LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Weis, Comgest positioniert sich seit Jahrzehnten als langfristig orientierter Quality-Growth-Investor. Wie stellen Sie als CIO und Portfoliomanager sicher, dass dieser Fokus auch in einem zunehmend kurzfristig geprägten Marktumfeld konsequent beibehalten wird?
Franz Weis: Unser Investmentansatz, Qualitätswachstum, ist bewusst so konzipiert, dass er unabhängig von kurzfristigen Markttrends funktioniert. Seit der Gründung von Comgest investieren wir ausschließlich in Unternehmen mit strukturellem Wachstum, starken Wettbewerbsvorteilen und hoher Ertragsvisibilität. Diese Prinzipien haben sich über viele Marktzyklen hinweg bewährt.
Ein wichtiger Bestandteil dieses Ansatzes ist auch unsere partnerschaftliche Struktur. Comgest ist eine unabhängige Investmentboutique mit breiter Mitarbeiterbeteiligung – viele Kolleg:innen denken daher langfristig wie Eigentümer:innen.
Meine Aufgabe sehe ich auch darin, diese Disziplin im Investmentprozess zu bewahren. Märkte reagieren heute schneller auf Informationen, und einzelne Themen können zeitweise stark in den Vordergrund rücken. Entscheidend bleibt für uns jedoch, ob ein Unternehmen langfristig stabile Gewinne erwirtschaften und seine Marktposition ausbauen kann. Wenn diese fundamentalen Voraussetzungen stimmen, verlieren kurzfristige Marktbewegungen an Bedeutung.
LEADERSNET: Viele Investor:innen reagieren heute stark auf kurzfristige Nachrichten, Trends und Marktbewegungen. Was unterscheidet den Investmentprozess bei Comgest konkret von dieser kurzfristigen Logik und wie gelingt es Comgest, sich bewusst vom "Marktrauschen" abzugrenzen und Investmententscheidungen weiterhin strikt an Fundamentaldaten auszurichten?
Weis: Die größte Veränderung an den Kapitalmärkten ist heute weniger der Zugang zu Informationen als deren Geschwindigkeit und Menge. Nachrichten und Narrative verbreiten sich in Echtzeit und werden schnell in Marktbewegungen übersetzt.
Diese Entwicklung hat auch das Anlageverhalten verändert: Die durchschnittliche Haltedauer von Aktien ist von rund acht Jahren in den 1960er-Jahren auf heute weniger als sechs Monate gesunken1.
Unser Ansatz ist bewusst anders. Wir konzentrieren uns auf eine tiefgehende, unternehmensspezifische Analyse und treffen Investmententscheidungen auf Basis intensiver Diskussionen zwischen Analyst:innen und Portfoliomanager:innen. Diese Arbeitsweise hilft uns, zwischen kurzfristigem Marktrauschen und strukturellen Entwicklungen zu unterscheiden. Nicht jede Information erfordert eine unmittelbare Reaktion.
LEADERSNET: Die zunehmende Marktkonzentration in großen Indizes stellt viele aktive Manager:innen vor Herausforderungen. Wie geht Comgest mit diesem Konzentrationsrisiko um, und wo sehen Sie aktuell Chancen abseits der überlaufenen Marktsegmente?
Weis: Die starke Marktkonzentration der letzten Jahre ist teilweise eine Folge von Kapitalströmen und Marktmechanik – insbesondere durch passive Strategien, die Kapital automatisch in bereits stark gewichtete Titel lenken. Gleichzeitig haben wir zuletzt eine ausgeprägte Rotation in Value-Sektoren erlebt, von der etwa Banken oder Verteidigungsunternehmen stark profitiert haben.
Für uns ist entscheidend, dass diese Entwicklungen nichts mit den Fundamentaldaten vieler Qualitätsunternehmen in unserem Portfolio zu tun hatten. In vielen Fällen hat sich die Kursentwicklung deutlich von der Gewinnentwicklung entkoppelt.
Gerade daraus ergeben sich aktuell Chancen. Viele Quality-Growth-Unternehmen mit strukturellem Wachstum, starken Wettbewerbsvorteilen und stabilen Cashflows werden derzeit zu historisch attraktiven Bewertungen gehandelt. Für langfristig orientierte Investor:innen können solche Phasen interessante Einstiegsmöglichkeiten darstellen. Oder, wie es die "Financial Times" kürzlich formulierte: "The best time to buy quality stocks is now"2.
LEADERSNET: Künstliche Intelligenz ist derzeit ein dominierendes Thema an den Kapitalmärkten. Wie stellt Comgest sicher, dass man nicht einem Hype folgt, sondern tatsächlich die langfristigen Gewinner dieser Entwicklung identifiziert?
Weis: Künstliche Intelligenz ist zweifellos ein bedeutender technologischer Fortschritt. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Marktphase, wie schnell sich Aufmerksamkeit an den Kapitalmärkten auf einzelne Themen konzentrieren kann.
Wir betrachten KI deshalb nicht als eigenständiges Anlagethema, sondern analysieren sehr genau, wo sie tatsächlich nachhaltigen wirtschaftlichen Mehrwert schafft. Dabei interessieren uns vor allem Unternehmen, die entweder zentrale Infrastruktur für diese Technologie bereitstellen oder KI gezielt einsetzen, um ihre bestehenden Geschäftsmodelle effizienter und produktiver zu machen.
