Fotos der Top Speakers Lounge
Crypto-Messenger-Experte sieht eigene Telefonnummer als Sicherheitsrisiko

| Redaktion 
| 07.05.2026

US-Clouds, globale Plattformen und KI-Systeme außerhalb europäischer Kontrolle stellen Unternehmen und Nutzer:innen zunehmend vor Herausforderungen. Bei der HKSÖL "Top Speakers Lounge“ diskutierten Expert:innen über die Frage, wie Europa unabhängiger von internationalen Tech-Konzernen werden kann.

Mit der zunehmenden Digitalisierung wächst auch die Abhängigkeit europäischer Unternehmen von außereuropäischen Technologien. US-amerikanische Cloud-Infrastrukturen, Kommunikationsplattformen und KI-Anwendungen bestimmen vielerorts den digitalen Alltag. Welche Risiken daraus entstehen und wie digitale Souveränität gestärkt werden kann, stand im Mittelpunkt der "Top Speakers Lounge" der Handelskammer Schweiz-Österreich-Liechtenstein (HKSÖL) bei PwC Österreich in Wien. 

Nach der Begrüßung durch Senior Partner und CEO von PwC Österreich Rudolf Krickl HKSÖL-Präsident Alexander Riklin diskutierten Threema-CTO Danilo Bargen, Rechtsanwalt Johann Weidlinger von PwC Legal sowie WU-Wien-Professorin Verena Dorner unter der Moderation von Susanne Bickel (Die Presse) über Europas digitale Abhängigkeiten.

Digitale Souveränität reicht über Verschlüsselung hinaus

In seiner Keynote zum Thema "Signalgate und BigTech-Abhängigkeit" sprach Danilo Bargen über die Bedeutung unabhängiger digitaler Infrastruktur. Entscheidend sei nicht nur die Verschlüsselung von Kommunikation, sondern auch die Kontrolle über Systeme, Server und Metadaten.

Der Post-Quanten-Krypto-Messenger-Dienst Threema setze dabei auf eine eigene Server-Infrastruktur in der Schweiz und verzichte bewusst auf die Speicherung von Metadaten. Laut Bargen sei dies ein wesentlicher Schritt, um Unternehmen und Behörden mehr Kontrolle über sensible Informationen zu ermöglichen.

"Erst die Kombination aus lückenloser Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Transparenz durch Open Source schafft das notwendige Vertrauen, um digitale Souveränität in einer zunehmend vernetzten Welt nachhaltig zu sichern", sagt Bargen.

Telefonnummer als unterschätztes Risiko 

Im Verlauf der Diskussion rückte im Speziellen die Rolle von Metadaten in den Fokus. Dabei wurde vor allem die eigene Telefonnummer als potenzielle Schwachstelle thematisiert.

Bargen verwies auf die weitreichende Bedeutung solcher Daten und zitierte den ehemaligen CIA- und NSA-Direktor Michael Hayden mit den Worten: "We kill people based on metadata".

Aus Sicht des Threema-CTO werde die Tragweite oft unterschätzt: "An der Telefonnummer hängt viel: Wenn Sie sich bei WhatsApp anmelden, greift die App auf alle Kontakte zu. Wer sich mit Prepaid Nummern bewegt, ist ebenfalls nicht anonym. Digitale Souveränität muss im Alltag gelebt werden. Als Organisation sollte man sich immer die Frage stellen: Wer hat die Kontrolle? Als Gesellschaft muss man das Thema sichtbar machen. Und als Privatperson muss man es bewusst leben. Wenn das Netz ausfällt, ist es zu spät."

Juristische Herausforderungen 

Johann Weidlinger verwies auf die rechtlichen Schwierigkeiten, die sich aus der Nutzung internationaler Cloud-Anbieter ergeben. Europäische Unternehmen müssten zwar Datenschutzvorgaben wie die DSGVO erfüllen, gleichzeitig würden Daten häufig in die USA übertragen.

"Wir haben uns wirtschaftlich sehr stark auf Anbieter aus Übersee verlassen. Diese Infrastruktur ist an sich gut, doch sie führt zu Problemen. Wenn ich souverän Entscheidungen treffen möchte, wo meine Daten liegen, bin ich normalerweise auf Augenhöhe mit meinen Vertragspartnern. Hier ist es anders. Ich muss – unter anderem – meiner DSGVO Pflicht als Unternehmen gerecht werden. Dennoch werden diese Daten in die USA gesendet. US Behörden können nicht nur darauf zugreifen, über sogenannte 'Gag Order' kann sogar angeordnet werden, dass der Besitzer der Daten gar nicht bemerkt, dass darauf zugegriffen wurde", erklärte Weidlinger.

Als Orientierung verwies er zudem auf das "EU Cloud Sovereignty Framework", das verschiedene Kriterien zur Bewertung digitaler Abhängigkeiten definiert.

Forderung nach europäischer Förderung

Für Verena Dorner braucht es zusätzlich wirtschaftspolitische Maßnahmen, um digitale Souveränität in Europa zu stärken. Ihrer Ansicht nach seien europäische Lösungen oft kostenintensiver und daher im Wettbewerb benachteiligt.

"Wenn man als EU Souveränität erreichen möchte, muss man sich alles bis zur Hardware ansehen. Ich finde, es sollte hier eine Subventionspolitik für Unternehmen geben, die Souveränität unterstützt. Viele Lösungen sind teurer – daher macht das bisher niemand. Ich glaube auch, dass wir in fünf Jahren europäische Lösungen haben können, die denen der USA gleichkommen. Sie werden aber stärker in Richtung Data Protection gedacht."

Gleichzeitig verwies Dorner darauf, dass regulatorische Vorgaben auch den Innovationsdruck auf internationale Anbieter verändern würden.

Offene KI-Modelle als möglicher Weg

Im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz diskutierten die Teilnehmer:innen auch Alternativen zu großen US-Technologiekonzernen. Bargen verwies dabei auf offene KI-Modelle aus China, die lokal betrieben werden können.

"Die Chines:innen öffnen ihre Modelle. Heute kann man am Laptop im Flugzeug komplett lokal ohne Internet Dinge machen, für die man vor sechs Monaten noch ein Rechenzentrum benötigt hätte. Das bedeutet nicht, dass chinesische Firmen besser sind. Ich vertraue den Chines:innen genauso wenig. Positiv ist, dass deren KI-Modelle in vielen Fällen offen sind und man sie souverän betreiben kann. Problematisch ist, dass man die Trainingsdaten dieser KI-Modelle nicht kennt", sagte Bargen.

Auch Weidlinger betonte, dass nicht allein die Nutzung internationaler Anbieter entscheidend sei, sondern die konkrete Ausgestaltung der Prozesse. Laut dem Experten haben sich Unternehmer:innen nicht damit beschäftigt, wie man ausländische Cloudanbieter nutzt. "Wenn ich zwar nicht wechseln kann, aber bestimmen kann, ob ich meine Daten verschlüsseln kann, dann kann ich mir helfen. Die Frage ist, ob diese Prozesse funktionieren. Souverän zu sein, aber nicht wirtschaftlich, ist nicht sinnvoll", so Weidlinger abschließend.

Einen Eindruck von der Veranstaltung können Sie sich hier machen. 

www.hk-schweiz.at

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