Laut Comgest-Analyse
KI-Euphorie treibt Investoren weg von Geduld und Qualität

| Larissa Bilovits 
| 22.01.2026

In den vergangenen Jahrzehnten ist die durchschnittliche Haltedauer von Aktien von acht Jahren auf weniger als sechs Monate gesunken. Grund dafür ist, dass sich Anleger:innen zunehmend von kurzfristigen Hypes beeinflussen lassen, anstatt langfristig auf Qualität zu setzen. 

Auch im heurigen Jahr dürfte Künstliche Intelligenz (KI) in vielen Marktprognosen eines der dominierenden Themen bleiben. Damit einhergehen nicht nur hohe Erwartungen, sondern auch eine gestiegene Risikobereitschaft vieler Anleger:innen. Laut einer aktuellen Analyse vom Comgest würde sich die Aufmerksamkeit der Märkte derzeit auf rein KI-bezogene Themen konzentrieren – Unternehmen über diesem Fokus hinaus, die über robuste Geschäftsmodelle, planbare Cashflows und nachhaltiges Wachstum verfügen, erhalten derzeit weniger Aufmerksamkeit von Investor:innen.

Trend zu kurzfristigen Investitionen

Wolfgang Fickus, Produktspezialist bei Comgest, ist überzeugt, dass diese Entwicklung Raum für differenzierte Betrachtungen eröffne: "Wir sehen mehrere Beispiele, bei denen sich die Bewertungen von Qualitätsunternehmen im Jahr 2025 deutlich von ihren Fundamentaldaten entkoppelt haben – in einem Ausmaß, das wir seit Langem nicht mehr erlebt haben. Aus unserer Sicht eröffnet diese Diskrepanz Chancen abseits kurzfristiger Modetrends und indexgetriebener Marktbewegungen", so der Experte. Er betont, dass sein Unternehmen seit nunmehr vier Jahrzehnten das Ziel verfolge, Portfolios aus Qualitätswachstumsunternehmen aufzubauen, die sich durch nachhaltiges Gewinnwachstum, hohe Kapitalrenditen und solide Bilanzen auszeichnen. Eben solche Unternehmen seien laut Comgest in der Lage, stabile Cashflows zu erwirtschaften und von verlässlichen Corporate-Governance-Strukturen zu profitieren. Aufgrund ihrer Fähigkeit, über unterschiedlichste Marktphasen hinweg profitabel zu bleiben, seien sie besonders für langfristig orientierte Anleger:innen attraktiv.

Durchschnittliche Aktienhaltedauer rapide gesunken

Im vergangenen Jahr sah sich dieser geduldige, langfristige Ansatz jedoch Gegenwind ausgesetzt. So rotierten die Märkte in Richtung kurzfristigen Momentum, wobei diese Entwicklung vor allem von KI-Euphorie, höheren Renditen, verbesserter Liquidität und erhöhter Währungsvolatilität getrieben wurde. Letztlich führte der starke Fokus auf eine kleine Gruppe hoch bewerteter KI-Aktien dazu, dass viele qualitativ hochwertige Unternehmen trotz anhaltenden Gewinnwachstums weniger Beachtung von Investor:innen fanden. "In einem Umfeld, das stark von KI-Euphorie geprägt ist, geraten aus unserer Sicht gerade jene Qualitätswachstumsmerkmale in den Hintergrund, die langfristig entscheidend sind – etwa die Fähigkeit zur freien Cashflow-Generierung, eine disziplinierte Kapitalallokation, Diversifikation und eine starke Unternehmenskultur", erklärt Fickus.

Teils ließen sich diese Entwicklung durch veränderte Marktmechaniken erklären, wie eine stärkere Beteiligung von Privatanleger:innen sowie die Zunahme von momentumgetriebenen Strategien. Inzwischen ist die durchschnittliche Haltedauer von Aktien auf weniger als sechs Monate gesunken – in den 1960er-Jahren waren es vergleichsweise noch rund acht Jahre. Die langfristige Überzeugung des Anlagestils Qualitätswachstums führt dazu, dass Portfolios nicht als Reaktion auf makroökonomische Ereignisse oder kurzfristige Zyklen angepasst werden. 

Rückkehr zur Qualität?

Comgest sei jedenfalls der Ansicht, dass gleich mehrere Faktoren für eine allmähliche Rückkehr der Qualität in den Fokus der Investor:innen sprechen. So liegen die Bewertungsprämien hochwertiger Unternehmen derzeit am unteren Ende ihrer historischen Bandbreite, während viele Value-Segmente nach der Rally im Jahr 2025 ambitioniert bewertet erscheinen. Gleichzeitig könnten langfristige Zinsen, ein sich stabilisierender US-Dollar und anhaltende Innovationsdynamik zu einem konstruktiveren Marktumfeld beitragen.

"Wir erwarten keine abrupten Wendepunkte", resümiert Fickus. "Aber wir sehen erste Anzeichen für ein sich veränderndes Marktumfeld. Nach Jahren der Übertreibung in einzelnen Segmenten könnten Qualität und Ertragsvisibilität wieder stärker in den Fokus rücken. Wir investieren nicht in kurzfristige Storys – sondern in Unternehmen, von deren Geschäftsmodellen wir überzeugt sind, dass sie auch in zehn Jahren noch relevant sein werden."

www.comgest.com

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