Komplexität ist zum Dauerzustand geworden. Was früher als anspruchsvoll galt, wirkt heute vielfach überfordernd. Genau hier setzt das Gespräch an, das KEYaccount-Herausgeber Wolfgang Zechner in der aktuellen Ausgabe des Videotalks führt. Gemeinsam mit Harald Franzke und Albin Lintner diskutiert er die Frage, warum Orientierung in Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend fehlt und weshalb Dekomplexität zu einer der zentralen Führungsaufgaben unserer Zeit werden könnte.
Harald Franzke hat heuer drei Bücher veröffentlicht, Albin Lintner fungierte dabei als Herausgeber. Die Edition besteht aus „Knackpunkt“, „Burning Fires“ und „Filosofi“ und bündelt insgesamt 61 Themen, die von Demokratie und Korruption über psychische Gesundheit bis hin zu Entscheidungs- und Führungsfragen reichen.
Dekomplexität bedeutet dabei nicht Vereinfachung im naiven Sinn. Es geht nicht um ein Weglassen des Weglassens willen, sondern um „effektive Vereinfachung“, also um Reduktion mit Wirkung. Franzke argumentiert, dass Systeme heute häufig an Überfrachtung leiden: zu viele Regeln, zu viele Ebenen, zu viele gleichzeitige Anforderungen. Dekomplexität heißt, die entscheidenden Stellschrauben zu identifizieren und bewusst zu justieren.
Eng damit verbunden ist ein Leitgedanke, der sich durch das gesamte Gespräch zieht: die Rückkehr zum menschlichen Maß. Gemeint ist keine romantische Verklärung, sondern die Frage, was für Menschen in Organisationen tatsächlich handhabbar, verantwortbar und sinnvoll ist. Management im menschlichen Maß bedeutet, Strukturen so zu gestalten, dass sie Leistungsfähigkeit ermöglichen, ohne Überforderung zu produzieren.
Hierarchien hinterfragen, Verantwortung übernehmen
Für Albin Lintner, der seit vielen Jahren den Verpackungs- und Lebensmittelproduzenten Pacovis Österreich führt und zuvor die Geschäfte von Lekkerland Österreich verantwortete, ist das keine theoretische Debatte. Die zunehmende regulatorische Dichte, neue Berichtspflichten und internationale Anforderungen seien längst zu einem nennenswerten Teil des unternehmerischen Aufwands geworden. Gerade in regulierten Branchen stoße man rasch an Grenzen. Seine Antwort: Hierarchien hinterfragen, Verantwortung statt Machtebenen stärken, Entscheidungswege verkürzen. Wo Selbstverantwortung gelebt werde, brauche es weniger Regelwerke. "Der Zweck unserer Tätigkeit soll dem Menschen dienen und nicht umgekehrt“, betont Lintner. Dekomplexität wird so zum Kulturthema und zum Ausdruck eines menschlichen Maßes im Unternehmensalltag.
Das sind die drei Bücher
Im Band „Burning Fires“ widmet sich Franzke globalen Megathemen wie Einsamkeit, gesellschaftlicher Polarisierung oder Energiewende. Warum sollten sich Unternehmer mit solchen Fragen beschäftigen, auch wenn sie nicht unmittelbar bilanzwirksam erscheinen? Weil Unternehmen Teil der Gesellschaft sind. Wer Wertewandel, psychische Belastungen oder soziale Spannungen ignoriert, riskiert langfristig auch wirtschaftliche Folgen. Das menschliche Maß wird hier zum Prüfstein: Wie viel Belastung vertragen Menschen, bevor Systeme kippen?
Mit „Filosofi“ rückt Franzke das Denken selbst in den Mittelpunkt. In einer Zeit permanenter Beschleunigung braucht es Räume für Reflexion. Reindenken, Durchdenken, Überdenken. Gerade Führungskräfte sind gefordert, nicht in operativer Überlastung zu verharren, sondern gedankliche Klarheit zu schaffen. Auch das ist Management im menschlichen Maß: nicht nur handeln, sondern verstehen.
„Knackpunkt“ schließlich fokussiert Entscheidungs- und Fokusfragen. Entscheidungen basieren auf Erfahrung, brauchen Perspektivenvielfalt und Entschlossenheit. Und ebenso die Bereitschaft zur Korrektur. Nicht fehlendes Wissen ist oft das Problem, sondern eine fehlende Entscheidungskultur. Dekomplexität bedeutet in diesem Zusammenhang, Entscheidungsfähigkeit wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
Das Video zur aktuellen Ausgabe des KEYaccount-Videotalks zeigt, wie sich die Perspektiven von Autor und Herausgeber ergänzen und an vielen Punkten decken. Beide eint die Überzeugung, dass Komplexität kein unverrückbares Schicksal ist. Letztlich laufen viele der diskutierten Thesen auf eine gemeinsame Kernfrage hinaus: Wie schaffen wir Systeme, die dem Menschen dienen und nicht umgekehrt? Das menschliche Maß wird so zum Managementprinzip und zur Voraussetzung für nachhaltige Orientierung.
Alle drei Bücher sind als Print-on-Demand-Ausgaben im Buchhandel und bei den großen Online-Versendern erhältlich.
www.pacovis.com
www.together.co.at
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