengen Regeln der Gemeinschaft außer Kontrolle.
Regisseur Ersan Mondtag, der zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper arbeitete, holte die Geschichte mit viel Fantasie in die heutige Zeit. Statt im Indischen Ozean nach kostbaren Perlen zu tauchen, arbeiten die Menschen in seiner Version in einer modernen Textilfärberei. Sie stellen unter harten Bedingungen bunte Stoffe her, aus denen später teure Luxusbekleidung wird.
Das Bühnenbild zeigte demnach im ersten Teil eine lebendige Färber-Siedlung mit bunten Wasserbecken und einer riesigen Schaufensterpuppe in der Mitte. Im zweiten Teil verwandelte sich die Bühne in ein edles, marmornes Einkaufszentrum – mit Überraschungsmoment für das Publikum. Denn über die Lautsprecher war die Stimme von Staatsoperdirektor Bogdan Roščić zu hören, der wie in einer echten Shopping-Mall die Schließung des Centers ankündigte. Aus den Göttern des Tempels wurden in dieser Inszenierung wiederum bekannte Modemarken. Dieser moderne Blick auf unsere Konsumwelt und die Frage, woher unsere Kleidung kommt, gefiel jedoch nicht jeder Person im Saal und sorgte für einige lautstarke Proteste.
Musikalische und schauspielerische Bestleistung
Musikalisch war der Abend ein Genuss für alle Opernfans. Der italienische Dirigent Daniele Rustioni, der ebenfalls sein Debüt am Haus gab, leitete das Staatsopernorchester mit viel Gefühl und Leichtigkeit. So ließ er berühmte, verträumte Melodien regelrecht erblühen und die Klänge wechselten weich zwischen Harfenklängen und Holzbläsern. Gleichzeitig brachte er gemeinsam mit dem stimmgewaltigen Staatsopernchor Schwung und dramatische Energie in die Massenszenen – ganz zur Begeisterung des Publikums.
Nicht minder gut kam auch das Zusammenspiel der vier Hauptdarsteller:innen auf der Bühne. Der weltberühmte Startenor Juan Diego Flórez spielte überzeugend den treuen, romantischen Liebhaber Nadir. Seine schwierige Romanze sang er mit gewohnter Leichtigkeit und edler Stimme. Bariton Ludovic Tézier spielte wiederum Fabrikleiter Zurga und lieferte eine packende Leistung ab.
Besonders im weltberühmten Freundschaftsduett mit Flórez harmonierte er perfekt, zeigte im Verlauf des Abends aber auch großen schauspielerischen Einsatz und enorme stimmliche Kraft. Als gefeierte Mode-Ikone Leila zeigte die Sopranistin Kristina Mkhitaryan viel Gefühl und eine große schauspielerische Präsenz, wobei sie das Publikum vor allem in den dramatischen Momenten, in denen sie um ihr Leben kämpft, zutiefst berührte. Der Bass Ivo Stanchev vervollständigte das Team als strenger Aufseher Nourabad mit seinem tiefen, kräftigen Fundament.
Großer Applaus und Gesprächsstoff zum Finale
Am Ende des Abends gab es viel Applaus und großen Jubel für die musikalische Leistung und die Sänger:innen. Das Regieteam musste zwar auch einige unzufriedene Buhrufe einstecken, doch genau das macht einen spannenden Opernabend aus, der nicht nur schön klingt, sondern das Publikum auch zum Nachdenken und Diskutieren anregt.
Einen Eindruck von der Premiere können Sie sich mittels Galerie verschaffen.
www.wiener-staatsoper.at
Kommentar veröffentlichen