Venedig, London, Dresden, Wien: vier Städte, zwei Künstler, ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte. Die Frühjahrsausstellung des Kunsthistorischen Museums lädt ein, dem 18. Jahrhundert auf Reisen zu folgen.
Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto (1697–1768), und sein Neffe und Schüler Bernardo Bellotto (1721–1780) prägen bis heute, wie wir manche europäische Stadt in unserer Vorstellung sehen. Mit optischen Hilfsmitteln wie der Camera obscura studierten sie Stadtarchitektur mit wissenschaftlicher Genauigkeit – und verwandelten das Beobachtete dann schöpferisch in dramatisch komponierte, atmosphärisch verdichtete Bilder. Veduten, die nicht festhalten, wie es war, sondern wie es sein sollte.
Ein Name und die Verwirrung, die er stiftet
Der Name "Canaletto" ist beinahe ein Synonym der Vedute – und sorgt bis heute für Verwirrung. Denn auch Bellotto signierte einige seiner Werke mit "genannt Canaletto", um seine Verbindung zum berühmten Onkel und Lehrer zu unterstreichen und den eigenen Marktwert zu steigern. Die Ausstellung setzt klar: Nur Giovanni Antonio Canal trägt hier diesen Beinamen. Während Canaletto sein Leben lang als freiberuflicher Vedutenmaler arbeitete, abhängig von wechselnden Auftraggebern, erlangte Bellotto schließlich eine feste Anstellung am Dresdner Hof.
Die Ausstellung folgt diesem Lebensweg der beiden Maler chronologisch und geografisch: Sie beginnt in Venedig, führt nach London, weiter nach Dresden und schließlich nach Wien – und zeigt dabei, wie die Vedute als Bildgattung im Spiegel von Krieg, Mobilität und politischen Verhältnissen entstand und sich wandelte.

Die Riva degli Schiavoni in Venedig, Canaletto (1697–1768) um 1730, Öl auf Leinwand, 46 × 63 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband
Von Venedig nach Europa
Als der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–1748) den Reiseverkehr stocken ließ und die zahlungskräftige Kundschaft ausblieb, erkannten Onkel und Neffe, dass ihre Karrieren außerhalb Italiens bessere Perspektiven boten. Canaletto wanderte nach London aus, wo er etwa die prächtige Themse-Schau zum Lord Mayor's Day malte – ein venezianisches Spektakel, übertragen auf die englische Hauptstadt. Bellotto zog nach Dresden, wo er Hofmaler des Kurfürsten von Sachsen wurde, bevor der Siebenjährige Krieg auch ihn zur Weiterreise zwang. 1759 kam er nach Wien.
Wien, kaiserlich komponiert
Bellottos Wiener Aufenthalt dauerte nur zwei Jahre – doch er war außerordentlich produktiv. 13 Gemälde gelangten in die Sammlung der Habsburger; die Ausstellung präsentiert so gut wie alle bekannten Werke dieser Schaffensperiode. Darunter das berühmteste: Wien vom Belvedere aus gesehen (1759/60), gemalt kurz nach seiner Ankunft. Bellotto zeigt die Stadt in kaiserlicher Ordnung, subtil verdichtet: Die Türme erscheinen höher, als sie sind, die Entfernungen zwischen Karlskirche und Stephansdom kürzer als in der Realität. Was wie eine Dokumentation wirkt, ist in Wahrheit eine Inszenierung.
Die Gemälde aus dem Bestand des Kunsthistorischen Museums wurden speziell für diese Ausstellung restauriert und gereinigt. Ergänzt durch bedeutende Leihgaben aus den Sammlungen der Fürsten von Liechtenstein können Bellottos Wiener Veduten seit mehr als 20 Jahren erstmals wieder nahezu vollständig gemeinsam betrachtet werden.

Canaletto und Bellotto malten Städte, wie man sie sehen wollte – präzise, theatralisch, unwiderstehlich. Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Jakob Gsöllpointner
Die Vedute als konstruiertes Bild
Der kuratorische Kern der Schau ist eine kunsthistorisch brisante These: Die Stadtansicht des 18. Jahrhunderts ist kein neutrales Dokument. Was wie eine beinahe fotografische Wiedergabe der Wirklichkeit wirkt, ist in Wahrheit ein bewusst gestaltetes Bild – geprägt von künstlerischen Entscheidungen, sozio-politischen Kontexten und den Erwartungen der Auftraggeber. Bellotto etwa platziert das Bürgerspital – Heim für Arme und Gebrechliche – im Schatten des hell erleuchteten Palais Lobkowicz. Das Elend ist sichtbar, aber zurückgenommen. Macht und Not sind in seinen Veduten immer zugleich präsent.

Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Jakob Gsöllpointner
32 Gemälde – viele erstmals in Österreich
Insgesamt zeigt die Ausstellung 32 Gemälde, darunter hochkarätige internationale Leihgaben. Canalettos Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore aus (1735/44) aus der Wallace Collection sowie seine Londoner Ansichten – Die Themse am Lord Mayor's Day aus der Sammlung Lobkowicz und Westminster Abbey mit einer Prozession der Ritter des Bath-Ordens (1749) aus dem Besitz des Dean and Chapter of Westminster – sind erstmals öffentlich in Österreich zu sehen. Ergänzt werden die Gemälde durch Druckgrafiken und wissenschaftliche Instrumente, die den intellektuellen Kontext einer Epoche beleuchten, in der optische Präzision und künstlerische Freiheit einander befruchteten.
Canaletto & Bellotto
Kunsthistorisches Museum
bis 6. September 2026
www.khm.at