Nicht-Handeln kostet Milliarden
Ignorieren des Klimawandels ist für heimische Unternehmen die teuerste Option

Wer jetzt keine entsprechenden Weichen für die Zukunft stellt, riskiert laut einer EY-Studie morgen steigende Kosten, Produktionsausfälle und Wettbewerbsnachteile – und kostet die Republik bis 2030 potenziell bis zu 2,9 Milliarden Euro. 

Österreich ist eine der Regionen Europas, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind – so liegt die Temperatur im Jahresdurchschnitt bereits rund 2,9 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau, während es im Tiefland etwa 3,0 Grad Celsius und in alpinen Gipfelregionen gar 3,3 Grad Celsius sind. Weiters hat sich die Zahl der Hitzetage (über 30 Grad Celsius) in manchen Regionen im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten verdoppelt oder gar verdreifacht. Und in der Wiener Innenstadt wurde zuletzt ein neuer Rekordwert von 46 Tropennächten in einem Sommer gemessen. 

Angesichts all dieser Zahlen wird deutlich, dass es sich beim Klimawandel längst nicht mehr um ein abstraktes Zukunftsszenario handelt. Bereits jetzt sind seine Auswirkungen deutlich spürbar – und zwar nicht nur in Form von zunehmenden Naturkatastrophen, sondern auch anhand von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten wie Arbeitsfähigkeit, Gesundheit, Produktivität oder Energieverbrauch. Für Unternehmen bedeutet das schon heute: steigende Ausgaben, wachsende Risiken und strukturelle Veränderungen.

Besonders vom Klimawandel und seinen Folgen betroffen ist hierzulande der Tourismus – und zwar das ganze Jahr über. Während die Wintersaison durch weniger Schnee, steigende Temperaturen und höhere Kosten für künstliche Beschneiung unter Druck gerät, belasten in der Sommersaison vor allem längere Hitzeperioden und ein damit steigender Energiebedarf die Betriebe. Aber auch Industrie und Logistik geraten durch den Klimawandel ins Wanken, beispielsweise durch Extremwetterereignisse, die Transportverbindungen für Monate einschränken können. 

Nicht-Handeln als teuerste Option

Vor diesem Hintergrund gilt es für diese, aber auch alle anderen Branchen, schon jetzt entsprechende Weichen für die Zukunft zu stellen. Wer dies nicht tut, gefährdet sein Geschäft enorm, wie aktuelle Ergebnisse des interaktiven Szenarioformats "EY Four Futures" der EY denkstatt belegen. Dieses zeigt anhand von vier Szenarien, wie heutige Entscheidungen die wirtschaftliche Realität im Jahr 2055 prägen könnten – und sie alle vier münden in der zentralen Erkenntnis, dass Nicht-Handeln kein stabiler Zustand ist. Denn je länger Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur Anpassung an den Klimawandel hinausgezögert werden, desto stärker steigen die Kosten – und zwar überproportional. So werden Anpassungsmaßnahmen im Laufe der Zeit immer teurer, Risiken materialisieren sich schneller und Handlungsspielräume schrumpfen.

"Nicht-Handeln wird häufig als risikolos wahrgenommen – tatsächlich ist es die teuerste Option. Unternehmen zahlen entweder heute gezielt in Transformation und Stärkung der Klimaresilienz ein oder morgen ungeplant in Schadensbegrenzung, Produktionsausfälle und Wettbewerbsnachteile", erklärt Margit Kapfer, Director und Klimaschutzexpertin bei EY denkstatt. Sie betont, dass Österreich den "dringenden Bedarf" habe, seine Industrie und Wertschöpfung an die Realitäten eines veränderten Klimas anzupassen: "Entscheidend sind die wertfreie und vorurteilslose Abwägung der verschiedenen Interessen aus Wirtschaft, Bedürfnissen der heimischen Bevölkerung und der Schaffung der Rahmenbedingungen für klimaresilientes Leben für die kommenden Generationen. Transformation ist daher keine Belastung, sondern ein klarer Arbeitsauftrag und Stärkung des Wirtschaftsstandortes im internationalen Wettbewerb."

