KEYaccount: Fairtrade Österreich hat im Vorjahr ein Umsatzplus von 12,7 Prozent auf 796 Millionen Euro erzielt. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Treiber dieses Wachstums?
Hartwig Kirner: Besonders stark entwickelt haben sich im Vorjahr die Fairtrade-Bananen mit plus 6,9 Prozent bei der Menge, dazu Kakaobohnen mit plus 3,7 Prozent und Rosen mit plus 11,3 Prozent. Dazu kamen natürlich auch gewisse Preiserhöhungen, die sich auf die Umsätze ausgewirkt haben.
KEYaccount: Gerade bei Bananen ist das bemerkenswert. Sie liegen bereits bei 36 Prozent Marktanteil in Österreich und wachsen trotzdem weiter.
Kirner: Das Wachstum kam tatsächlich über die Menge. Das ist schon bemerkenswert auf diesem Niveau. Ein wichtiger Faktor ist sicher die Qualität in den Anbauländern. Dazu kommt die Aktionsfrequenz im Handel. Entscheidend war auch, dass sich die Konsument:innen an höhere Preise gewöhnt haben. Vor einigen Jahren wurde erstmals die Zwei-Euro-Schwelle überschritten. Das war psychologisch eine harte Grenze. Mittlerweile ist die Preisakzeptanz deutlich höher.
KEYaccount: Österreich zählt mittlerweile zu den Top-3-Fairtrade-Ländern weltweit. Warum funktioniert fairer Handel hierzulande besonders gut?
Kirner: Wichtig ist der Pro-Kopf-Umsatz, nicht die absoluten Zahlen. Fairtrade hat in Österreich relativ früh begonnen und auch der Handel hat das Thema früh mitgetragen. Das hat einen Vorsprung geschaffen. Gleichzeitig ist Nachhaltigkeit den Menschen in Österreich nach wie vor wichtig, sowohl sozial als auch ökologisch. Das sieht man auch daran, dass Bio zuletzt wieder Rekordwerte erreicht hat.
KEYaccount: Auffällig ist der hohe Bioanteil bei vielen Fairtrade-Produkten, etwa bei Bananen oder Reis. Verschmelzen Bio und fairer Handel zunehmend?
Kirner: So würde ich das nicht sehen. Eher im Gegenteil. Wir hatten früher teilweise sogar höhere Bioanteile im Gesamtportfolio. Bei Schokolade liegt der Bioanteil derzeit beispielsweise nur mehr bei sechs Prozent. Das liegt aber nicht daran, dass Bio zurückgeht, sondern daran, dass konventionelle Fairtrade-Schokolade stark gewachsen ist. Fairtrade und Bio sprechen zwar oft ähnliche Zielgruppen an, sind aber nicht automatisch dasselbe.
KEYaccount: Beim Kaffee gab es 2025 hingegen einen Rückgang. Was waren die Gründe?
Kirner: Der größte Effekt war, dass Tchibo im Konsumentenbereich auf ein eigenes Nachhaltigkeitsprogramm umgestellt hat. Das war einer der großen Player im Fairtrade-Kaffeesegment. Im Außer-Haus-Markt arbeiten sie weiterhin mit Fairtrade-Produkten, aber im Supermarktbereich wurde umgestellt. Das war der Hauptgrund für den Rückgang. Die anderen Partner haben sich überwiegend positiv entwickelt.
KEYaccount: Sehen Sie weiterhin Wachstumspotenzial?
Kirner: Absolut. Gerade bei Bananen und Schokolade sehe ich noch Potenzial. Die Schweiz liegt bei Fairtrade-Bananen bereits bei über 50 Prozent Marktanteil. Österreich hat also noch Luft nach oben. Immer wenn wir glauben, wir holen die Schweiz ein, sind sie schon wieder weiter vorne. Das zeigt aber auch, dass der Markt noch längst nicht ausgeschöpft ist.
KEYaccount: Viele Konsument:innen achten wieder stärker auf den Preis. Wird fairer Konsum dadurch schwieriger?
Kirner: Natürlich spielt der Preis eine Rolle. Das merkt man schon an der gestiegenen Aktionsfrequenz im Handel. Gleichzeitig glaube ich aber, dass Fairtrade heute wichtiger ist als jemals zuvor. Wenn Bäuerinnen und Bauern nicht genug verdienen, können sie nicht in ihre Farmen investieren. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel brauchen wir resilientere Landwirtschaft. Dafür braucht es vernünftige Preise.
KEYaccount: Trotzdem haben Sie keinen Rückgang gesehen?
Kirner: Nein. Vielleicht hat sich das Wachstum etwas abgeschwächt, aber die Menschen halten Fairtrade die Treue. Das sehen wir sehr klar.
KEYaccount: Insgesamt flossen durch Fairtrade-Produkte in Österreich knapp 90 Millionen US-Dollar direkt an Produzentenorganisationen. Wie konkret verbessert das die Lebensrealität der Menschen vor Ort?
Kirner: Wir haben zuletzt wieder eine Einkommensstudie bei Kakaobauern in Westafrika durchgeführt. 2017 lagen nur 23 Prozent der Fairtrade-Bauern nahe oder über der existenzsichernden Einkommensschwelle. 2025 waren es bereits 74 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil jener, die unter absoluter Armut leben, von 58 auf 17 Prozent. Das sind massive Verbesserungen.
KEYaccount: Sie sprechen sich auch klar für strengere Regeln gegen Greenwashing aus.
Kirner: Ja, weil dadurch Schmähaussagen künftig nicht mehr so leicht möglich sein werden. Unternehmen brauchen in Zukunft externe Zertifizierungen für Nachhaltigkeitsaussagen. Ich halte das grundsätzlich für sinnvoll. Wie kommen jene Unternehmen dazu, die sich wirklich bemühen, während andere mit fragwürdigen Aussagen mitfahren? Wichtig wäre nur, dass die Politik die Umsetzung endlich rasch auf den Weg bringt.
KEYaccount: Wenn Sie auf mehr als 30 Jahre Fairtrade Österreich zurückblicken: Gab es einen entscheidenden Wendepunkt?
Kirner: Ein ganz wichtiger Schritt war sicher die Fairtrade-Banane. Sie ist ein typisches Frequenzprodukt und dadurch extrem sichtbar. Menschen kaufen Bananen oft mehrmals pro Woche. Dadurch wurde Fairtrade im Alltag präsent. Ein weiterer Gamechanger war eine TV-Kampagne rund um 2006 oder 2007, die wir damals mit Förderungen finanzieren konnten. Das hat der Bekanntheit noch einmal einen enormen Schub gegeben.
www.fairtrade.net
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