Eine aktuelle Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) sieht für Österreichs Industrie substanzielle Chancen im globalen Wettbewerb um Elektroantriebe. Grundlage sei insbesondere ein spezialisierter Branchenmix sowie der gezielte Ausbau technologischer Kompetenzen.
Im Kontext der Industriestrategie 2035, die eine Stärkung der heimischen Industrie und Investitionen in Schlüsseltechnologien vorsieht (LEADERSNET berichtete), analysiert die Untersuchung die Potenziale entlang globaler Wertschöpfungsketten. Dafür wurden Daten von mehr als 60.000 Unternehmen sowie internationale Handelsströme ausgewertet (siehe Infobox).
Spezialisierungen als entscheidender Wettbewerbsfaktor
Während bei Verbrennungsmotoren mechanische Kompetenzen dominieren, verschiebt sich der Fokus bei E-Antrieben auf Batterien, Software und fortschrittliche Werkstoffe. Laut Studie sind insbesondere Kompetenzen in Elektronik, Maschinenbau und Advanced Materials ausschlaggebend.
Länder mit entsprechenden Spezialisierungen hätten eine um 52 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, Wettbewerbsvorteile zu entwickeln und sich als Technologiestandorte zu etablieren.
Europa im globalen Wettbewerb unter Druck
Im internationalen Vergleich dominiert China sowohl als Produzent als auch als Zulieferer. Weitere Länder wie Südkorea, die USA, Kanada, Japan und das Vereinigte Königreich verfügen ebenfalls über hohe Entwicklungspotenziale.
Europa könne jedoch auf bestehende industrielle Stärken aufbauen. Vor allem traditionelle Industrien wie Fahrzeugtechnik, Aluminiumverarbeitung und Spezialgummierzeugung bieten laut Berechnungen bis zu fünfmal mehr Potenzial für neue Spezialisierungen entlang der Wertschöpfungskette.
Klaus Friesenbichler, stellvertretender Direktor des ASCII, betont: "Europa kann im globalen Wettbewerb um die Elektroantriebe bestehen, wenn es seine bestehenden industriellen Stärken gezielt als Hebel nutzt und neue Nischen besetzt." Es sollte daher verstärkt in Bereiche mit hohem Spezialisierungspotenzial investiert werden.
Österreich mit Chancen in Kreislauftechnologien
Für Österreich identifiziert die Studie speziell in der Batterie-Wertschöpfungskette Entwicklungsmöglichkeiten. Die industrielle Basis in Maschinenbau, Elektronik sowie Metall- und Werkstoffkompetenz könne als "Sprungbrett" in neue Felder dienen. Großes Potenzial sehen die Autor:innen in Second-Life-Anwendungen, Batterierecycling sowie Material- und Kreislauftechnologien. Gleichzeitig bestehe weiterhin eine starke Importabhängigkeit bei Batteriezellen und Permanentmagneten.
Studienautor und ASCII-Direktor Peter Klimek erklärt, Österreich könne auch ohne eigene Fahrzeugproduktion eine zentrale Rolle als spezialisierter Zuliefer- und Technologiestandort einnehmen. Die Chancen lägen insbesondere in Batterie-Kreislauflösungen sowie in der Übertragung bestehender industrieller Stärken auf neue Anwendungsfelder.
Markus Gerschberger, stellvertretender Direktor des ASCII und Professor am Logistikum der FH OÖ, ergänzt, bislang hätten sich noch keine tragfähigen Geschäftsmodelle und regulatorischen Rahmenbedingungen für funktionierende Kreislauflösungen etabliert. Daraus ergebe sich jedoch die Möglichkeit, einen neuen Industriezweig aufzubauen und zusätzliche Wertschöpfung im Inland zu sichern.
Industriepolitik als zentraler Hebel
Die Studienautor:innen sehen drei wesentliche Ansatzpunkte: den gezielten Ausbau von Brückenindustrien, die Reduktion strategischer Abhängigkeiten sowie die Förderung von Kompetenzaufbau durch Investitions- und Kooperationsprogramme.
"Wenn wir jetzt gezielt die richtigen Industrien in Richtung E-Antrieben vernetzen und stärken, entstehen neue Exportchancen", betont Klimek abschließend. Andernfalls drohe eine Abwanderung von Wertschöpfung nach Asien und Nordamerika.
www.ascii.ac.at
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