Erhebliche ökonomische Impulse
Machtwechsel im Iran könnte heimische Wirtschaft ankurbeln

Der eskalierende Nahost-Konflikt sorgt an den Börsen derzeit für Nervosität, Öl- und Goldpreise ziehen an. Langfristig jedoch könnte ein politischer Umbruch laut Top-Ökonomen deutliche Wohlstandsgewinne für Österreich bringen.

Am Wochenende haben Israel und die USA damit begonnen, den Iran anzugreifen und gleich beim Erstschlag ranghohe Regimevertreter ausgeschaltet. Seither ist der Konflikt im Nahen Osten immer stärker eskaliert und sorgte am Montag an den internationalen Finanzmärkten für erhebliche Verunsicherung. Die Börsen reagieren volatil, die Preise für Öl ziehen deutlich an, und auch Gold verteuert sich als klassischer "sicherer Hafen". Die Furcht vor einer Ausweitung der Kampfhandlungen und möglichen Störungen zentraler Handelsrouten belastet die globale Konjunkturperspektive.

Langfristig jedoch könnte ein grundlegender politischer Wandel im Iran und eine anschließende Reintegration in die Weltwirtschaft erhebliche ökonomische Impulse für Österreich und die Europäische Union auslösen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie eines internationalen Ökonom:innen-Teams um Mahdi Ghodsi vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) sowie Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr. Auftraggeberin war die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

BIP-Zuwachs

"Der Iran lebt seit der Islamischen Revolution von 1979 unter einem der strengsten Sanktionsregime der Welt und ist vom Westen weitgehend isoliert. Entsprechend groß wäre das wirtschaftliche Potenzial einer Öffnung des Landes unter einer neuen Regierung", so Ghodsi. Mehr Handel, niedrigere Energiepreise und eine effizientere internationale Arbeitsteilung brächten Europa deutliche Wohlstandsgewinne. Das Land mit rund 93 Millionen Einwohner:innen verfüge trotz der aktuell schwierigen Wirtschaftslage über erhebliches Entwicklungspotenzial.

Den Berechnungen zufolge könnte allein die Aufhebung der EU-Sanktionen das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Iran langfristig um mehr als 80 Prozent steigern. Für die EU ergäbe sich ein BIP-Zuwachs von rund 0,3 Prozent, für Österreich von 0,5 Prozent. Das entspreche einem zusätzlichen Jahreseinkommen von knapp 2,51 Milliarden Euro in Österreich und mehr als 54 Milliarden Euro in der EU.

Österreich mit überdurchschnittlichem Effekt

Österreich würde gemäß den Modellrechnungen überdurchschnittlich profitieren. Der prognostizierte BIP-Zuwachs von 0,5 Prozent liege deutlich über jenem Deutschlands mit 0,3 Prozent. Dies sei auf die heimische Wirtschaftsstruktur und spezifische Exportchancen zurückzuführen.

Österreich sei traditionell stark im Anlagen- und Maschinenbau, in der Bauwirtschaft, bei Verkehrsinfrastruktur sowie in der Wasseraufbereitung und Umwelttechnik, erläutert Ghodsi. Gerade in diesen Bereichen bestehe im Iran erheblicher Modernisierungsbedarf. Zudem habe Österreich bereits bislang zu den größten Exporteuren von Medikamenten und Medizintechnik in den Iran gezählt.

Annäherung an die Türkei oder Südkorea möglich

Besonders ausgeprägt wären die Effekte, wenn eine Sanktionsaufhebung mit strukturellen Reformen, höherer Produktivität und verbesserten institutionellen Rahmenbedingungen einherginge. Weniger Korruption, stärkere Rechtssicherheit und leistungsfähigere staatliche Institutionen könnten die Arbeitsproduktivität deutlich erhöhen.

In Szenarien, in denen sich der Iran bei der Produktivität an Länder wie die Türkei oder Südkorea annähere, könnte das iranische BIP um 240 Prozent bis 390 Prozent steigen und mittelfristig ein vergleichbares Entwicklungsniveau erreichen. Für die EU wären in diesem Fall Wohlstandsgewinne von bis zu 0,7 Prozent des BIP möglich.

Dämpfende Effekte auf Inflation

Eine Rückkehr des rohstoffreichen Landes auf die globalen Energiemärkte könnte Öl- und Gaspreise senken, die Volatilität verringern und damit den Inflationsdruck in Europa dämpfen. Stabilere politische Verhältnisse könnten zudem die Sicherheit zentraler Seehandelsrouten erhöhen und migrationspolitische Spannungen reduzieren.

Die Studie knüpft ihre Ergebnisse ausdrücklich an einen grundlegenden politischen Wandel im Iran. Eine Lockerung der Sanktionen unter dem derzeitigen Regime werde nicht befürwortet.

"Moralische Klarheit und wirtschaftliche Vorsorge schließen sich nicht aus", betont Gabriel Felbermayr. Es sei wichtig, mögliche Szenarien nüchtern zu analysieren und Europa auf die wirtschaftlichen Folgen politischer Veränderungen vorzubereiten.

Eskalationsrisiken durch regionalen Konflikt

Bereits vor den jüngsten militärischen Entwicklungen – darunter Angriffe Israels und der USA auf iranische Ziele – sei in der Studie auf erhebliche geopolitische Risiken hingewiesen worden. Die Islamische Republik weite den Konflikt aus, indem sie US-Stützpunkte in arabischen Golfstaaten ins Visier nehme.

Die wirtschaftlichen und geopolitischen Kosten dieses Krieges dürften rasch steigen, warnt Ghodsi. Zwar hätten große arabische Ölproduzenten angekündigt, ihre Förderung auszuweiten, um die Energiemärkte zu stabilisieren. Die Verschiffung von Erdöl durch die Straße von Hormus bleibe jedoch erheblichen Risiken ausgesetzt – selbst bei einer Beendigung der aktuellen Blockade. Es stehe zu befürchten, dass sich der Konflikt regional ausweite und eine lang anhaltende Destabilisierung mit massiven negativen Folgen für die Weltwirtschaft nach sich ziehe.

www.wiiw.ac.at

www.wifo.ac.at

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