Neos wollen orf.at abdrehen

| Julia Weninger 
| 03.08.2022

Die "blaue Seite" hätte eine unverhältnismäßige Marktmacht. 

orf.at ist die mit Abstand meistgenutzte Onlineseite des Landes, über drei Millionen User:innen werden jeden Tag erreicht. Die Mediensprecherin der Neos, Henriette Brandstötter, fordert nun das Ende von orf.at. "Retten wir die Medienvielfalt. "Drehen wir orf.at ab!", lautet der Titel ihres Gastkommentars auf profil.at in Bezug auf die geplante Novelle des ORF.

"Ein Paradies für Leser:innen"

Keine Bezahlschranke stoppe den Lesefluss nach wenigen Zeilen, auch mit Werbung werde man kaum belästigt, so Brandstötter weiter. Dies seien paradiesische Zustände für Leser:innen, aber ein Problem für die Mitbewerber in der Nachrichtenbranche.

Mit über 650 Millionen Euro jährlichem Gebührengeld bestens ausgestattet hätte der ORF eine unverhältnismäßige Marktmacht, so Brandstötter. Während Printmedien mit verdoppelten Papierpreisen und gesunkenen Werbeerlösen zu kämpfen hätten und somit zwingend darauf angewiesen wären, auch ihre digitalen Inhalte zu monetarisieren.

Alle Printtitel stünden unter enormem Druck, so Brandstötter weiter und verweist unter anderem auf die gestiegenen Preise für Zeitungspapier, "gepaart mit den gestiegenen Spritpreisen ist eine Versorgung der Abonnent:innen in vielen ländlichen Regionen finanziell nicht mehr zu stemmen." Zudem führt sie an, dass Werbebudgets zu den Online-Riesen Google, Facebook und Co ab wandern. Dieser Trend sei unumkehrbar und "soll auch nicht durch weitere sinnlose Werbeeinschaltungen der öffentlichen Hand kompensiert werden". 

"Retten wir die Medienvielfalt"

Alle Printprodukte seien ihr zufolge zwingend darauf angewiesen, auch ihre digitalen Inhalte zu monetarisieren. "Weshalb aber soll ich als Bürger:in ein Digital-Abo abschließen, wenn nur einen Klick weiter kostenlos ORF.at lockt?"

"Drehen wir ORF.at ab! Nur so können wir digitalisierten Printtiteln das Überleben ermöglichen. Retten wir die Medienvielfalt", fordert Brandstötter.

Vorbild Deutschland?

Deutschland hätte ihr zufolge den richtigen Weg eingeschlagen: ARD und ZDF seien presseähnliche Produkte untersagt. "Um Meinungsvielfalt und Medienpluralismus in unserem Land zu erhalten, müssen wir daher den ORF, der auf vielen Ebenen auch politisch durchwirkt ist, in seinen Möglichkeiten beschränken", schreibt die Neos-Politikerin.

www.orf.at

www.neos.at

 

nicht nur online
Total unverständlicher Vorschlag. Ein Medium höchster Qualität abzuschaffen, nur weil es die Möglichkeit hat, gratis aufzutreten, das wäre das absolut falsche Signal. Die Qualität der verbreiteten Informationen hat einen unschätzbaren Wert. Die Politik sollte sich verpflichtet fühlen, Qualitätsjournalismus darüber hinaus zu fördern und zu unterstützen - auch das könnte zu einer pluralistischen Medienlandschaft führen. Es ist überaus wichtig, dass allen Menschen der Zugriff auf qualitätsvolle Information offensteht.
Diese Sichtweise ist total kurzsichtig und leistet Zuständen Vorschub wie in den USA, wo es mit National Public Radio NPR ein gutes, aber letztlich irrelevantes öffentlich-rechtliches Angebot gibt. Wann kapiert der VÖZ endlich, dass die Konkurrenz nicht der ORF sondern Google und Social Media et al sind. Man muss kein Freund des teilweise politisch kontrollierten ORF sein (btw der Stiftungsrat gehört entpolitisiert, hoffentlich hat die initiierte Klage Erfolg), aber in diesen aus den Fugen geratenen Zeiten ist ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk mit Online-Präsenz essentiell für die Verteidigung liberaler pluralistischer Demokratien!
Das Gewinnstreben privater Akteure sollte hinter dem Allgemeinwohl zurückstehen und über eine zeitgemäße Presseförderung für qualitativ gute Medien geregelt werden.
Und als kleine Anregung könnte sich die BWB (Mandat?) die vielen kleinen Zeitungsmonopole in Form von dominierenden Regionalmedien in den Bundesländern ansehen, zB wo die Russ-Mediengruppe dominierende Stellung hat.
Nett wäre auch, wenn der VÖZ die institutionalisierte Inseratenkorruption in manchen seiner Medienmitglieder thematisieren und in den Griff bekommen würde, das erspart man sich auf orf.at eben wegen der Gebührenfinanzierung.
Stimme zu, wußte gar nicht, dass die gute Henrike das Lied des VÖZ singt - ein weiter Weg von der Pressesprecherin der Wiener ÖVP, puls24 in den NR für NEOS und jetzt so frontal gegen den ORF. Abgesehen von medienpolitischen Überlegungen, die ich nicht teile (allerdings kann frau durchaus dieser Meinung sein), ist es halt so, dass orf.at gut gemacht ist. So gesehen funzt hier die „marktbeherrschende“ Stellung nur bedingt, wäre das so, dass „crossmedia“ ein unwiderstehlicher Sog wäre, der die Hundertausende vom TV zum Hörfunk und wieder zu orf.at zieht, müßte auch flimmit, dass der ORF gekauft hat, abheben wie eine Saturn V Rakete. Was sie nicht macht, nicht einmal annähernd. Fazit: mehr anstrengen bei den eigenen online Angeboten, Werbung gibts auch orf.at, das Argument geht mal ins Leere - und wenn der online Auftritt nicht gut ist, na dann wirds halt nix damit, wir sind ja kein kommunistisches Land! Die Zeitungen bekommen im Verhältnis ohnehin an Haufen Geld dafür, dass sie die Redaktionen verkleinern, zu 8o% nur mehr Agentur-Meldungen abschreiben und Einsteiger von einem Praktikum zum anderen gereicht werden. Und von Qualitätszeitung sind wir ganz weit weg.

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