Gastkommentar von Katharina Koßdorff
Österreich braucht keinen "Lebensmittel-Temu"

Mit der Teuerungsdebatte leistet man dem Produktionsstandort Österreich einen Bärendienst, meint Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Nahrungs- und Genussmittelindustrie.

Ja, alles ist teurer geworden. Wohnen, Energie, Öffis, Parken – und Lebensmittel. Seit 2021 sind die Preise spürbar gestiegen. Auch die Löhne im Übrigen. Nun zeigt die Schnellschätzung der Statistik Austria erstmals ein anderes Bild: Die Inflation sinkt im Jänner auf 2,0 Prozent, bei Nahrungsmitteln auf 2,7 Prozent. Ist das bereits die Trendwende? Ein Grund für den Rückgang sind statistische Basiseffekte durch die Strompreisbremse. Sie drücken die Inflation rechnerisch wieder nach unten. Ob diese Entwicklung nachhaltig ist, wird sich zeigen. Die angekündigten staatlichen Anti-Teuerungs-Maßnahmen bei Lebensmitteln werden dazu nicht beitragen – mit Ausnahme der Senkung der Mehrwertsteuer auf bestimmte Grundnahrungsmittel vermutlich. Das ist auch nicht verwunderlich. Wenn man für die Teuerung bei Lebensmitteln einen Schuldigen sucht und meint, ihn in den territorialen Lieferbeschränkungen gefunden zu haben, ist man auf dem Holzweg. Diese stehen in der öffentlichen Debatte mittlerweile für den sogenannten „Österreich Aufschlag" - ein vorgeschobenes Argument.

Das vehement geforderte Aus für den Österreich-Aufschlag, also die territorialen Lieferbeschränkungen, hätte tatsächlich weitreichende Folgen. Allerdings nicht für die Inflation, sondern für unseren Produktionsstandort. Gut zwei Drittel der in Österreich erzeugten Lebensmittel gehen in den Export; rund 180 Länder der Welt schätzen die hohe Qualität unserer Waren. Je nach Markt treffen Hersteller auf unterschiedliche Kosten – auch in der EU; diese variieren abhängig von Steuern, Vorschriften, Kaufkraft, Kosten für Energie, Personal, Logistik und Handelsvorgaben. Unterschiedliche Kosten führen zwangsläufig zu unterschiedlichen Preisen für idente Produkte – auch im Binnenmarkt.

Damit österreichische Lebensmittelunternehmen unter diesen Bedingungen wirtschaftlich bestehen können, müssen sie ihre Vertriebswege frei gestalten können. Denn nur so sichern sie die Produktion im Inland. Wäre ihnen das künftig verboten und müssten sie ihre Produkte dem hochkonzentrierten, marktstarken Handel EU-weit mit einem Einheitspreis – unabhängig von den lokalen Herstellerkosten - anbieten, würden Händler unbegrenzt Lebensmittel aus dem jeweils günstigsten Land beziehen und parallel in Länder mit national hohen Herstellungspreisen – wie es Österreich nun einmal ist – weiterverkaufen. Könnten die im Inland erzeugten Waren mit dieser Billigkonkurrenz mithalten? Nein. Das Ergebnis wäre ein Rückgang der Lebensmittelproduktion im Inland und eine weitere Verlagerung ins kostengünstigere Ausland.

"Lebensmittel-Temu" – nein, danke!

Wer das in Kauf nimmt, gefährdet 27.500 direkte Jobs in der Lebensmittelindustrie und 150.000 indirekte Arbeitsplätze in vor- und nachgelagerten Branchen. Etwa in der Landwirtschaft. Wird weniger in Österreich produziert, bedeutet das weniger Nachfrage nach regionalen Rohstoffen. Unsere ohnehin geringe Eigenversorgung würde weiter sinken. Wenn am Ende nur mehr der billigste Preis zählt, verliert Qualität ihren Wert – und Österreich seine Versorgungssicherheit. Wollen wir wirklich eine Zukunft, in der Österreich Obst, Gemüse, Milch oder Fleisch beim "Lebensmittel-Temu" ordern muss, um die Versorgung des Landes zu garantieren? Es wäre höchst kurzsichtig, unsere hohen Standards, die Krisenvorsorge und die stabile Versorgung des Landes aufs Spiel zu setzen.

Statt günstiger: Anti-Teuerungs-Maßnahmen treiben die Bürokratie nach oben

Mit einer staatlichen Margen-Kontrolle, Preiskommission, Shrinkflationgesetz und einer MwSt-Senkung soll die Teuerung bei Lebensmitteln gebremst werden. Doch werden Lebensmittel dadurch günstiger? Mitnichten. Stattdessen schafft die Bundesregierung enormen Aufwand für Lebensmittelunternehmen – und kaum echten Nutzen für Konsumentinnen und Konsumenten. Entbürokratisierung sieht anders aus. Vor allem die geplante Margenkontrolle wäre ein beispielloser Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Unternehmen entlang der gesamten

Lebensmittelkette sollen künftig regelmäßig ihre Margen an die Bundeswettbewerbsbehörde melden, während eine staatliche Preiskommission bei vermeintlich „ungerechtfertigter" Preispolitik Unternehmen abstraft. Welches Unternehmen will unter solchen Bedingungen noch in Österreich produzieren? Die Antwort liegt auf der Hand.

Im Zentrum muss vielmehr eine starke Industriepolitik stehen. Die Politik kann mit geeigneten Maßnahmen der Teuerung dort etwas entgegensetzen, wo sie gestalten kann: beim Industriestrompreis auch für den Lebensmittelsektor, um Energiekosten zu senken; bei der Reduzierung der Lohnnebenkosten, um die nachgezogenen hohen Personalkosten zu drücken; mit Bürokratieabbau anstatt neue Auflagen einzuführen. Es wurde einiges angestoßen – und es bleibt noch viel zu tun

Die unbequeme Wahrheit lautet: Preise wie damals werden nicht wiederkommen.

Die aktuellen Lebensmittelpreise sind ein Mix aus den wirtschaftlichen Folgen der letzten sechs Jahre: Pandemie, globale Unsicherheit, Angebot und Nachfrage und kriegerische Auseinandersetzungen. Müssen etwa Containerschiffe aus Asien wegen des Gaza-Kriegs anstatt durch den Suez-Kanal den Umweg rund um das Horn von Afrika nehmen, verursacht das höhere Kosten. Es ist an der Zeit, den Konsumentinnen und Konsumenten reinen Wein einzuschenken: Preise so wie damals werden nicht wiederkommen. Die Welt hat sich verändert und wir müssen uns alle darauf einstellen.

Fokussieren wir uns wieder auf das, was Lebensmittel Made in Austria auszeichnet: höchste Qualität, ein vielfältiges Angebot, hervorragend ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren leistungsstarken Betrieben – und die Wertschätzung, die unsere Produkte auch international genießen, allen voran in Deutschland. Lebensmittelproduktion in Österreich steht für Arbeitsplätze, Wohlstand und Sicherheit in der Versorgung unseres Landes. Gerade das ist in Zeiten, in denen Europa wieder aufrüstet, ein wichtiges Gut. Österreich wird nie der billigste Anbieter sein. Aber wir gehören zu den besten. Genau daran sollten wir – entlang der gesamten Lebensmittelkette und gemeinsam mit der Politik – konsequent weiterarbeiten.

www.wko.at


 

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