Nach einer Phase großer Euphorie rund um Künstliche Intelligenz (KI) scheinen Führungskräfte nun zunehmend pragmatische KI-Strategien zu verfolgen. Darauf weisen jedenfalls zwei neue Studien des Capgemini Research Institute mit den Titeln "The multi-year AI advantage: Building the enterprise of tomorrow" sowie "How AI is quietly reshaping executive decisions" (siehe Infobox) hin. Laut ersterer, für die weltweit rund 1.505 Führungskräfte großer Unternehmen befragt wurden, operationalisieren bereits knapp vier von zehn Unternehmen Anwendungsfälle generativer KI, während sechs von zehn Unternehmen aktuell den Einsatz von Agentic AI prüfen. Letztere wird auch bereits bei der Hälfte aller befragten chinesischen Unternehmen pilotiert oder implementiert, womit China deutlich vor Europa und den USA liegt. Dass Wettbewerbsnachteile entstehen könnten, wenn KI nicht so schnell skaliert wird wie bei der Konkurrenz, darüber sind sich insgesamt zwei Drittel der Führungskräfte im Klaren.
Weiters verändert sich auch die Bewertung der KI-Nutzung. Operative Effizienz und Kostensenkung gelten nicht länger als alleinige Maßstäbe. Stattdessen rücken neue ROI-Kriterien wie Umsatzwachstum, Risikomanagement und Compliance, Wissensmanagement sowie Kundenerlebnis und Personalisierung in den Fokus. Zudem misst mittlerweile mehr als die Hälfte der Unternehmen der Datensouveränität hohe Bedeutung bei, um sensible oder regulierte Daten unter eigener Kontrolle zu halten.
Pragmatik statt Euphorie
Der Blick nach vorn macht deutlich, dass Unternehmen ihre KI-Investitionen beschleunigen und sich stärker auf Anwendungen mit klar definierten Prozessen und messbaren Ergebnissen fokussieren wollen. Damit geht eine Abkehr von reinen Experimenten hin zu langfristiger Wertschöpfung einher. Bereits fast zwei Drittel stellen Projekte mit geringem Mehrwert zurück, um Ressourcen gezielt in Bereiche mit hohem Erfolgspotenzial zu lenken. Im Durchschnitt planen Unternehmen, im Jahr 2026 rund fünf Prozent ihres Jahresbudgets für Künstliche Intelligenz einzuplanen, nach drei Prozent im Jahr 2025. Als Grundlage für eine erfolgreiche KI-Adoption gelten dabei Investitionen in Infrastruktur, Daten, Governance und die Qualifizierung der Mitarbeitenden.
"Die KI-Euphorie weicht einer Hands-On-Pragmatik. Der Fokus verlagert sich auf langfristige, unternehmensweite Implementierungen, die Produktivität steigern und Entscheidungsfindung für Führungskräfte verbessern. Zudem rücken Umsatz, Kundenerlebnis, Risikomanagement und Innovationen in den Blick", meint Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende bei Capgemini Österreich. "KI hat eine entscheidende Schwelle überschritten: Die Frage ist nicht mehr, 'ob' sondern 'wie' man KI in die Unternehmensstruktur integriert. Viele Organisationen machen es bereits richtig: sie setzen auf starke Grundlagen aus Daten, Governance und das Zusammenspiel von Mensch und KI. Jetzt kommt es auf die Führungskräfte an: Können sie eine klare Vision kommunizieren und Verantwortung übernehmen? Das wird darüber entscheiden, ob die transformative Kraft von KI greifbaren Mehrwert liefert."
Wie KI Entscheidungsprozesse verändert
Die Spotlight-Studie "How AI is quietly reshaping executive decisions", für die 500 CXOs (darunter 100 CEOs) befragt wurden, verdeutlicht überdies, dass KI bereits heute eine relevante Rolle bei strategischen Entscheidungen spielt. Mehr als die Hälfte der Führungskräfte setzt KI entweder regelmäßig oder gezielt ein, um Entscheidungsprozesse zu unterstützen, und rechnet in den kommenden drei Jahren mit einer weiteren Zunahme dieses Einsatzes. Rund ein Drittel der Befragten befindet sich derzeit noch in einer explorativen Phase. Derzeit kommt KI vor allem bei der Bearbeitung von E-Mails, der Erstellung von Meeting-Zusammenfassungen, der Arbeit mit Dokumenten sowie bei Recherche- und Analyseaufgaben zum Einsatz. In drei Jahren erwarten die CXOs jedoch, dass KI zunehmend dazu beitragen wird, strategisches Denken zu ergänzen und kritisch zu hinterfragen.
Der frühe Einsatz bringt aus Sicht vieler Führungskräfte bereits messbare Vorteile. Mehr als die Hälfte berichtet von spürbaren Zeit- und Kosteneinsparungen bei Entscheidungsprozessen sowie von zusätzlicher Kreativität und größerer strategischer Weitsicht durch den Einsatz von KI. Gleichzeitig herrscht Einigkeit darüber, dass KI das menschliche Urteilsvermögen nicht ersetzt, sondern unterstützt. Lediglich ein Prozent der CXOs geht davon aus, dass Künstliche Intelligenz innerhalb der nächsten ein bis drei Jahre eigenständig bestimmte strategische Entscheidungen treffen könnte.
Trotz der positiven Effekte ist das Bewusstsein für bestehende Herausforderungen ausgeprägt. CEOs, CFOs und COOs nennen insbesondere rechtliche Fragestellungen, Sicherheitsrisiken sowie die begrenzte Nachvollziehbarkeit KI-gestützter Entscheidungen als zentrale Bedenken. Zudem gehen viele Führungskräfte zurückhaltend mit ihrer eigenen KI-Nutzung um. Nur elf Prozent geben an, den Einsatz von KI in strategischen Entscheidungen offen zu kommunizieren oder dies zu planen. Ausschlaggebend für diese Zurückhaltung sind mögliche Reputationsrisiken im Fall von Fehlentscheidungen sowie Unsicherheiten darüber, wie Kund:innen, Geschäftspartner:innen und die Öffentlichkeit den KI-Einsatz bewerten.
Mehr Informationen zu den Studien finden Sie in unserer Infobox.
www.capgemini.com
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