Zielverfehlung kommt Österreich teuer zu stehen

Wer sich für das Nicht-Handeln entscheidet, ist mitverantwortlich für enorme volkswirtschaftliche Kosten, die sich bereits heute beziffern lassen. Das Verfehlen nationaler Klimaziele kann für Österreich laut Finanzministerium (BMF) nämlich bis zu 2,9 Milliarden Euro an budgetwirksamen Zahlungen verursachen, die beispielsweise durch den jährlichen Zukauf von Emissionszertifikaten entstehen. Selbst bei moderater Zielverfehlung rechnet das BMF mit Kosten von rund 1,6 Milliarden Euro bis 2030 – Mittel, die zulasten der Standortentwicklung ins Ausland fließen, anstatt in heimische Innovation, Infrastruktur oder Beschäftigung investiert werden zu können. Für Unternehmen bedeutet das in weiterer Folge steigende Energie- und Rohstoffkosten, höhere Versicherungsprämien oder eingeschränkte Versicherbarkeit, häufigere Betriebsunterbrechungen sowie sinkende Produktivität bei hohen Temperaturen. Darunter würden vor allem kleine und mittelständische Betriebe leiden, da diese Schäden meist nicht so leicht abfedern können wie große Unternehmen.

Also gilt es für Unternehmen, frühzeitig und konsequent zu handeln, um einerseits Risiken zu reduzieren und andererseits wirtschaftliche Chancen zu nutzen. Denn Energie- und Materialeffizienz, resiliente Lieferketten, nachhaltige Produkte und neue Geschäftsmodelle zahlen direkt auf Profitabilität und Investitionssicherheit ein und ermöglichen Unternehmen, dem steigenden Nachhaltigkeitsdruck von Konsument:innen, Kapitalmärkten und Geschäftspartnern entgegenzuhalten. "Unsere Zukunft ist kein unabwendbares Ereignis, sondern das Ergebnis intelligenter wirtschaftlicher Entscheidungen. Nicht-Handeln verschiebt Probleme nicht – es vergrößert sie. Wer heute investiert, spart morgen Kosten und sichert langfristig Wertschöpfung", fasst Kapfer zusammen, und ergänzt: "Klar ist auch: Die großen Zukunftsfragen lassen sich nicht im Alleingang lösen. Wirtschaft, Politik und Gesellschaft müssen gemeinsam handeln."

Wille ist da, Umsetzung scheitert

Dass Handlungsbedarf besteht, ist laut "EY Sustainability Barometer" in vielen der heimischen Unternehmen inzwischen zumindest angekommen und strategisch verankert, verliert operativ aber an Priorität. Während 2024 noch 23 Prozent der Unternehmen angaben, dass Klimaschutz ihr Handeln stark beeinflusst, sind es 2025 nur mehr zehn Prozent, und zugleich sehen 28 Prozent Umweltthemen nur noch als untergeordnet oder gar nicht relevant für Entscheidungen. Immerhin haben 73 Prozent (und damit mehr als im Vorjahr) zumindest ein Ziel zur Reduktion von Treibhausgasemissionen definiert. Die größte Herausforderung liegt jedoch in der Umsetzung: Finanzielle Einschränkungen und die Integration in bestehende Prozesse werden als zentrale Hürden genannt, noch vor regulatorischen Anforderungen.

"Wir sehen sehr klar: Der Wille ist da, aber die Umsetzung bleibt schwierig", so Andreas Lindinger, Senior Manager und Nachhaltigkeitsexperte bei EY denkstatt. "Viele Unternehmen unterschätzen, wie tief Nachhaltigkeit in Prozesse, Datenstrukturen und Entscheidungslogiken integriert werden muss, um tatsächlich Wirkung zu entfalten." Entsprechend nennen 67 Prozent die Verfügbarkeit und Qualität von Nachhaltigkeitsdaten als größte Schwierigkeit in der Berichterstattung, 46 Prozent sehen den Ressourcenaufwand als zentrales Problem. Zugleich fokussieren sich Unternehmen zunehmend auf den eigenen Betrieb: Der Anteil jener, die den CO₂-Fußabdruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette erheben, ist im Vergleich zu 2024 um zehn Prozentpunkte gesunken, wodurch kosteneffiziente Reduktionspotenziale bei Lieferanten oder Kund:innen ungenutzt bleiben.

Für zusätzliche Dynamik sorgt derzeit das EU-Omnibus-Paket, das Erleichterungen bei Schwellenwerten, Berichtsanforderungen und Übergangsfristen bringt und vielen Unternehmen vorerst eine Atempause verschafft. 51 Prozent nutzen diese Phase zur Überarbeitung bestehender Konzepte, Ziele und KPIs, während 36 Prozent ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten seit Einführung der Verordnung reduziert haben, besonders in der Bau- und Automobilbranche. Ob die Regelung als Beschleuniger oder Bremsklotz wirkt, hängt jedoch maßgeblich von der strategischen Ausrichtung der Unternehmen ab. "Regulatorische Entlastung ersetzt keine Transformation", betont Lindinger. "Unternehmen, die Nachhaltigkeit als reine Compliance-Übung verstehen, kämpfen zunehmend mit Ressourcenproblemen. Wer sie als Innovationstreiber begreift, stärkt Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit."

www.ey.com

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