Die vorzeitige Neuausschreibung der Spitzenposition am Küniglberg wurde durch den überraschenden Rücktritt von Roland Weißmann, der mittlerweile Strafanzeige eingebracht hat (LEADERSNET berichtete), notwendig. In der Zwischenzeit hat Ingrid Thurnher das Ruder interimistisch übernommen, führt das Haus durch die aktuelle Übergangsphase und kündigte an, für Stabilität sowie vollständige Transparenz sorgen zu wollen (LEADERSNET berichtete). Seit dem 20. März 2026 ist die Suche nach einer Interims-Lösung bis Ende des Jahres nun offiziell eröffnet – sowohl intern als auch über das digitale Amtsblatt des Bundes.
Ein Sprint bis zur Entscheidung
Der Zeitplan, den Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer vorgibt, ist ambitioniert: Potenzielle Kandidat:innen haben lediglich bis zum 17. April Zeit, ihre Bewerbungsunterlagen einzureichen. Bereits am 23. April soll die entscheidende Sitzung des Stiftungsrats stattfinden, in der die Wahl fällt. Die Bestellung erfolgt zunächst nur für die laufende Funktionsperiode bis Ende des Jahres 2026.
Zwischen Management-Expertise und Werthaltung
Wer den ORF bis Ende 2026 führen will, muss mehr vorweisen als nur ein diplomatisches Händchen. Denn die Ausschreibung fordert eine "für die Aufgaben relevante Vorbildung" oder eine mindestens fünfjährige einschlägige Berufserfahrung. Besonders im Fokus steht dabei die Fähigkeit, ein komplexes Medienhaus durch den digitalen Wandel zu steuern.
Zudem verlangt der Stiftungsrat von den Bewerber:innen ein detailliertes Konzept für den ORF als öffentlich-rechtliches Medienunternehmen. Zu den Kernanforderungen gehören:
- Strategische Weitsicht: Gefragt ist eine ausgeprägte Kompetenz für Change-Management und die Weiterentwicklung der Unternehmenskultur.
- Marktkenntnis: Vertiefte Einblicke in den nationalen wie internationalen Medienmarkt werden als essenziell vorausgesetzt.
- Wirtschaftliche Versiertheit: Neben juristischem Know-how stehen fundierte betriebswirtschaftliche Kenntnisse ganz oben auf der Liste.
Dotierung und Glaubwürdigkeit
Ein wesentlicher Aspekt der Neubesetzung ist die künftige Vertragsgestaltung. Laut Ausschreibung werde die Entscheidung darüber unter Berücksichtigung eines internationalen Vergleichs getroffen. Einen Anhaltspunkt für die Dotierung liefert der Transparenzbericht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für das Jahr 2024. Hier wurden für den damaligen Generaldirektor Roland Weißmann Bezüge in der Höhe von 427.500 Euro ausgewiesen (LEADERSNET berichtete).
In einer Zeit, in der die Unabhängigkeit des Senders unter permanenter Beobachtung steht, möchte der Stiftungsrat die Messlatte für die persönliche Integrität hochlegen. Die Funktion verlange "Vertrauenswürdigkeit, Unbescholtenheit und ein Verhalten, das die Glaubwürdigkeit eines öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens sicherstellt".
Hürden im Auswahlprozess
Interessent:innen, die es bis zum Hearing schaffen, müssten zudem ihre "subjektive Einstellung" darlegen. Erwartet werde eine "starke Überzeugung für ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen" sowie eine klare Identifikation mit Werten wie Objektivität und Meinungsvielfalt. Laut Lederer solle bei der Auswahl jedoch stets die fachliche Eignung an erster Stelle stehen.
Ein:e Bewerber:in wird nur dann zur Wahl zugelassen, wenn er:sie von einem Mitglied des Stiftungsrats offiziell für das Hearing nominiert wird. Während Bewerbungen von Frauen explizit erwünscht sind, geht es für den ORF bei dieser Personalentscheidung um viel – immerhin gilt es, Marktanteile von deutlich über 30 Prozent zu verteidigen und das Vertrauen des Publikums nachhaltig zu festigen bzw. zurückzugewinnen.
Thurnher gilt als Interims-Favoritin
Branchenexpert:innen rechnen damit, dass sich Ingrid Thurnher für den Interims-Posten offiziell bewerben wird. Für viele gilt sie auch als Favoritin. Mit wie vielen Gegenkandidat:innen sie es zu tun haben wird, zeigt sich bereits am 17. April nach Ende der Bewerbungsphase.
Ob sich Thurnher auch für die offizielle Funktionsperiode, die ab Anfang 2027 startet, bewerben wird, wollte sie bisher nicht verraten. Wer nächste:r "echte:r" Generaldirektor:in wird, entscheidet sich jedenfalls Mitte August bei der ORF-Wahl.
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