LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Mertin, Sie haben Physik an der RWTH Aachen studiert und am Fraunhofer-Institut für Lasertechnik promoviert. Wie stark prägt dieses wissenschaftliche Denken heute noch Ihre Entscheidungen als CEO eines globalen Technologieunternehmens wie AT&S?
Michael Mertin: Wissenschaftliches Denken ist für mich eine Grundhaltung, die sich durch mein Physikstudium und meine Forschungsarbeit entwickelt hat. Ich habe gelernt, Experimente zu entwickeln, komplexe Probleme systematisch zu analysieren, Entscheidungen auf Daten zu stützen und stets offen für neue Erkenntnisse zu bleiben. Als Physiker lernt man, sich selbständig mit einem Thema zu widmen und Lösungen zu finden. Diese Denkweise hilft mir als CEO täglich bei der Analyse und Entscheidungsfindung nicht nur bei technologischen Fragestellungen, sondern weit in die Themen wie Finanzen und Geschäftsmodelle hinein. Und freilich ist es mir wichtig, eine Unternehmenskultur zu fördern, in der Innovation wichtig ist.
LEADERSNET: AT&S profitiert massiv vom KI- und Rechenzentren-Boom – die Nachfrage nach High-End-IC-Substraten für GPU- und AI-Chips explodiert förmlich. Gleichzeitig investieren Sie rund zwei Milliarden Euro in Malaysia, während Halbleitermärkte für ihre Zyklen berüchtigt sind. Wie bewerten Sie diese Wette auf die Zukunft – und welche Risiken sehen Sie in einer möglichen Überhitzung des AI-Segments?
Mertin: Aus aktuellen Gesprächen mit unseren Topkunden aus dem Silicon Valley weiß ich, dass wesentliche zukunftsorientierte Geschäftsmodelle hinter Rechenzentren stehen, Geschäftsmodelle, die wir unsere Welt verändern und weiterentwickeln werden. Ich gehe davon aus, dass die heutigen großen Investitionen der Anfang einer technologischen Revolution sind, denn die Künstliche Intelligenz hat sich von einem visionären Konzept zu einer Schlüsseltechnologie entwickelt, die nahezu alle Branchen durchdringt. Der globale KI-Markt soll von 244 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 bis 2030 auf über 826 Milliarden US-Dollar wachsen. Dieses Wachstum wird maßgeblich durch die Nachfrage nach leistungsfähiger Infrastruktur und Hardware getrieben – ein Bereich, in dem Substrat-Hersteller wie AT&S eine zentrale Rolle spielen. Daher war die Entscheidung, einen Standort in Malaysia zu errichten, richtig.
LEADERSNET: Mit Ihrer Promotion bringen Sie eine außergewöhnliche technische Tiefe mit. Wie wichtig ist Ihnen als CEO dieses eigene Verständnis der Produktionsprozesse – und wo ziehen Sie bewusst die Grenze zwischen technischer Detailkenntnis und strategischer Führung?
Mertin: Führung endet dort, wo Zusammenhänge nicht mehr verstehen und durchdrungen werden. Leider sehen wir genau das in der Politik allzu oft. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch zwischen übertriebener Detailversessenheit und Micromanagement auf der einen und dem echten Verstehen von Technologie sowie ihrer Übersetzung in kundenorientierte Geschäftsmodelle auf der anderen Seite.
LEADERSNET: Diese Balance zwischen Technologie und Führung haben Sie über Jahrzehnte verfeinert. Bei Carl Zeiss, Jenoptik, Leica oder CeramTec – Ihr beruflicher Weg führt konsequent durch Hochtechnologie, Präzision und deutsche Industriekultur. Wenn Sie diese Stationen wie Kapitel eines Buches betrachten: Welches Kapitel hat Sie als Führungspersönlichkeit am stärksten verändert – und warum?
Mertin: Sicherlich haben mich meine Lehrjahre als Manager in verschiedenen Funktionen bei Zeiss geprägt. Ebenso entscheidend war die langjährige Führungsaufgabe an der Spitze von Jenoptik, einer börsennotierten AG, die sich aus einer geschäftlich wie finanziell schwierigen Situation zu einem weltweit geachteten Global Player entwickelt hat. Erfolgsphasen sind wichtig, aber genauso wertvoll sind Rückschläge. Denn nur aus beiden, also aus Höhen wie Tiefen, lernt man wirklich und schafft die Grundlage, um Neues zu gestalten.