Relevant sind dabei beispielsweise Geschäftsmodelle, die auf hochwertigen Daten, tief in Kundenprozesse eingebetteten Softwarelösungen oder Plattformstrukturen mit hohen Wechselkosten beruhen. In solchen Bereichen kann KI bestehende Stärken weiter verstärken.
LEADERSNET: Comgest investiert bevorzugt in Unternehmen mit widerstandsfähigen Wettbewerbsvorteilen und klarer Ertragskraft. Welche Merkmale sind für Sie und Ihr Team entscheidend, um solche "Quality Growth"-Unternehmen weltweit zu identifizieren?
Weis: Im Zentrum unseres Ansatzes steht die Überzeugung, dass langfristig vor allem Gewinnwachstum die Entwicklung von Aktienkursen bestimmt.
Wir suchen daher weltweit nach Unternehmen mit klaren strukturellen Wettbewerbsvorteilen – etwa hohen Markteintrittsbarrieren, Preissetzungsmacht, starken Cashflows und soliden Bilanzen.
Oft sind diese Unternehmen tief in die Wertschöpfungsprozesse ihrer Kund:innen integriert oder verfügen über schwer replizierbare Stärken wie Marken, Technologie oder proprietäre Daten. Entscheidend ist für uns letztlich eine zentrale Frage: Kann ein Unternehmen über viele Jahre hinweg nachhaltiges Gewinnwachstum erzielen? Wenn wir diese Frage nach intensiver fundamentaler Analyse im Team überzeugend bejahen können, kann ein Unternehmen Teil unseres konzentrierten Portfolios werden.
LEADERSNET: Sie betonen bei Comgest auch die Bedeutung von Unternehmenskultur, Neugier und offener Diskussion im Investmentprozess. Inwiefern ist diese Kultur ein strategischer Vorteil, um auch in volatilen Zeiten langfristig Mehrwert für Anleger:innen zu schaffen?
Weis: Für uns ist unsere Unternehmenskultur kein weicher Faktor, sondern ein wichtiger Bestandteil unserer Identität.
Comgest ist seit jeher als Partnerschaft aufgebaut und bis heute zu 100 Prozent im Besitz von Mitarbeiter:innen und Gründer:innen. Diese Struktur fördert langfristiges Denken, persönliche Verantwortung und die Bereitschaft, auch unbequeme Positionen im Sinne unserer Anleger:innen zu vertreten.
Im Investmentprozess zeigt sich das sehr konkret: Bei uns wird offen diskutiert, Widerspruch ist ausdrücklich erwünscht, und jede Investmentidee wird im Team intensiv hinterfragt. Diese Kultur hilft uns gerade in volatilen Marktphasen, nicht reflexhaft auf das nächste Schlagwort zu reagieren, sondern die Ruhe zu bewahren und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Hinzu kommt, dass wir Unternehmen oft über viele Jahre begleiten. Diese Kontinuität schafft ein tieferes Verständnis für Geschäftsmodelle, Managementqualität und Unternehmenskultur.
LEADERSNET: Wie schauen die Pläne von Comgest für 2026 und die (noch) weitere Zukunft aus?
Weis: Auch in Zukunft wird es für uns darum gehen, die strukturellen Gewinner:innen von morgen frühzeitig zu identifizieren. Technologische Entwicklungen, neue Geschäftsmodelle oder Veränderungen in globalen Wertschöpfungsketten eröffnen immer wieder neue Chancen – und genau dort setzen wir mit unserer Analyse an.
Gleichzeitig hinterfragen wir kontinuierlich, ob die Gewinner:innen von gestern sich auch künftig behaupten können. Unser Anlageuniversum ist bewusst breit angelegt: Wir analysieren Unternehmen sektorübergreifend und weltweit danach, ob sie über nachhaltige Wettbewerbsvorteile und langfristiges Gewinnwachstum verfügen.
Unser Ziel bleibt dabei unverändert: Anleger:innen Zugang zu Unternehmen zu bieten, die über viele Jahre hinweg strukturellen Wert schaffen können.
LEADERSNET: Was kann der Chief Investment Officer und Portfoliomanager Weis von der Privatperson Weis lernen?
Weis: Die Privatperson erinnert mich immer wieder daran, wie wichtig Neugier und Offenheit sind. Gute Investmentideen entstehen selten ausschließlich am Schreibtisch, sondern häufig durch das Interesse an neuen Technologien, Geschäftsmodellen oder Veränderungen im Alltag.
Dieses offene Denken ist auch im Investmentprozess sehr wertvoll. Wer bereit ist, zuzuhören, Fragen zu stellen und Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, erkennt oft früh Trends, die später auch an den Kapitalmärkten an Bedeutung gewinnen. Neugier und die Bereitschaft, eigene Annahmen immer wieder zu hinterfragen, sind daher aus meiner Sicht zentrale Eigenschaften eines:r guten Investor:in.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.comgest.com
[1] NYSE
[2] Financial Times: The best time to buy quality stocks is now
Kommentar veröffentlichen