LEADERSNET: Aus Höhen und Tiefen lernen, Neues gestalten – das erinnert an einen Ihrer berühmten Landsleute. Der Ökonom Joseph Schumpeter sprach von der "schöpferischen Zerstörung" als Motor des Fortschritts. Wo sehen Sie aktuell bei AT&S die größten Chancen für einen echten technologischen Sprung – und wo lauert die Gefahr, sich zu lange auf Bewährtes zu verlassen?
Mertin: Schumpeters "schöpferische Zerstörung" bezeichnet ja den Prozess, bei dem neue Technologien oder Geschäftsmodelle bestehende Strukturen disruptiv verdrängen und damit wirtschaftlichen Fortschritt auslösen. Wäre das anders, würden sich wesentliche Veränderungen vorhersagen und im Voraus planen lassen. Der richtige Zugang ist, das eigene Umfeld aufmerksam zu beobachten, die Signale frühzeitig wahrzunehmen, "das Gras wachsen hören", wie man so sagt und bei Innovationen auch bereits sein, Risiken einzugehen. Dazu gehört aber auch der Mut, Fehlentwicklungen und Fehleinschätzungen offen anzusprechen, zu ihnen zu stehen und sie konsequent zu korrigieren.
LEADERSNET: In Interviews betonen viele Topmanager:innen heute Resilienz und Anpassungsfähigkeit. Welche Veränderungen erwarten Sie für AT&S in den kommenden fünf Jahren, die heute noch unterschätzt werden?
Mertin: Resilienz und Anpassungsfähigkeit sind im Kern reaktive und passive Eigenschaften. In vielen Bereichen kommt es jedoch auf Geschwindigkeit an. Vor allem darauf, zwei oder drei Schritte vorauszudenken und den Weg dorthin aktiv zu gestalten, statt sich mit kleinen Schritten zu begnügen. Überzeugt bin ich, dass die Optik einen wesentlichen Einzug in die Welt der Mikroelektronik halten und zahlreiche neue Anwendungen möglich machen wird. Oft kommt es darauf an, das Richtige zu tun, und nicht im Detail alles richtig zu machen.
LEADERSNET: Sie haben sowohl technologiegetriebene Konzerne als auch Private-Equity-nahe Strukturen kennengelernt. Was können Industrieunternehmen von der Denkweise von Investor:innen lernen – und wo endet diese Logik aus Ihrer Sicht bewusst?
Mertin: Industrieunternehmen können viel von der Denkweise professioneller Investoren lernen, ich sehe da keinen Widerspruch. Denn ein gesundes wirtschaftliches Ökosystem und stabile Marktstrukturen brauchen beides: einerseits fokussierte private Investoren, die gezielt Unternehmen und Märkte entwickeln und dadurch Werte schaffen und andererseits große internationale Konzerne, die zumeist in der Hand vieler Aktionäre und die in der Lage sind, Investitionen auch langfristig zu treiben. Bestes Beispiel sind die, wie bereits vorhin erwähnt, milliardenschweren Investitionen in KI. Oder denken Sie an die großen Unternehmen im Pharma- und Healthcare-Bereich, in der die Forschung zu besserer Gesundheit langfristig vorangetrieben wird.
LEADERSNET: Langfristige Perspektive, nachhaltige Wertschöpfung – das sind Ihre Leitplanken. Sie haben in Ihrer Karriere Technologieunternehmen geführt, transformiert und beraten. Was möchten Sie bei AT&S in den nächsten Jahren konkret erreichen, und woran möchten Sie persönlich gemessen werden, wenn Sie eines Tages auf Ihre Zeit als CEO zurückblicken?
Mertin: Ich möchte AT&S als ein international angesehenes, kundenrenommiertes und weltweit als wesentlicher High-Tech-Player anerkanntes Unternehmen weiterentwickeln. Mein Ziel ist, ein globales Unternehmen mit solidem Fundament und langfristiger Zukunftsperspektive eines Tages in bestmöglichem Zustand zu übergeben.
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